Kraftstrotzende USA, zitterndes Europa

Die US-Makrodaten zeichneten in der vergangenen Woche ein sehr robustes Bild der amerikanischen Volkswirtschaft. So wuchs im dritten Quartal das BIP annualisiert um 3.2%, die Einkaufsmanager in der Industrie präsentierten sich in bester Stimmung (ISM von 51,9 auf 53,3 und PMI von 53,9 auf 54,2) und auch der Arbeitsmarkt blieb solide. Zwar bildete der leichte Rückgang der Lohndynamik von 2,8% auf 2,5% einen Wermutstropfen, aber die Zahl der neugeschaffenen Stellen außerhalb der Landwirtschaft (178.000 nach 142.000 im Vormonat) und auch die erneut gefallene Arbeitslosenquote (4,6%) dürften die Fed darin bestärkt haben, am 14. Dezember den nächsten Zinsschritt zu beschließen. Dies fügt sich stimmig ein in das Gesamtbild eines zuletzt sehr optimistischen Bildes der US-Volkswirtschaft, auch und gerade vor dem Hintergrund der vom künftigen Präsidenten angekündigten konjunkturfördernden Maßnahmen.

Während in Amerika Wirtschaft und Politik Stärke demonstrieren, schlottern Europa die Knie. Am Wochenende wählten die Österreicher einen neuen Bundespräsidenten, und während die moderaten und europafreundlichen Kräfte noch erleichtert die Nachricht vom Sieg Alexander van der Bellens zur Kenntnis nahmen, platzte in die Genugtuung das Ergebnis des italienischen Referendums. Matteo Renzi hat, wie von uns befürchtet, deutlicher als erwartet verloren, und dies bei fast 70% Wahlbeteiligung. So blieb vielen Europäern die Freude über den Ausgang der österreichischen Präsidentenwahl im Halse stecken, und wieder einmal steht der Kontinent vor zugegeben ernsten Herausforderungen, wenngleich die sofort heraufbeschworenen Weltuntergangsszenarien übertrieben erscheinen. Von einer Rückkehr der Eurokrise ist zu lesen, von „Italexit“ gar und einer kompletten Implosion des Euro, wahlweise auch der EU. Hier raten wir dann doch, die Kirche im Dorf zu lassen. Bei aller Sorge um den stärker werdenden Populismus ist nämlich das italienische Verfassungsreferendum kaum mit den bisherigen Schockereignissen dieses Jahres, Brexit und Trump-Wahl, zu vergleichen.

Dies liegt zum einen daran, daß auch im Falle eines Renzi-Sieges am letzten Sonntag der Reformprozeß in Italien bis auf weiteres auf Eis gelegen hätte. So oder so wird nämlich die wichtigste kurzfristige Aufgabe sein, das umstrittene Wahlgesetz „Italicum“ zu überarbeiten, und zwar vor der planmäßigen nächsten Parlamentswahl Anfang 2018. Die Arbeit an dieser Reform hätte vermutlich die Ressourcen der Regierung Renzi ohnehin weitgehend absorbiert. Nun wird also eine neue Regierung, die erst noch gefunden werden muß, diese Überarbeitung des Italicum leisten müssen. Da Italiens Wähler seit den schmerzlichen Erfahrungen mit der Monti-Regierung 2012 erhebliche Vorbehalte gegen Technokratenregierungen haben, liegt die Suche nach einer Koalitionsregierung näher, vermutlich geführt von Renzis Partito Democratico, aber in Allianz mit Berlusconis Forza Italia und eventuell anderen. Die schlechte Nachricht aus Sicht der Finanzmärkte lautet, daß allein die Bildung dieser Regierung mehrere Wochen in Anspruch nehmen dürfte; die darauffolgende Arbeit am neuen Wahlgesetz könnte dann noch einmal Monate dauern. Während dieser Zeit hat die geschäftsführende Regierung kein starkes Mandat, entschlossen das drängendste Problem zu lösen, nämlich die dringend gebotene Bankenrekapitalisierung. Entsprechend schlecht sind die Aussichten für italienische Aktien, die stärker als Anleihen unter den gelinde gesagt durchwachsenen Aussichten für Wachstum und Investitionen leiden dürften. Anleihen dürften außerdem vom Kaufprogramm der EZB profitieren. Schon letzte Woche schien bemerkenswerterweise der Bondmarkt zum Ergebnis gekommen zu sein, daß bei den Italien-Spreads ein zu starker Aufschlag eingepreist war.

Was bedeutet das für Anleger?

Natürlich ist es naheliegend, im Kontext des Italien-Referendums wieder einmal die Nationalität des EZB-Präsidenten zu thematisieren. Nach dem Motto: ‚Mario Draghi wird seine Landsleute schon nicht hängen lassen‘ hatten zuletzt die Erwartungen bezüglich einer Verlängerung des Anleihekaufprogrammes über März 2017 hinaus deutlich zugenommen. Auch wir denken, daß eine Verlängerung um sechs Monate, also bis Ende September 2017, bei unverändertem monatlichen Kaufvolumen von 80 Mrd. Euro die wahrscheinlichste Variante für die Entscheidung am Donnerstag ist, halten dabei aber den Einfluß des Referendums für eher klein. Schon lange bevor sich Matteo Renzis Niederlage abzeichnete, dürfte das EZB-Direktorium mit Blick auf die sogenannten ‚Staff Projections‘, die Prognosen der Zentralbankvolkswirte selbst, weitere Lockerungsmaßnahmen beschlossen haben. Diese ökonomischen Vorhersagen werden ebenfalls am Donnerstag veröffentlicht. Sie dürften hindeuten auf weiterhin sehr schwachen Inflationsdruck im Euroraum sowie kraftloses, ungleich verteiltes Wachstum in den nächsten Jahren. Vor diesem Hintergrund wird durch den Dezember die Stimmung in Europa wohl eher zittrig bleiben, während Amerika vor Kraft kaum laufen kann.