Zentralbanken heben alle Boote

Es sind schon bemerkenswerte Entwicklungen, die sich dieser Tage an den Finanzmärkten abspielen. Die Briten beschließen, aus der Europäischen Union auszutreten, in Italien droht eine Bankenkrise, ein Wahlsieg Donald Trumps bei den US-Wahlen im November liegt im Bereich des Möglichen, Unternehmen in der industrialisierten Welt verdienen im Schnitt weniger Geld und trotzdem steigen die Aktienkurse. Jüngster Meilenstein: ein neues Rekordhoch beim S&P 500. Der Index der größten 500 Unternehmen in den USA ist wohlgemerkt ein Kursindex, der die Dividendenzahlungen – im Gegensatz etwa zum DAX 30 – nicht berücksichtigt. Aber auch der deutsche Aktienindex konnte in der vergangenen Woche zulegen, die Marke von 10.000 Punkten zurückerobern und somit die Verluste im Nachgang an das UK-Referendum fast zur Gänze tilgen. Was die aktuelle Situation noch bemerkenswerter macht, ist die gleichzeitige Rallye von Aktien und Anleihen. Zehnjährige US-Staatsanleiherenditen notieren genau wie die deutscher zehnjähriger Bundesanleihen in der Nähe ihrer absoluten Allzeittiefpunkte. Normalerweise beobachtet man in Phasen steigender Aktienkurse steigende Anleiherenditen beziehungsweise fallende Anleihekurse – aber was ist dieser Tage schon normal?

Die Suche nach den Ursachen für diese zumindest auf den ersten Blick überraschende Entwicklung führt einen unweigerlich zu den Yellens, Draghis, Kurodas und Carneys dieser Welt. Obwohl sich die Bank of England in der zurückliegenden Woche entgegen der mehrheitlichen Erwartung der Marktteilnehmer gegen eine Zinssenkung entschieden hat, scheint der zukünftige Fahrplan für die großen Zentralbanken festzustehen: ein Ende der Niedrigzinspolitik rückt immer weiter in die Ferne, weil inflationäre Tendenzen, die sich aus einer steigenden Nachfrage ergeben, kaum vorhanden sind – wenn man den US-Dienstleistungssektor einmal ausklammert. Außerdem halten die (geo-)politischen Risiken die Währungshüter in Hab-Acht-Stellung. Somit überrascht es nicht, dass die Bank of England recht deutlich eine Lockerung der geldpolitischen Zügel im August in Aussicht gestellt hat, dass die Bank of Japan vor einer weiteren Ausweitung ihrer Stimuli am 29. Juli steht und auch nicht, dass die Europäische Zentralbank bereits über die Verlängerung ihrer Ankaufprogramme über den März 2017 hinaus nachdenken dürfte. Nicht auszuschließen, dass Draghi bereits auf der Sitzung in dieser Woche vorsichtige Andeutungen in diese Richtung macht. In einem Umfeld, in dem alle anderen Zentralbanken weiter auf einem expansiven Kurs unterwegs sind, minimiert sich selbstredend auch der Zinsanhebungsspielraum für die US-Notenbank. Die Aussicht auf längerfristig günstiges Zentralbankgeld bleibt also auf absehbare Zeit die Droge der Märkte.

Steigende Kurse bei gleichzeitig rückläufigen Unternehmensgewinnen haben zur Folge, dass die Bewertungen der Aktien unweigerlich in die Höhe getrieben werden. Titel im S&P 500 handeln mittlerweile bei fast dem Siebzehnfachen ihrer Gewinne – der langjährige Durchschnitt liegt in der Nähe des Vierzehnfachen. Aber ist ein derartiger historischer Vergleich überhaupt noch zulässig? Die Antwort muss wohl lauten: eher nicht, weil ein Kurs-Gewinn-Verhältnis von etwa 17 bei dem heutigen Zinsniveau mit einem Kurs-Gewinn-Verhältnis von beispielsweise rund 14 bei einem höheren Zinsniveau nicht eins zu eins vergleichbar ist. Eine Einschätzung darüber, ob US-Aktien teuer sind oder nicht, ist somit nicht trivial.

In Großbritannien hat sich derweil die neue Regierung um Theresa May formiert, während weiter über die Auswirkungen des Austritts-Votums debattiert wird. Angesichts der Kursentwicklung in den letzten Tagen konnte man fast den Eindruck gewinnen, als sei man sich an den Finanzmärkten einig, dass sich der Brexit weitestgehend als ein rein britisches Problem entpuppen wird. Wir mahnen hier zur Vorsicht, weil die Beweggründe, welche die Briten zu ihrem Votum getrieben haben, auch in anderen Ländern vorzufinden sind. Drei von vier Eurozonenbürgern werden bis September 2017 an die Wahlurne gebeten. Sollte Europa keine Antwort auf die sozialen und ökonomischen Spannungen finden, könnte das Fahrwasser hier auf unserem Kontinent wohl noch unruhiger werden..

Was bedeutet das für Anleger?

Angesichts der politischen Risiken und der Dominanz der Zentralbanken werden zwei Kräfte die Märkte weiter dominieren: die Nachfrage nach Sicherheit und Diversifikation einerseits sowie die Suche nach Rendite andererseits. In diesem Spannungsfeld werden sichere Häfen wie Gold genauso gefragt bleiben wie alle Risikoaktiva, die einen attraktiven Einkommensstrom versprechen. Hierzu werden aus unserer Sicht wohlgemerkt auch ausgewählte qualitativ höherwertige Anleihen aus den Schwellenländern zählen. Die verzweifelte Suche nach Rendite dürfte hier mitunter stärker wiegen als das Bedürfnis nach Sicherheit – wobei die vermeintlich höhere Instabilität in den Schwellenländern angesichts der Unruhe in der entwickelten Welt ohnehin relativiert wird. Bei Aktien setzen wir weiterhin auf Qualitätsunternehmen, die aus einem sicheren Einkommensstrom heraus verlässlich ihre Dividenden zahlen und optimaler Weise sogar steigern können.

Die kommenden Tage werden neben der EZB-Sitzung am Donnerstag, von der wir keine bedeutenden Impulse erwarten, aller Voraussicht nach von den Fragen „wie geht es mit Großbritannien weiter?“ und „was passiert mit den italienischen Banken?“ dominiert. Außerdem werden die ersten europäischen Stimmungsindikatoren nach dem UK-Referendum veröffentlicht, deren Tonlagen mehr Molltöne als noch vor Monatsfrist enthalten und entsprechend auch auf einen „Brexit-Wachstumsdämpfer“ in Festlandeuropa hindeuten dürften.

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