Kommt die Eurokrise zurück?

Die Aktienmärkte haben eine schwache Woche hinter sich, mit Abschlägen von 3% und mehr bei den wichtigsten Indizes in den USA und Europa. Auf dem alten Kontinent hatte dies mit schwachen Wachstumszahlen und politischen Sorgen um die südlichen Länder zu tun. Das Bruttoinlandsprodukt der Eurozone legte im dritten Quartal mit 0.3% schwächer zu als vom Marktkonsensus erwartet. Vor allem eine Eintrübung des globalen Umfeldes drückte über den Sommer auf die Exportseite, während sich die Binnennachfrage besser hielt.

Dazu gesellen sich zunehmende politische Sorgen, die nahelegen, daß die zuletzt in den Hintergrund getretene Eurokrise wieder ihr häßliches Haupt erhebt. Dies läßt in Zeiten, in denen Investoren sich zunehmend Gedanken um ökonomische Folgen von Flüchtlingskrise und Terrorbedrohung machen, einen weiteren Orientierungspunkt in Bewegung geraten. In der letzten Woche war es vor allem Verwirrung um die Regierungsbildung in Portugal, welche die Märkte verunsichert hat. Es ist durchaus möglich, daß sich das bisherige Vorzeigeland der südlichen Euro-Peripherie in einen Prozeß begibt, in dem Reformen zurückgedreht werden und damit ein Teil des bisher erzielten ökonomischen Erfolgs in Frage gestellt wird. Die resultierende Unsicherheit an den Märkten wird verstärkt durch den jüngsten Generalstreik, der letzten Donnerstag die griechische Wirtschaft weitgehend lahmlegte. Es wird zunehmend deutlich, daß Premier Alexis Tsipras ebenso große Schwierigkeiten bei der Durchsetzung der Reformzusagen hat wie seine Vorgänger. Und schließlich blicken Anleger mit gemischten Gefühlen nach Spanien, wo am 20. Dezember Parlamentswahlen stattfinden, deren Ausgang vor dem Hintergrund der Unabhängigkeitsbestrebungen Kataloniens und starken Zulaufs für die eurokritische Partei Podemos unsicher erscheint.

Unterm Strich bleibt der Eindruck, daß sowohl die wirtschaftlichen als auch die politischen Unsicherheiten in Europa wieder zugenommen haben. Der Euro hat gegenüber dem US-Dollar seit Mitte Oktober um gute fünf Prozent nachgegeben. Während diese Entwicklung zum größten Teil die sich abzeichnende Divergenz in den Zentralbankpolitiken der beiden Regionen abbildet, legen auch die Aktienbewertungen diesseits und jenseits des Atlantiks offen, wie unterschiedlich Investoren die Gewinnaussichten der entsprechenden Unternehmen beurteilen. Während nämlich europäische Aktien unterhalb der langfristigen Durchschnittsbewertung notieren, liegen ihre amerikanischen Pendants deutlich darüber. Eine weiter schwache Währung könnte europäischen Firmen mittelfristig helfen, diesen Bewertungsabstand zu verkürzen.

Was bedeutet das für Anleger?

Wenn Wachstum unsicher und Politik gefühlt unberechenbar wird, stehen einmal mehr die Zentralbanken im Mittelpunkt. Von Fed- und EZB-Offiziellen war im Verlauf der letzten Woche verschiedentlich zu vernehmen, daß die Märkte mit ihren Erwartungen für die Notenbankentscheidungen im Dezember wohl nicht ganz falsch liegen. Inzwischen scheint die Frage nicht mehr zu sein ob, sondern vielmehr wie die amerikanische Notenbank den lang diskutierten Lift-off organisiert, und wie die EZB ihr Anleihenkaufprogramm nochmals ausweitet. Mit Blick auf die Fed glauben wir, daß am 16. Dezember das Zielband für die Fed Funds Rate um 25 Basispunkte nach oben geschoben wird, das FOMC also nicht zu einem Punktziel für den Leitzins zurückkehren wird. Die EZB dürfte schon am 3. Dezember ankündigen, das Anleihenkaufprogramm über den September 2016 hinaus um sechs Monate auszuweiten. Außerdem wird sie vermutlich den Einlagenzins um 10 weitere Basispunkte auf dann -0.30% senken. Vor diesem Hintergrund ergeben sich über die nächsten ein bis zwei Wochen taktische Gelegenheiten in europäischen Staatsanleihen. Aktien dagegen dürften sich mit Blick auf die nahenden Zentralbankentscheidungen uneinheitlich entwickeln.