Für qualifizierte Anleger: Der aktuelle Blick auf die Märkte

Kein Jamaika an der Spree

21-Nov-2017
By BlackRock

Zugegeben: Wortspiele rund um das Thema Jamaika konnte zuletzt vermutlich kaum noch jemand ertragen. Dennoch ist der Abbruch der Sondierungsgespräche zwischen Union, Grünen und FDP nun nicht wirklich das, was man sich in der Wirtschaft und an den Finanzmärkten gewünscht haben dürfte. Das nun wahrscheinlichste Szenario der Neuwahlen dürfte die Ausgangslage für zukünftige Koalitionsverhandlungen wohl kaum vereinfachen – zumal denkbar ist, dass insbesondere die AfD als einer der Gewinner aus dem Scheitern der Gespräche hervorgehen könnte.

Merkels Fähigkeit in letzter Sekunde noch eine Einigkeit zwischen verhandelnden Parteien herzustellen, sollte nicht unterschätzt werden. Aber dieses Mal wird es wohl selbst für sie äusserst schwierig, die FDP noch einmal an den Verhandlungstisch zu bekommen. Das Szenario einer erneuten „GroKo“ und jenes einer Minderheitenregierung dürften eher nur theoretischer Natur sein. Dementsprechend stehen uns in Deutschland daher wohl Zeiten grösserer politischer Umwälzungen ins Haus – möglicherweise auch, was das oberste politische Personal betrifft.

Dabei kommen die Schwierigkeiten einer Regierungsbildung zu einer Unzeit. Deutschland braucht trotz der guten wirtschaftlichen Lage dringend eine handlungsfähige Regierung, welche die grossen Themen unserer Zeit (demographischer und technologischer Wandel, Investitionen in Bildung und Infrastruktur) aktiv gestaltet. Wie das politische Personal in Zukunft aussehen wird, welches diese Punkte in Angriff nehmen wird, ist seit Anfang dieser Woche unsicherer denn je. Sicher erscheint lediglich, dass all diese Themen später in Angriff genommen werden.

Jamaika war zuletzt nicht der einzige Karibikstaat, der im Zentrum der Aufmerksamkeit stand. Auch Venezuela machte auf sich aufmerksam, und zwar negativ. Denn die Zahlungsfähigkeit des Landes ist dahin. Wirklich überrascht haben dürfte dies angesichts der Probleme des Landes jedoch kaum jemanden. Nachdem Mitte letzter Woche die Ratingagenturen die Zahlungsunfähigkeit des südamerikanischen Staates offiziell festgestellt hatten, rang sich am Donnerstag auch der internationale Derivateverband dazu durch, den Versicherungsfall für die Kreditausfallversicherungen (CDS) auszurufen. Venezuela war es nicht gelungen innerhalb einer Art Galgenfrist fällige Zahlungen an seine Gläubiger zu leisten. Entgegen erster Vermutungen hat die Regierung in Caracas auch die fälligen Zahlungen des staatseigenen Ölkonzerns PDVSA nicht geleistet, sodass hier ebenfalls die Zahlungsunfähigkeit festgestellt werden musste.

Damit ist das Chaos in dem Land mit den weltweit grössten bekannten Erdölreserven perfekt. Eine Inflation von rund eintausend Prozent, eine hungernde Bevölkerung und eine Regierung, die keine Antworten auf die Probleme des Landes hat, sind ein trauriger Cocktail. Venezuelas Präsident Maduro macht die USA und deren Sanktionen gegen das Land für den jüngsten Niedergang des Landes verantwortlich. Tatsächlich ist es jedoch die jahrelange Misswirtschaft sowie insbesondere der absolut nicht nachhaltige Umgang mit den Einnahmen aus der Erdölförderung, die das Land in die heutige Situation manövriert haben. So ist etwa trotz der riesigen Erdölvorkommen die Förderung im Land in den letzten Jahren immer weiter zurückgegangen, da kaum noch in die Förderstätten sowie die Raffinerien investiert wurde. Da das venezolanische Schweröl zudem nicht einfach zu verarbeiten ist, sah sich Venezuela sogar zu Ölimporten aus den USA gezwungen.

Wie es kurzfristig mit dem Land weitergeht, ist schwer zu sagen. Möglich, dass Maduro das Geld, welches er nicht an die Gläubiger gezahlt hat, nun für den Kauf von Medikamenten und Essen für die darbende Bevölkerung verwendet. Da es im Land keine wirklich starke Opposition gibt, könnte ihm das möglicherweise sogar den Wahlsieg bei den Präsidentschaftswahlen im nächsten Jahr sichern. Langfristig sind die Aussichten jedoch mehr als trübe – insbesondere, wenn der für das Land so wichtige Ölfördersektor am Boden liegt.

Was bedeutet das für Anleger?

Bis Anfang November hätte man fast vergessen können, dass Aktienmärkte auch noch fallen können. Der Rücksetzer bei europäischen Aktien vor einigen Tagen war dann allerdings eine Erinnerung daran, dass Aktienmärkte natürlich keine Einbahnstrasse sind. Bezieht man die „Intraday“-Kursentwicklung mit ein, hatte der Ausverkauf im DAX sogar ein Ausmass von fast fünf Prozent. Auslöser für den Kursrückgang bei europäischen Titeln war zuvorderst ein stärkerer Euro, der insbesondere Investoren aus Übersee zu Gewinnmitnahmen motivierte. Wirklich schlechte Nachrichten, die fundamental niedrige Aktienkurse in Europa gerechtfertigt hätten, waren kaum auszumachen. Venezuela ist ein Spezialthema, dessen Ansteckungseffekte gering sein dürften, und das politische Drama in Berlin ist wohl ebenfalls nicht von allzu hoher Bedeutung für die europäischen Finanzmärkte insgesamt. Insofern verwunderte es dann auch nicht, dass sich die Kurse rasch wieder fingen. Das Ausmass der Abflüsse hielt sich mit umgerechnet 327 Millionen Dollar (in der Woche bis zum 14.11.) dann auch entsprechend in Grenzen. Seit Jahresbeginn flossen über 40 Milliarden in europäische Aktien – übertroffen nur von den Emerging Markets (+57 Milliarden US-Dollar).

Dass einige Anleger angesichts der starken Aktienmarktentwicklung in 2017 nur darauf warten, ihre Schäfchen ins Trockene zu bringen, ist letztlich mitunter verständlich. Dabei stehen die Chancen für eine Jahresendrallye vor dem Hintergrund weiterhin erfreulicher Unternehmenszahlen wohl gar nicht so schlecht. Nicht zuletzt auch, weil weiterhin viel Bargeld an der Seitenlinie geparkt ist und auf Anlagemöglichkeiten wartet.

Anders sieht es im Hochzinsanleihesegment aus. Hier wurde der Kursrückgang in den vergangenen Tagen in der Tat von heftigen Abflüssen begleitet bzw. massgeblich mit verursacht. In Europa und den USA zusammengenommen, flossen in der Woche bis zum 14. November 5,1 Milliarden Euro ab – so viel wie seit 2014 nicht mehr. Nachdem die Rendite europäischer Hochzinsanleihen zwischenzeitlich unter die von US-Staatsanleihen gefallen war, wurde die Sache vermutlich selbst den grössten „High-Yield-Bullen“ zu heiss. Auf beiden Seiten des Atlantiks stiegen die Renditen innerhalb weniger Tage um mehr als 50 Basispunkte. Unsere Empfehlung von Ende Oktober, Unternehmensanleihen in den USA („High-Yield“ eingeschlossen) nicht mehr überzugewichten, kam daher vielleicht zu einem guten Zeitpunkt. Für europäische Hochzinsanleihen sind wir wohlgemerkt sogar schon deutlich länger vorsichtiger.