22. SEPTEMBER 2026

Jenseits der Frontier-Modelle: Warum der KI-Ausbau voranschreitet

Auf den Punkt gebracht

Ann-Katrin Petersen ist Leiterin der Kapitalmarktstrategie bei BlackRock für Deutschland, Österreich, die Schweiz und Osteuropa. Sie blickt jede Woche auf aktuelle Entwicklungen an den Märkten und ordnet mögliche Auswirkungen für Anlegerinnen und Anleger ein.

Drei Themen

  • 01

    US-Notenbank

    Interpretieren die Märkte den restriktiven Ton der Fed über?

  • 02

    Wettbewerb um Kapital

    KI-Ausbau trifft auf die 5 %-Welt

  • 03

    Diskussion um KI-Frontier-Modelle

    Nicht mit einem langsameren Ausbau der KI-Infrastruktur gleichzusetzen

Die Kapitalmärkte zeichneten in der vergangenen Woche ein vergleichsweise uneinheitliches Bild vor dem Hintergrund widersprüchlicher Signale aus Nahost, von Zinserhöhungen der US-Notenbank Fed und der Bank of Japan sowie der anhaltenden Debatte über eine Verlangsamung des KI-Vormarsches – Stichwort Frontier-Modelle.

Auf Wochensicht bewegte sich der US-amerikanische Leitindex S&P 500 mehr oder minder seitwärts, während die Börsen in Europa und den Schwellenmärkten im Minus schlossen. Gleichzeitig kletterten die Renditen zwei- und zehnjähriger US-Staatsanleihen, nachdem die Märkte die Kommentare von Fed-Notenbankchef Kevin Warsh als „hawkish“ interpretiert hatten (Quelle: LSEG, 18.09.2026).

US-Notenbank: Interpretieren die Märkte den restriktiven Ton der Fed über?

Die US-Notenbank hat die Leitzinsen erstmals seit drei Jahren angehoben – um 25 Basispunkte auf einen Korridor von 3,75 % bis 4,00 % – und damit aufkommende Sorgen um ihre Glaubwürdigkeit gemildert. Auf der Jackson-Hole-Konferenz im Sommer hatte Fed-Präsident Kevin Warsh signalisiert, dass es für die Notenbank schwierig wäre, die Leitzinsen unverändert zu lassen, sofern keine weiteren Fortschritte bei der Inflation erzielt werden. Seither hatten sowohl die Arbeitsmarkt- als auch die Inflationsdaten darauf hingedeutet, dass die zugrunde liegenden Inflationskräfte weiterhin hartnäckig ausfallen. Die Fed stand damit zunehmend unter Zugzwang.

Gleichzeitig hat die Rendite zehnjähriger US-Staatsanleihen die Marke von 5 % überschritten. Bislang spiegeln die höheren Renditen jedoch vor allem steigende Realzinsen und Erwartungen einer strafferen Geldpolitik wider, nicht einen abrupten Anstieg der Laufzeitprämie, also der zusätzlichen Entschädigung, die Anleger für das Halten langlaufender Anleihen verlangen.

Aus unserer Sicht besteht das Risiko, dass die Märkte den „hawkishen“ Ton der Pressekonferenz überinterpretieren. Eine Zinserhöhung, die in einem Umfeld robusten Wachstums die Glaubwürdigkeit der Fed stärkt, ist unter dem Strich keine schlechte Nachricht für Risikoanlagen.

Wettbewerb um Kapital: KI-Ausbau trifft auf die 5 %-Welt

Für den Aktienmarktausblick ist aus unserer Sicht entscheidend, was hinter den höheren Anleiherenditen steckt. Ein wesentlicher Treiber bleibt der zunehmende Wettbewerb um Kapital: Hohe staatliche Finanzierungsbedarfe treffen auf den wachsenden Kapitalbedarf für den KI-Infrastrukturausbau. Die jüngsten Zahlen offenbaren den intensivsten Wettbewerb um Kapital seit der globalen Finanzkrise und dem Covid-Schock. Nach unseren Schätzungen könnte der jährliche US-Finanzierungsbedarf bis 2030 auf mehr als 7,5 Billionen US-Dollar steigen, maßgeblich getrieben durch Investitionen in KI-Infrastruktur.

Das breitere Universum von Anleihen mit Bezug zu KI und Rechenzentren macht in diesem Jahr rund 14 % der US-Investment-Grade-Emissionen aus. 2025 waren es 5 %, im vorhergehenden Jahrzehnt durchschnittlich lediglich 1 %. Wir sehen weiterhin erheblichen Spielraum für diese Finanzierungswelle.

Die anhaltend hohe Kapitalnachfrage dürfte Finanzierungskosten erhöht halten. Zusätzlichen Aufwärtsdruck auf Anleiherenditen könnten die hartnäckige Inflation und die Inflationsrisiken infolge des Angebotsschocks im Nahen Osten ausüben. Die Straße von Hormus bleibt infolge des Konflikts faktisch geschlossen. Brent-Rohöl ist wieder auf über 100 US-Dollar je Barrel gestiegen und verstärkt den Inflationsdruck in einer Welt, die zunehmend von Angebotsknappheiten geprägt ist.

Höhere Energiepreise erhöhen nicht nur die Gesamtinflation. Wenn sie auf Löhne und andere Kosten übergreifen, können sie auch die Kerninflation hartnäckiger machen und eine länger straffe Geldpolitik erforderlich machen.

Deshalb ist die Ursache steigender Renditen entscheidend. Zentralbanken sollten einen wachstumsgetriebenen Wettbewerb um Kapital nicht unterdrücken und können physische Energieknappheiten nicht beheben. Sie können jedoch durch glaubwürdige Geldpolitik verhindern, dass die Laufzeitprämie unnötig steigt.

Die Zinserhöhung der Fed am vergangenen Mittwoch hat unseres Erachtens dazu beigetragen, diese Glaubwürdigkeit zu stärken. Versuche hingegen, Renditen durch eine höhere Inflationstoleranz oder ohne eine Lösung der zugrunde liegenden fiskalischen Probleme zu begrenzen, könnten das Vertrauen untergraben und die Laufzeitprämie nach oben treiben. Nach der jüngsten Fed-Sitzung erscheint das Risiko eines glaubwürdigkeitsbedingten Renditeschubs jedoch zunächst begrenzt.

Für unsere Anlageeinschätzungen bleibt diese Unterscheidung zentral: Ein Renditeanstieg, der durch robustes Wachstum, Investitionsnachfrage und glaubwürdige Zentralbankpolitik verursacht wird, kann mit einer risikofreudigen Positionierung vereinbar sein. Problematischer wäre dagegen ein Renditeanstieg, der zunehmend auf Inflationsrisiken oder Zweifel an der politischen Glaubwürdigkeit zurückzuführen ist.

Wer kann die höheren Kapitalkosten tragen? Diese Frage gewinnt in einer „5 %-Welt“ an Bedeutung. Mit anderen Worten: Sind die gesamtwirtschaftlichen und unternehmerischen Fundamentaldaten robust genug? Klar ist: Die Belastung durch höhere Kapitalkosten dürfte sehr unterschiedlich ausfallen. Unternehmen mit robustem Gewinnwachstum und starken Bilanzen können höhere Finanzierungskosten eher verkraften, während hoch verschuldete Kreditnehmer stärker unter Druck geraten.

Wir bleiben in US-Aktien und im KI-Thema taktisch übergewichtet, da widerstandsfähige Gewinne dazu beitragen können, höhere Finanzierungskosten zu absorbieren.

Auch an den Anleihemärkten entstehen attraktive Ertragsmöglichkeiten, allerdings ist Selektivität entscheidend. Auf einem strategischen Anlagehorizont von fünf Jahren und mehr bevorzugen wir kurz- bis mittelfristige Staatsanleihen aufgrund ihres attraktiven Zinseinkommens. Bei Unternehmensanleihen konzentrieren wir uns auf attraktive Kupons und meiden sowohl die schwächsten Schuldner als auch Unternehmen, die besonders große Mengen neuer Schulden emittieren.

Diskussion um KI-Frontier-Modelle: Nicht mit langsamerem Ausbau der KI-Infrastruktur gleichzusetzen

Stichwort Preissetzungsmacht und Unternehmensgewinne: Die Diskussion über eine mögliche Verlangsamung bei der Entwicklung von Frontier-Modellen hat die Märkte zuletzt verunsichert. Wir würden dies jedoch nicht mit einem langsameren physischen Ausbau der KI-Infrastruktur gleichsetzen.

Die Nachfrage bleibt robust: Der Großteil der KI-Rechenleistung wird für sog. Inferenz genutzt, also für die Anwendung bestehender Modelle, und nicht für das Training neuer Frontier-Modelle. Da die breite Anwendung von KI erst am Anfang steht, dürfte die Inferenz auch dann ein wichtiger Treiber der Rechenleistungsnachfrage bleiben, selbst wenn sich der Fortschritt bei Frontier-Modellen verlangsamt.

Das Ausbaupotenzial wird eher durch das Angebot als durch die Nachfrage begrenzt. Die entscheidenden Engpässe sind physischer und finanzieller Natur – Rechenleistung, Energie, Fachkräfte, Finanzierungskosten und Kapitalverfügbarkeit – sowie politische Akzeptanz.

Unser Fazit: Hohe staatliche Kreditaufnahme und der KI-Ausbau verschärfen den Wettbewerb um Kapital. Wir halten an unserer konstruktiven Haltung fest und bleiben bei US-Aktien übergewichtet. Bei Anleihen bevorzugen wir attraktive laufende Erträge außerhalb der schwächsten Kreditnehmer und der größten Schuldenemittenten.

In der kommenden Woche wird sich das Augenmerk auf das Verbrauchervertrauen im Euroraum und die vorläufigen globalen Einkaufsmanagerindizes richten, die Hinweise auf die Wachstumsperspektiven zum Jahresende liefern. Sie fungieren als Stimmungsbarometer, um festzustellen, ob und inwiefern sich die Unternehmensaktivität in den USA, Großbritannien und Europa trotz steigender Finanzierungskosten behauptet. Eine weiterhin robuste Entwicklung in den USA würde die Einschätzung stützen, dass die Zinsen länger erhöht bleiben.

Alle Meinungen und Schätzungen in diesem Dokument, einschließlich Renditeprognosen, spiegeln unsere Beurteilung bei Redaktionsschluss wider, können ohne vorherige Ankündigung geändert werden und beruhen auf Annahmen, die sich möglicherweise nicht als zutreffend erweisen.

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