US-Wahlkampf in der heißen Phase

Der Präsidentschaftswahlkampf in den USA geht in seine Endphase. Nur noch vier Wochen sind es bis zum Wahltermin, und obwohl die demokratische Kandidatin Hillary Clinton weiterhin leichte Vorteile hat, ist das Rennen keineswegs entschieden. Das mag überraschen, hat sich doch der republikanische Herausforderer Donald Trump wiederholt durch unsägliche Äußerungen disqualifiziert, inhaltlich erschreckende Ahnungslosigkeit bewiesen und sogar gezeigt, daß er für Volkswirtschaft, Sicherheitslage und sozialen Zusammenhalt der USA ein höchst gefährlicher Präsident wäre. Aber die große Zahl der Globalisierungsverlierer, sozial Abgehängten und von Washington D.C. Enttäuschten macht einen Wahlsieg Trumps immer noch zu einer ernstzunehmenden Bedrohung. Obwohl der Immobilienunternehmer inzwischen zwei der drei geplanten TV-Duelle klar nach Punkten verloren hat, darf sich Clinton nicht in Sicherheit wiegen.

Während wir denken, daß die Unsicherheit im Vorfeld der US-Präsidentschaftswahl für die Finanzmärkte vermutlich ein größeres Problem ist als der Wahlausgang selbst – hier hat der Brexit ja gezeigt, wie ruhig es nach vermeintlich desaströsen politischen Weichenstellungen bleiben kann – rechnen wir gerade mit Fall des britischen EU-Austritts und seiner Folgen mit weiteren Verwerfungen. Reichlich überraschend – jedenfalls für uns – hatte ja die britische Premierministerin Theresa May sich auf dem Tory-Parteitag auf Ende März als Zeitpunkt für den Austrittsantrag nach Artikel 50 EU-Vertrag festgelegt und damit den Zeitplan des Austritts konkretisiert. Überrascht hat uns diese Ankündigung, weil Frau May damit einen wichtigen strategischen Vorteil aus der Hand gegeben hat. Solange nämlich in der EU niemand wusste, ob die britische Regierung jemals den Artikel 50-Antrag stellen würde, geschweige denn ein Datum benennen konnte, erschien die britische Verhandlungsposition für die verbleibenden europäischen Länder deutlich schwieriger auszurechnen und durchaus geeignet, Entgegenkommen an der einen oder anderen Stelle herauszuschlagen. Ist dagegen der Antrag einmal gestellt, beginnt die Uhr zu ticken, und ist nach zwei Jahren kein auf Schadensbegrenzung angelegter Austrittsmodus vereinbart, verlässt Großbritannien die EU ohne ein solches Abkommen, mit anderen Worten auf die denkbar härteste Weise. Kein Wunder also, daß die Märkte plötzlich nach Theresa Mays Rede das Szenario des „hard Brexit“ als deutlich wahrscheinlicher einschätzten als vorher, mit der Konsequenz einer weiteren Abwertung des britischen Pfundes.

Was bedeutet das für Anleger?

Anleger haben bis dato in diesem Jahr schon öfter gute Nerven gebraucht, und abgesehen von US-Wahl und Brexit stehen mit dem italienischen Verfassungsreferendum am 4. Dezember und den Unsicherheiten um das Flüchtlingsabkommen zwischen EU und Türkei, um nur zwei zu nennen, noch weitere politische Risiken auf der Beobachtungsliste. Da gerät leicht in Vergessenheit, dass auch die Analyse klassischer Makrodaten nicht ganz unter den Tisch fallen sollte. So hat in der vergangenen Woche der amerikanische Arbeitsmarktbericht wohl durchaus die Chancen für eine Zinserhöhung der Fed noch in diesem Jahr etwas gesenkt, denn die Zahl neu geschaffener Stellen außerhalb der Landwirtschaft ist mit 156.000 geringer hereingekommen als die vom Markt erwarteten 175.000, und auch die Arbeitslosenquote ist um 0,1 Prozentpunkte auf nunmehr 5% gestiegen. Daß die US-Wirtschaft dennoch solide unterwegs ist, haben dagegen die starken Einkaufsmanagerindizes gezeigt. Während der PMI für die Dienstleistungssektoren sich von 51,9 auf 52,3 leicht verbesserte, sprang der ISM-Index für die nicht-industriellen Bereiche um sagenhafte 5,7 Punkte auf 57,1. Zu Beginn der Berichtssaison amerikanischer Unternehmen für das dritte Quartal präsentieren sich somit gerade die nichtindustriellen Sektoren in guter Verfassung.

Bleibt der Blick auf die Zentralbanken. In der letzten Woche hatte ein Bloomberg-Artikel, in dem über angebliche EZB-Pläne zum langsamen Ausstieg aus den Anleihekäufen berichtet wurde, für Aufregung gesorgt. Die letzten Donnerstag erschienenen Protokolle der EZB-Sitzung vom 8. September widersprachen dem allerdings. Für die Fed steht nun in dieser Woche die Veröffentlichung der Sitzungsprotokolle auf der Agenda. Im günstigsten Fall werden wir vielleicht lernen, welche Voraussetzungen für die Fed erfüllt sein müssen, um sich für einen Zinsschritt am 14. Dezember zu entscheiden. Schon jetzt wäre es – mit einem Abstand von exakt einem Jahr zwischen erstem und zweitem Zinsschritt – der vorsichtigste „hiking cycle“ aller Zeiten. Nach dem Arbeitsmarktbericht letzter Woche spricht wieder ein kleines bisschen mehr dagegen, daß die Fed sich diesmal ein Herz fasst. Aber bis es zur Entscheidung kommt, stehen ja noch zwei Arbeitsmarktberichte aus – und eine Präsidentschaftswahl.