Marktausblick: Fed unter Zugzwang

08-Sept.-2026
  • BlackRock
  • Märkte: Kapital wird teurer, Gewinne entscheidender
  • Schwellenländer: Gewinnstärke bei Bewertungsabschlag
  • Umsicht geboten: Welche Faktoren könnten den Risikoappetit bremsen?

Die Märkte wägen derzeit zunehmende gesamtwirtschaftliche Belastungsfaktoren – darunter den anhaltenden Angebotsschock in Nahost und höhere globale Zinsen – gegen weiterhin solide Unternehmenskennzahlen ab.

Der Brent-Ölpreis ist nach erneuten Angriffen erstmals seit Juli wieder über die Marke von 100 US-Dollar je Barrel geklettert. Gleichzeitig liegen die Renditen langfristiger Staatsobligationen weiterhin nahe ihren höchsten Niveaus seit vielen Jahren, teils sogar seit mehreren Jahrzehnten. Damit steigen die Hürden für Anlageerträge. Dennoch notieren Aktienmärkte in der Nähe ihrer Rekordstände (Quelle: LSEG, 11.09.2026).

In diesem Umfeld rücken die Zinsentscheide der Notenbanken in den Fokus. In Amerika haben die jüngsten Inflationsdaten dazu geführt, dass die Märkte eine Zinserhöhung durch die US-Notenbank Fed am Mittwoch als wahrscheinlicher erachten.

Wie anspruchsvoll die Einschätzung der Beharrlichkeit des aktuellen Preisdrucks bleibt, verdeutlichte am vergangenen Donnerstag einmal mehr die Bandbreite der von der Europäischen Zentralbank (EZB) vorgelegten Szenarien. Die EZB hob ihren Leitzins wie erwartet um 25 Basispunkte auf 2,5% an. Damit liegen die Leitzinsen im Euroraum nun am geschätzten oberen Ende jenes neutralen Bereichs, der die Konjunktur weder ankurbelt noch bremst. Sollte sich die Lage in Nahost nicht zeitnah entspannen, erscheint ein Vorstoss in restriktive Zinsniveaus noch in diesem Jahr durchaus wahrscheinlich. Entscheidend bleibt, ob höhere Energiekosten auf Löhne und Preise in der Breite durchschlagen. Rasche Zinserhöhungen auf oder über 3,0% erscheinen ohne klare Hinweise auf solche Zweitrundeneffekte aus heutiger Sicht jedoch eher unwahrscheinlich.

Märkte: Kapital wird teurer, Gewinne entscheidender

Höhere Zinsen und widerstandsfähige Aktienmärkte müssen kein Widerspruch sein. Entscheidend ist, wodurch steigende Renditen ausgelöst werden. Spielen höhere Investitionen und ein kräftigeres Wachstum eine Rolle, kann die daraus resultierende Gewinnstärke die Belastung durch höhere Kapitalkosten zumindest teilweise ausgleichen.

Fest steht jedoch: Mit der strukturellen Verschiebung der Zinsen auf ein höheres Niveau steigen die Anforderungen an Risikoanlagen. Umso wichtiger werden nachhaltiges Gewinnwachstum und robuste Unternehmensfundamentaldaten.

Aus unserer Sicht erklärt die robuste Gewinnentwicklung einen wesentlichen Teil der Widerstandsfähigkeit der Börsen. Die Gewinnerwartungen für US-Unternehmen sind zuletzt weiter gestiegen. Das schafft einen Puffer gegenüber höheren Zinsen und Energiepreisen und stützt unsere konstruktive Einschätzung von US-Aktien über einen taktischen Anlagehorizont von sechs bis zwölf Monaten.

Mit Blick nach vorne erwarten wir, dass Investitionen in Künstliche Intelligenz (KI) Wachstum und Gewinne unterstützen können, auch wenn der damit verbundene Investitionsboom zugleich Kapital, Energie und andere knappe Ressourcen bindet.

Schwellenländer: Gewinnstärke bei Bewertungsabschlag

Schwellenländeraktien sind aus unserer Sicht ein weiterer Bereich, in dem Unternehmensgewinne die durch höhere Zinsen gestiegene Hürde für Anlageerträge überwinden können.

Die fundamentale Ausgangslage hat sich verbessert: Das Gewinnwachstum ist aussergewöhnlich, während die Bewertungen weiterhin deutlich unter denen des US-Marktes liegen. Für den MSCI Emerging Markets Index erwartet der Konsens in den kommenden zwölf Monaten ein Gewinnwachstum je Aktie von mehr als 34%, verglichen mit rund 20% für den MSCI USA Index. Gleichzeitig werden Schwellenländeraktien nur mit dem rund Zehnfachen der erwarteten Gewinne gehandelt, gegenüber nahezu dem Zwanzigfachen bei US-Aktien. Der Bewertungsabschlag von rund 50% liegt damit im untersten Zehntel der Spanne der vergangenen 20 Jahre (Quelle: LSEG, 11.09.2026).

Nachdem wir unser Übergewicht im Juni aufgrund steigender Verschuldungssorgen, besonders in Korea, geschlossen hatten, haben der Abbau von Verschuldung und gehebelten Positionen im Sommer diese Bedenken inzwischen verringert. Dies unterstützt unsere Rückkehr zu einem Übergewicht. Ein schwächerer US-Dollar könnte zusätzlich unterstützen, indem er die Finanzierungsbedingungen lockert und Kapitalzuflüsse begünstigt. Unsere konstruktive Einschätzung hängt davon jedoch nicht ab.

Die Renditequellen innerhalb der Schwellenländer sind vielfältig, werden aber häufig durch ein gemeinsames Thema verbunden: KI-bedingte Knappheit. Südkorea und Taiwan spielen eine Schlüsselrolle in den Lieferketten für Halbleiter und Speicherchips, während Lateinamerika, darunter Brasilien, die Rohstoffe und Infrastruktur für den Ausbau von KI bereitstellt. Damit profitieren Schwellenländer auf unterschiedliche Weise vom globalen KI-Investitionsboom, der auch ein zentraler Bestandteil unseres Übergewichts in US-Aktien ist.

Umsicht geboten: Welche Faktoren könnten den Risikoappetit bremsen?

Zwei Belastungsproben könnten in der näheren Frist unsere konstruktive Einschätzung infrage stellen. Erstens haben die Märkte den Nahostschock bislang bemerkenswert gut verkraftet. Der Schiffsverkehr durch die Strasse von Hormus liegt jedoch auch nach Monaten nur bei rund einem Zehntel seines normalen Niveaus. Betrachtet man allein diese Kennzahl, erscheint ein Brentpreis knapp über 100 Dollar fast erstaunlich niedrig. Während alternative Transportwege, zusätzliches Angebot, schwächere Nachfrage und Lagerabbauten einen Grossteil des Schocks abgefedert haben, hat sich die Knappheit entlang der Wertschöpfungskette zunehmend auf raffinierte Ölprodukte verlagert. Ein weiterer Anstieg der Energiepreise könnte den Inflationsdruck verfestigen und die Notenbanken unter zusätzlichen Handlungsdruck setzen.

In diesem Umfeld steht die Fed vor einem schwierigen Balanceakt. Auf der Jackson-Hole-Konferenz hatte Fed-Präsident Kevin Warsh signalisiert, dass es für die Notenbank schwierig wäre, die Leitzinsen unverändert zu lassen, sofern keine weiteren Fortschritte bei der Inflation erzielt werden. Seither haben sowohl die Arbeitsmarkt- als auch die Inflationsdaten darauf hingedeutet, dass die zugrunde liegenden Inflationskräfte weiterhin hartnäckig ausfallen. Die Fed steht damit zunehmend unter Zugzwang, auch wenn ein Drehen an der Zinsschraube am Mittwoch keine ausgemachte Sache ist. Der Knackpunkt ist jedoch, dass ein Aussetzen der Zinserhöhungen zunehmend Zweifel an der Entschlossenheit der Fed im Kampf gegen den Preisdruck wecken könnte. Anleger könnten darauf reagieren, indem sie eine höhere Laufzeitprämie verlangen, also eine stärkere Entschädigung für das Halten langfristiger Staatsobligationen. Das würde den Aufwärtsdruck auf langfristige Renditen verstärken und die Hürde für Anlageerträge weiter erhöhen.

Eine zweite Belastungsprobe sehen wir in Japan. Steigende japanische Obligationenrenditen könnten Kapital zurück in den Heimatmarkt lenken und die Nachfrage nach US-Staatsobligationen verringern. Gleichzeitig erhöhen kräftige Lohnzuwächse, eine robustere Konjunktur und die Aussicht auf weitere Zinsschritte der Bank of Japan das Potenzial für eine Aufwertung des Yen. Besonders aufmerksam verfolgen Marktbeobachter daher die Entwicklung sog. Carry Trades, bei denen Investoren über Jahre hinweg günstige Yen-Kredite zur Finanzierung höher rentierlicher Anlagen genutzt haben. Zwar sehen wir derzeit keine Anzeichen für eine breite Entschuldungswelle wie im August 2024. Eine stärkere Yen-Aufwertung könnte solche Positionen jedoch unter Druck setzen und vorübergehend zu erhöhter Volatilität an den globalen Finanzmärkten führen.

In dieser Woche dürften in dieser Gemengelage die Zinsentscheide der Fed (Mittwoch), Bank of England (Donnerstag) und Bank of Japan (Freitag) den Takt für die Märkte vorgeben. Während die Fed zunehmend unter Zugzwang steht, wird für die Bank of England überwiegend mit unveränderten Leitzinsen gerechnet. In Japan hingegen könnte die Notwendigkeit einer weiteren geldpolitischen Normalisierung in den Fokus rücken.

Dieses Material soll nicht als Prognose, Research oder Anlageberatung herangezogen werden und stellt keine Empfehlung, Angebot oder Aufforderung zum Kauf oder Verkauf von Wertpapieren oder Finanzprodukten oder zur Annahme einer Anlagestrategie dar. Die geäusserten Meinungen beziehen sich auf den 14. September 2026 und können sich ändern, wenn die nachfolgenden Bedingungen variieren.

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