3. NOVEMBER 2026

KI-Investitionen unter Beweislast

Auf den Punkt gebracht

Ann-Katrin Petersen ist Leiterin der Kapitalmarktstrategie bei BlackRock für Deutschland, Österreich, die Schweiz und Osteuropa. Sie blickt jede Woche auf aktuelle Entwicklungen an den Märkten und ordnet mögliche Auswirkungen für Anlegerinnen und Anleger ein.

Drei Themen

  • 01

    Großwetterlage

    Zwei Fragen treiben die Märkte

  • 02

    Gewinnberichtssaison

    Beweislast rund um KI steigt

  • 03

    Geldpolitik

    Zinspause ist kein Schlusspunkt

Nach der kräftigen Wertentwicklung der vergangenen Monate war das Marktumfeld zuletzt von Gewinnmitnahmen an den Aktienmärkten geprägt, vor allem bei Technologiewerten. Gleichzeitig schichteten Anleger verstärkt in Staatsanleihen um.

Der technologielastige amerikanische Nasdaq verlor im Oktober rund 5 % und verzeichnete damit seinen schwächsten Monat seit März 2025. Vom jüngsten Rekordhoch hat sich der Index inzwischen spürbar entfernt. Der Abstand blieb zum Wochenschluss aber unter der Schwelle von 10 %, ab der Börsianer von einer Korrektur sprechen (Quelle: LSEG, 30.10.2026). Die Verluste konzentrierten sich vor allem auf die großen Technologiewerte. Dahinter steht zunehmend die Frage, ob die enormen Investitionen in den KI-Ausbau auch entsprechende Erträge generieren können.

An den Rentenmärkten hat sich der Renditeanstieg dagegen zuletzt etwas entspannt. Die Renditen zehnjähriger Staatsanleihen aus den USA, Deutschland, Großbritannien und Japan liegen inzwischen rund 20 bis 40 Basispunkte unter ihren im September beziehungsweise Oktober erreichten Mehrjahreshochs. Und das, obwohl der Brent-Ölpreis im Oktober um rund 13 % auf zuletzt deutlich über 110 US-Dollar je Barrel gestiegen ist (Quelle: LSEG, 30.10.2026). Gegenüber dem Jahresbeginn liegen die Anleiherenditen allerdings weiterhin deutlich höher.

Großwetterlage: Zwei Fragen treiben die Märkte

Das Marktgeschehen wird derzeit insbesondere von zwei Fragen bestimmt: Wie weit könnten die Zinsen noch steigen? Und kann sich der milliardenschwere KI-Ausbau wirtschaftlich rechnen? Gerade die zweite Frage hat, wie eingangs erwähnt, für die Märkte zuletzt an Bedeutung gewonnen.

Beides hängt enger zusammen, als es zunächst scheint. Der KI-Ausbau erhöht den Investitions- und Finanzierungsbedarf in einer Welt, in der Staaten und Unternehmen zunehmend um denselben Kapitalpool konkurrieren. Dieser verschärfte Wettbewerb um Kapital kann wiederum dazu beitragen, dass die Anleiherenditen dauerhaft höher bleiben.

Höhere Anleiherenditen und robuste Aktienmärkte müssen dabei kein Widerspruch sein. Solange höhere Zinsen bessere Wachstumsperspektiven widerspiegeln und die Unternehmensgewinne Schritt halten, können Aktienbewertungen unterstützt bleiben. Entscheidend ist deshalb zunehmend, ob Unternehmen die höheren Finanzierungskosten durch entsprechendes Gewinnwachstum und eine ausreichende Rendite auf das eingesetzte Kapital rechtfertigen können. Genau hier setzt die aktuelle Berichtssaison an.

Gewinnberichtssaison: Beweislast rund um KI steigt

Nach vier Jahren kräftig wachsender KI-Investitionen steigt die Messlatte. Anleger erwarten zunehmend Nachweise dafür, welchen wirtschaftlichen Wert der massive Kapitaleinsatz schafft und ob die daraus resultierenden Erträge mit den Investitionen Schritt halten können.

Der Investitionszyklus selbst bleibt intakt: Die vier größten Investoren planen für dieses Jahr zusammen Ausgaben von rund 720 bis 740 Mrd. US-Dollar, im kommenden Jahr sollen sie weiter steigen. Gleichzeitig belasten die hohen Investitionen den freien Cashflow dieser Unternehmen.

In der laufenden Berichtssaison zeichnet sich eine deutliche Verbreiterung des Gewinnwachstums ab: Erstmals seit 2022 dürften die Gewinne der übrigen 493 Unternehmen des S&P 500 stärker wachsen als die der „Magnificent Seven“. Für den Index insgesamt liegt das Gewinnwachstum im dritten Quartal derzeit bei rund 30 % gegenüber dem Vorjahr. Bestätigt sich das, wäre es das dritte Quartal in Folge mit mehr als 25 % (Quelle: LSEG, 30.10.2026).

Die KI-Story bleibt aus unserer Sicht fundamental intakt, tritt aber in eine anspruchsvollere Phase ein. In den Vordergrund rückt weniger die Höhe der Investitionen als die Frage, wie produktiv sie sind, wie sie finanziert werden und welche Renditen sie letztlich abwerfen.

Das zeigt sich zunehmend auch an den Kreditmärkten. Mit der stärkeren Fremdfinanzierung des KI-Ausbaus gewinnen Verschuldung, Finanzierungskosten und Unterschiede in der Finanzierungskapazität der Unternehmen an Bedeutung. Die Risikoaufschläge von Investment-Grade-Anleihen aus dem Technologiesektor weiteten sich im Oktober stärker aus als im breiteren Kreditmarkt. Die Unternehmensanleihemärkte werden damit selbst zu einem wichtigen Gradmesser dafür, wie viel zusätzliche KI-Investition finanziert werden kann und zu welchen Konditionen.

Insgesamt passt die jüngste Kombination aus einer Korrektur bei Technologiewerten und fallenden Staatsanleiherenditen zu unserer Einschätzung: Ändern sich die Erwartungen an den KI-Investitionszyklus, dürfte das über den Wettbewerb um Kapital zunehmend auch die Anleihemärkte bewegen. Die größere Unsicherheit über die Erträge des KI-Ausbaus war ein wichtiger Grund dafür, dass wir US-Aktien taktisch auf neutral herabgestuft und US-Staatsanleihen über alle Laufzeiten hinweg hochgestuft haben. Für verlässliche laufende Zinserträge bevorzugen wir dabei weiterhin kurze und mittlere Laufzeiten.

An unserer grundsätzlichen Überzeugung von der KI-Transformation halten wir fest. Bei Aktien werden wir jedoch selektiver und bevorzugen Unternehmen und börsennotierte Infrastruktur, die von Engpässen beim weiteren KI-Ausbau profitieren können. Das stützt unter anderem unsere Übergewichtung von Schwellenländeraktien, insbesondere in Asien.

Geldpolitik: Zinspause ist kein Schlusspunkt

In Bezug auf die erste Frage ließen die US-Notenbank Fed, Europäische Zentralbank (EZB) und Bank of Japan ihre Leitzinsen in der vergangenen Woche erwartungsgemäß unverändert.

Die Fed gab sich trotz zweier Gegenstimmen für eine weitere Anhebung eher abwartend als „hawkish“. So verharrt der Leitzinskorridor bei 3,75 bis 4,00 %. Fed-Chef Warsh will trotz zuletzt höherer Inflation zunächst weitere Belege abwarten. Er sieht die US-Wirtschaft nicht eindeutig überhitzt und verwies auf mögliche Produktivitätsgewinne. Das bestätigt unsere Sicht, dass die Zinserhöhung im September vor allem der Wiederherstellung geldpolitischer Glaubwürdigkeit diente.

Auch die EZB hielt wie erwartet still. Das Ende des Zinserhöhungszyklus im Euroraum markiert dies aus unserer Sicht jedoch nicht. Entscheidend ist, wie weit und wie schnell sie die Zinsen noch anheben muss.

Die Inflationsrisiken durch den Energieangebotsschock sprechen für eine weitere Zinserhöhung. Der Euroraum hat die Folgen der Spannungen im Nahen Osten bislang besser verkraftet als zunächst befürchtet, doch die Energiereserven schrumpfen. Zudem gibt es erste Anzeichen dafür, dass die höheren Energiekosten auf Löhne und Preise in der Breite durchschlagen. Bislang geschieht das allerdings nicht stärker als von der EZB erwartet.

Zugleich verteuern höhere Anleiherenditen – getrieben von hartnäckiger Inflation, angespannten Staatshaushalten und dem weltweit zunehmenden Wettbewerb um Kapital – bereits die Finanzierung für Staaten, Unternehmen und Haushalte. Sie übernehmen damit einen Teil der Arbeit der EZB.

Hält der energiebedingte Preisdruck an, ist aus unserer Sicht eine Zinserhöhung auf 2,75 % im Dezember wahrscheinlich. Mit 2,50 % liegt der Leitzins bereits am oberen Ende des von der EZB geschätzten neutralen Bereichs. Für Schritte auf 3 % oder darüber bräuchte es wohl deutlichere Belege, dass der Angebotsschock dauerhaft auf die unterliegende Inflation durchschlägt. Nach der EZB-Sitzung erwarten die Märkte nun etwas weniger Zinserhöhungen. Den Leitzins am Ende des Zyklus sehen sie aber weiterhin nahe 3 %.

Und Lagardes angekündigter vorzeitiger Rückzug zum 7. Februar 2027? Er erhöht die Unsicherheit über die künftige EZB-Spitze. Angesichts zweier weiterer Wechsel im Direktorium (Isabel Schnabel und Philip Lane) wäre es jedoch verfrüht, daraus auf eine künftig straffere oder lockerere geldpolitische Haltung der EZB zu schließen.

In der kommenden Woche richtet sich in den USA das Augenmerk neben den Zwischenwahlen am Dienstag auf den Arbeitsmarktbericht für Oktober am Freitag. Entscheidend wird sein, ob sich weitere Hinweise auf einen angespannten Arbeitsmarkt zeigen. Wir rechnen mit stärkerem Lohndruck als in den jüngsten Berichten. Das könnte den Preisdruck bei Dienstleistungen verstärken und wäre damit relevant für den weiteren Inflations- und Zinsausblick.

In Europa stehen die vorläufigen Inflationsdaten für Oktober am Mittwoch und die Zinsentscheidung der Bank of England am Donnerstag im Mittelpunkt. Für den Euroraum erwarten wir vor allem energiebedingt einen weiteren Anstieg der Gesamtinflation, während die Kerninflation gemischter ausfallen dürfte: Nach dem tourismusbedingten Sprung im September könnte die Dienstleistungsinflation etwas nachlassen, bei Kerngütern zeichnet sich dagegen stärkerer Preisdruck ab.

Von der Bank of England erwarten wir angesichts hoher Energiepreise und einer weiterhin robusten Konjunktur eine Zinserhöhung auf 4 %. Bislang deutet aber wenig auf ausgeprägte Zweitrundeneffekte hin. Die Kommunikation dürfte daher eher ausgewogen ausfallen. Gemessen an den rund 1,1 Prozentpunkten weiterer Zinserhöhungen, die die Märkte derzeit erwarten, könnte sie sogar eher „dovish“ wirken.

Alle Meinungen und Schätzungen in diesem Dokument, einschließlich Renditeprognosen, spiegeln unsere Beurteilung bei Redaktionsschluss wider, können ohne vorherige Ankündigung geändert werden und beruhen auf Annahmen, die sich möglicherweise nicht als zutreffend erweisen.

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