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Brexit: Sudden death oder Verlängerung?

22-Jan-2019
By BlackRock

Auch die dritte Handelswoche des neuen Jahres war eine erfreuliche aus Sicht von Aktienanlegern. Um rund 2,5% in Europa und 3% in Amerika legten die grösseren Indizes zu und befinden sich jetzt bei einem Plus von 6-7% seit Jahresanfang, je nach Region und Index. Auch die Volatilität ist deutlich zurückgegangen, beim VSTOXX für europäische Aktien noch etwas mehr als bei seinem zuletzt stärker ausschlagenden amerikanischen Pendent, dem VIX. Grund für die konstruktive Grundstimmung dürfte die Erkenntnis sein, dass die wirtschaftliche Verfassung der grossen Volkswirtschaften, und damit die Gewinnperspektiven für global operierende Unternehmen, nicht ganz so düster ist wie vielerorts gegen Ende des Vorjahres erwartet. Der Dezember war an den Börsen vermutlich grusliger als fundamental gerechtfertigt gewesen wäre.

Wie zum Jahresende immer wieder thematisiert stehen Makrodaten und – vor allem – die Gewinndynamik von Unternehmen im Mittelpunkt. Denn die inzwischen deutlich nach unten korrigierte Bewertung von Unternehmen, gemessen in Kurs-Gewinn-Verhältnissen, hat natürlich nur dann ein für Einstiegsinteressierte günstiges Niveau erreicht, wenn die Gewinnschätzungen glaubwürdig sind. Es ist interessant zu sehen, wie sich diesbezüglich die Einschätzungen der Analysten zuletzt verändert haben. Sie werden vor allem in der sogenannten Gewinnrevisionsquote (Earnings Revisions Ratio – EER) gemessen, die das Verhältnis zwischen Anpassungen der Gewinnschätzungen nach oben und unten festhält. Diese Quote steht inzwischen in der Nähe von Niveaus, wie sie üblicherweise nur in Rezessionen erreicht werden. Mit anderen Worten: Sollte es, wovon nach wie vor eine grosse Mehrheit der ernstzunehmenden Volkswirte ausgeht, im Jahr 2019 nicht zu einer Rezession in den USA (und damit vermutlich in Europa und weiteren grossen Teilen der Welt) kommen, dürften die Unternehmensanalysten vom jetzigen Punkt aus nicht mehr viel pessimistischer werden. Dies würde bestätigen, dass globale Aktien auf dem aktuellen Niveau vermutlich attraktiv bewertet sind, was für Schwellenländer mehr gilt als für Europa, und für beide zusammen mehr als für US-Aktien.

Die dramatische Niederlage, welche UK-Premierministerin Theresa May letzte Woche im Unterhaus einstecken musste, brachte viele Marktteilnehmer zu der Ansicht, ein harter Brexit sei nun unwahrscheinlicher geworden. Das mag auf den ersten Blick kontraintuitiv sein, denn zunächst bedeutet es ja, dass die 585-Seiten-Vereinbarung mit der EU, auf Sicht die einzige realistische Option auf ein Austrittsabkommen mit der EU, mausetot ist. Und dass die Zeit für weiteres Herumverhandeln ausläuft, ist für jeden mit einem Blick auf den Kalender feststellbar, zumal das Unterhaus in seiner festgefahrenen Position vermutlich jedes noch so grosszügige Zugeständnis der EU abblocken würde. Der Blick der Optimisten richtet sich also auf die gestiegene Wahrscheinlichkeit eines wesentlich softeren Brexit, beispielsweise mit Grossbritannien dauerhaft in einer Zollunion mit der EU, wie dies von der Labour-Opposition gefordert wird. Alternativ sogar einem erneuten Referendum mit Möglichkeit zum ‚Exit vom Brexit‘. Selbst BlackRock’s erfahrenster Brexit-Experte, der ehemalige britische Finanzminister George Osborne, taxierte in einer Telefonkonferenz letzten Mittwoch die Wahrscheinlichkeit eines No-Deal-Brexit auf nur noch 20-30%. Immer noch erschreckend hoch, aber bei weitem nicht unser Kernszenario. Entsprechend positionieren sich immer mehr Investoren für eine Entwicklung, vor deren Hintergrund Sterling-Anlagen günstig aussehen. Wir halten die Lage aber nach wie vor für so undurchsichtig und die Gefahr eines harten Brexit für so signifikant, dass wir nur sehr risikogeneigten Anlegern die Wette auf wieder steigende Sterling-Notierungen nahelegen würden.

Was bedeutet das für Anleger?

Und dann ist da ja noch Donald Trump. Ob schwierige Verhandlungen mit China oder die enger werdende Schlinge wegen Verstrickungen mit Russland, der US-Präsident hat es nicht leicht. Verständlich deshalb, dass er einmal mehr versucht, die auf Gedeih und Verderb zu ihm haltenden US-Wähler mit dem Versprechen der Mexiko-Mauer glücklich zu machen. Dass dies zum inzwischen längsten Government Shutdown der Geschichte geführt hat, stört Trump wenig. Möglicherweise ist ihm entgangen, dass der Zeitpunkt der optimalen Kosten-Nutzen-Abwägung – also zufriedene Stammwähler versus ökonomischer Schaden – bereits verpasst ist. Vielleicht lenkt er ein, wenn die Bremsspuren in den BIP-Zahlen sichtbar werden und/oder die Finanzierungskosten steigen. Bis dahin aber werden Millionen von Familien der Staatsbediensteten in Zahlungsschwierigkeiten geraten sein. Schon jetzt hat der Shutdown mehr an Output vernichtet als die 5,7 Mrd. Dollar, die Trump für die Mauer fordert. Je länger das Trauerspiel dauert, desto grösser die Wahrscheinlichkeit messbarer Wachstumseinbussen – und umso geringer Trumps Chancen auf Wiederwahl.

Dieses Material soll nicht als Prognose, Research oder Anlageberatung herangezogen werden und stellt keine Empfehlung, Angebot oder Aufforderung zum Kauf oder Verkauf von Wertpapieren oder Finanzprodukten oder zur Annahme einer Anlagestrategie dar. Die geäusserten Meinungen beziehen sich auf den 21. Januar 2019 und können sich ändern, wenn die nachfolgenden Bedingungen variieren.

 

MKTGH0119E-719866-1/1