- Widerstandsfähige Börsen: KI überlagert geopolitische Schlagzeilen
- Das grosse Bild: Eine von Angebotsfaktoren geprägte Welt
- Zentralbankwoche: Entscheidend ist der Tonfall
Die globalen Finanzmärkte werden von strukturellen Kräften geprägt. Zwei dieser Mega Forces stehen derzeit besonders im Fokus: geopolitische Fragmentierung – also die zunehmende Zerklüftung der Welt in konkurrierende geopolitische und wirtschaftliche Blöcke, in denen nationaler Sicherheit und Resilienz grosses Gewicht beigemessen wird – sowie Künstliche Intelligenz (KI). Beide haben sich in diesem Jahr nicht nur parallel weiter entfaltet, sondern sind auch sichtbar miteinander kollidiert.
Der Nahostkonflikt – als Ausdruck einer zunehmend fragmentierten Welt – hat einen Angebotsschock ausgelöst. Energieflüsse und Lieferketten wurden spürbar gestört, Preise reagierten empfindlich, die Marktvolatilität ist angestiegen. Gleichzeitig treiben grosse Technologieunternehmen ihre ohnehin historischen Investitionspläne weiter voran – insbesondere im Bereich KI. Gewinnerwartungen werden nach oben revidiert, und die Skepsis gegenüber der „Monetarisierbarkeit“ von KI scheint unter Börsianern merklich nachzulassen. Die zentrale Frage aus Marktsicht lautet damit weniger, ob KI die Wirtschaft transformiert, sondern wer entlang der sich wandelnden Wertschöpfungsketten die Erträge realisiert. Für uns ist klar: Die KI‑Mega‑Force beschleunigt sich.
Widerstandsfähige Börsen: KI überlagert geopolitische Schlagzeilen
Trotz schwelender geopolitischer Unsicherheit konnten die Aktienmärkte in der vergangenen Woche zulegen – insbesondere in den Schwellenländern, allen voran in Teilen Asiens, sowie in den USA. Der amerikanische Leitindex S&P 500 erreichte dabei einen neuen Höchststand. Bemerkenswert ist dies vor dem Hintergrund deutlich gestiegener Rohölpreise – Brent-Rohöl legte auf Wochensicht um über 15% zu – während der Schiffsverkehr durch die Strasse von Hormus, ein zentrales Nadelöhr des globalen Energietransports, weiterhin eingeschränkt bleibt (Quelle: LSEG, 24.04.2026).
Mit anderen Worten: Wachstums‑ und Gewinnfantasie – insbesondere rund um KI – überlagern derzeit geopolitische Schlagzeilen, wenngleich bei ausgeprägten regionalen Unterschieden. Rückenwind kommt von einer robusten US‑Gewinnberichtssaison. Rund ein Fünftel der Unternehmen im S&P 500 hat bereits Zahlen vorgelegt; etwa 84 % übertrafen die Gewinnerwartungen. Das aggregierte Gewinnwachstum liegt bei rund 15% gegenüber dem Vorjahr (Quellen: FactSet, LSEG, 24.04.2026). Ein sechstes Quartal in Folge mit zweistelligem Gewinnwachstum rückt damit in Reichweite – ein wichtiger Anker für die aktuelle Widerstandsfähigkeit von Risikoanlagen.
Das grosse Bild: Eine von Angebotsfaktoren geprägte Welt
Hinter dem schwankungsreichen Marktrauschen steht ein tiefergehender struktureller Umbruch. Anleger sollten die grossen Verschiebungen im Blick behalten: demografische Divergenz, geopolitische Fragmentierung und die Neusortierung globaler Lieferketten, der Übergang zu einer kohlenstoffärmeren Wirtschaft sowie digitale Disruption und KI.
Wir bewegen uns in einer Welt, die zunehmend durch Angebotsknappheiten bestimmt wird. Das Erwerbspersonenpotenzial schrumpft in vielen grossen Volkswirtschaften, Handelsbeziehungen werden diversifiziert, Lieferketten neu ausgerichtet. Resilienz und nationale Sicherheit rücken stärker in den Vordergrund – häufig zulasten ökonomischer Effizienz. Der Konflikt im Nahen Osten verschärft bestehende Engpässe bei Energie, Chemikalien und industriellen Vorprodukten. Die Effekte sind dabei regional unterschiedlich: Europa und Teile Asiens sind aufgrund ihrer Importabhängigkeit besonders von dem Nahostkonflikt betroffen, während die USA als Nettoenergieexporteur vergleichsweise besser abgeschirmt sind.
Hinzu kommt, dass Staaten verstärkt in Energiesicherheit und Verteidigung investieren. Das strapaziert die Staatshaushalte und erhöht die teils ohnehin beträchtlichen Staatschuldenstände. Parallel beschleunigt der KI‑Ausbau die Nachfrage nach Strom, Rechenzentren und spezialisierten Arbeitskräften. Kapazitätsengpässe und mögliche politische Restriktionen – etwa bei Halbleitern – treiben die Kosten und wirken tendenziell inflationär.
Für sich genommen spricht dieses Umfeld für gedämpftes Trendwachstum, erhöhten Kostendruck, strukturell höhere Zinsen und hohe Staatsschulden. Entscheidend ist jedoch das Zusammenspiel der Megakräfte: Während demografischer Wandel und Fragmentierung das Angebotswachstum begrenzen, könnten Produktivitätsgewinne durch KI diese Effekte mittelfristig mehr als ausgleichen. Die Bandbreite möglicher Wachstumspfade ist daher ungewöhnlich gross.
Langfristig trauen wir KI erhebliche Produktivitätsgewinne zu, kurzfristig sind diese jedoch noch nicht sichtbar. Entsprechend bleibt der zugrunde liegende Inflationsdruck hartnäckiger als in den Jahren vor der Pandemie – also bereits weit vor der jüngsten Eskalation im Nahen Osten.
Zentralbankwoche: Entscheidend ist der Tonfall
Vor diesem Hintergrund finden in dieser Woche die geldpolitischen Sitzungen der grossen Zentralbanken statt – Fed, EZB, Bank of England und Bank of Japan. Unser Basisszenario ist ein Stillhalten bei den Leitzinsen. Entscheidend dürfte für die Kapitalmärkte vielmehr die Kommunikation sein. Lassen die Notenbanken Anzeichen wachsender Sorge über einen anhaltenden Inflationsdruck erkennen – selbst, wenn sie preisbedingte Effekte infolge der angebotsseitigen Störungen im Nahen Osten kurzfristig ausblenden? Klar ist: Der Angebotsschock verschärft den Zielkonflikt: Inflationsdruck eindämmen oder Konjunktur stützen?
Im Euroraum, wo noch zu Jahresbeginn die Inflation von oben auf die 2%‑Zielmarke zuzusteuern schien, dürfte die EZB die Leitzinsen zunächst bei 2% belassen. Die jüngste Kommunikation deutet klar auf eine abwartende Haltung hin. Gründe dafür sind die begrenzte Verfügbarkeit belastbarer Konjunkturdaten sowie die erhöhte Unsicherheit im Zusammenhang mit dem Nahostkonflikt, der Energiepreisentwicklung und der Sensitivität von Inflationserwartungen und Preissetzungsverhalten.
Die EZB dürfte an ihrem datenabhängigen, sitzungsweisen Ansatz festhalten und ihr klares Bekenntnis zur mittelfristigen Preisstabilität bekräftigen – ohne sich auf einen konkreten Zinspfad festzulegen. Wahrscheinlich wird erneut betont, dass Nahost den Ausblick deutlich unsicherer gemacht hat. Während die Auswirkungen auf die kurzfristige Inflation als signifikant eingeschätzt werden dürften, bleibt der Effekt auf die mittlere Frist unklar und abhängig von Intensität und Dauer des Konflikts sowie von der Weitergabe höherer Energiepreise in die Gesamtwirtschaft. Auch wenn keine aktualisierten EZB‑Stabsprojektionen veröffentlicht werden, legen die jüngsten Daten nahe, dass sich Energiepreise und Konjunkturentwicklung derzeit zwischen dem im März von der EZB skizzierten Basisszenario und dem negativen Szenario bewegen.
Gleichzeitig ist die Ausgangslage im Euroraum heute eine andere als im Jahr 2022, dem Jahr der russischen Invasion in die Ukraine. Die Leitzinsen liegen inzwischen auf einem deutlich höheren, nahezu neutralen Niveau, und Inflation sowie Inflationserwartungen waren vor Ausbruch des Nahostkonflikts gut verankert. EZB‑Präsidentin Christine Lagarde hatte daher zuletzt betont, die Zentralbank sei „gut positioniert“, um auf einen erneuten Inflationsanstieg reagieren zu können.
Entscheidend bleibt, ob der aktuelle Angebotsschock auf den breiteren Preisdruck übergreift. Temporäre energiegetriebene Preisschübe kann die Geldpolitik grundsätzlich ausblenden. Ein anhaltender Anstieg von Löhnen oder Inflationserwartungen würde jedoch eine – möglicherweise deutlich restriktivere – geldpolitische Reaktion erforderlich machen. In dem derzeitigen Umfeld, das zwischen dem Basis- und Negativszenario der EZB liegt, sind Zinserhöhungen daher nicht ausgeschlossen.
Trügerische Diversifizierung
Ein zentrales Merkmal dieses Umfelds ist die sog. „Diversifikationsillusion“. Klassische Diversifikation greift weniger verlässlich als früher. Die Korrelation zwischen Aktien und Obligationen ist seit der Pandemie volatiler und phasenweise positiv. Langlaufende Staatsobligationen vermochten die jüngste Aktienverluste nur unzureichend abzufedern. Angespannte Staatshaushalte, anhaltender unterliegender Inflationsdruck und steigende Laufzeitprämien machen diese Entwicklung aus unserer Sicht strukturell – nicht zyklisch.
Diversifikation bleibt wichtig, ist heute jedoch eine aktivere Entscheidung. Mega Forces erhöhen die Korrelationen über Anlageklassen hinweg. Ein Portfolio kann breit gestreut erscheinen und dennoch von wenigen Treibern abhängen. Entscheidend ist daher nicht die Anzahl der Positionen, sondern die tatsächliche Vielfalt der Ertragsquellen. Wir bevorzugen – auch in der langfristig ausgerichteten strategischen Anlageallokation – flexible Ansätze, kurzlaufende Qualitätsobligationen und ausgewählte Renditequellen aus den Privatmärkten gegenüber traditionellen Diversifikatoren wie langlaufenden Staatsobligationen.
Taktische Positionierung
Mit Blick auf die kommenden sechs bis zwölf Monate bleiben wir taktisch konstruktiv positioniert. In einer von Angebotsfaktoren und strukturellem Inflationsdruck geprägten Welt halten wir Aktien gegenüber Obligationen für attraktiver und setzen auf einen präziseren, aktiveren Ansatz. Das Phänomen höherer Zinsen dürften länger Bestand haben. Wir bleiben untergewichtet in langlaufenden Staatsobligationen und bevorzugen kurzlaufende Staats‑ und Unternehmensobligationen zur Ertragsgenerierung. Chancen sehen wir zudem in Schwellenmarkt‑Hartwährungsobligationen sowie thematisch in Energie, Stromnetzen und Infrastruktur – getragen von KI‑Nachfrage und dem globalen Fokus auf Energiesicherheit.
Dieses Material soll nicht als Prognose, Research oder Anlageberatung herangezogen werden und stellt keine Empfehlung, Angebot oder Aufforderung zum Kauf oder Verkauf von Wertpapieren oder Finanzprodukten oder zur Annahme einer Anlagestrategie dar. Die geäusserten Meinungen beziehen sich auf den 27. April 2026 und können sich ändern, wenn die nachfolgenden Bedingungen variieren.
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