Die Welt nach Corona

Martin Lück
Dr. Martin Lück
Leiter Kapitalmarktstrategie BlackRock

BlackRock Marktausblick
6. Juli 2021

Je näher uns die Impfungen der Überwindung von Corona bringen, desto mehr wird absehbar, welche Herausforderungen in der post-Covid-Zeit auf uns warten. Klimawandel, soziale Ungleichheit, Europa. Und je mehr dies ins Bewusstsein dringt, desto klarer wird, dass die politischen Rezepte der letzten 40 Jahre nicht getaugt haben, die gesellschaftliche Realität zu verbessern, jedenfalls für viele, und mit Blick nach vorn noch weniger Erfolg versprechen. Hatten nach dem fehlgeleiteten Keynesianismus der 70er Jahre große Hoffnungen die angebotstheoretische Wende der frühen 80er Jahre begleitet, so ist inzwischen Ernüchterung eingekehrt. Die wirtschaftspolitischen Rezepte von Thatcherism, Reagonomics und hierzulande Kohls „moralischer Wende“, darunter ein schlanker Staat, sich selbst finanzierende Steuersenkungen und eine am deutschen Stabilitätsideal orientierte Europapolitik, sind zum Großteil nach hinten losgegangen. Privatisierungen staatlicher Infrastruktur haben gelinde gesagt nur in Ausnahmefällen zum erhofften Ergebnis geführt, im Eisenbahnbereich sogar eher zum Gegenteil davon. Senkungen der Unternehmenssteuern haben nicht die erwünschten Mehreinnahmen generiert, sondern stattdessen zu Defiziten und einem gigantischen Investitionsstau vor allem bei der öffentlichen Infrastruktur beigetragen. Und in Europa ist es nicht gelungen, die Integration mittels der Verpflichtung auf deutsche Spartugenden voranzubringen, mit dem Ergebnis, dass die nächste Eurokrise wohl nur eine Frage der Zeit ist, wenn man so weitermacht wie bisher. Zu alledem gesellt sich die Erkenntnis, dass man dem Klimawandel nicht mehr mit dem bisher verfolgten Prinzip der drei Affen – nichts sehen, nichts hören, nichts sagen – begegnen kann bzw. dass die bisher verfolgte Klientelpolitik den Handlungsdruck in der Zukunft nur größer macht. Nimmt man die bedrohlich zunehmenden sozialen Spannungen dazu, die absehbare Zunahme von Migration oder Europas hilflose Position zwischen den Mühlsteinen China und USA, dann kann einem mit Blick auf diesen Berg an Herausforderungen angst und bange werden.

Kein Wunder also, dass die anstehende Bundestagswahl von vielen mit dem Wunsch nach gesellschaftlicher Veränderung verbunden, von anderen aber auch als Bedrohung davonschwimmender Felle verstanden wird. So enthalten die Wahlprogramme der Parteien, neben von absurd bis abstoßend reichenden Forderungen am extremen linken bzw. rechten Rand, die verschiedensten Vorschläge dafür, wie sich die Gesellschaft zu einem modernen, gerechten und möglichst bald klimaneutralen Gemeinwesen entwickeln kann. Aber selbst wenn die Parteien der politischen Mitte, ob nun eher rechts-konservativ oder links-progressiv, sich über vieles einig sind (dafür spricht im Übrigen auch die Palette der für denkbar gehaltenen Koalitionen), so scheint die Auseinandersetzung schon in der frühen Phase des Wahlkampfes härter, persönlicher, unversöhnlicher zu sein als in früheren Wahlkämpfen der jüngeren Vergangenheit. Mediale Kampagnen gegen einzelne Kandidaten seitens des Lagers, welches sich dem Geist von Ludwig Erhard und Marktwirtschaft wie Stabilität verpflichtet fühlt, deuten auf erhöhten Puls hin. Aber geneigte Medien stellen selbst neutrale, etwa marktbezogene Äußerungen tendenziös dar und versuchen, durch das Hochkochen einer politischen Konfrontation Auflage zu machen bzw. den von ihnen bevorzugten Parteien zur Profilierung zu verhelfen. Dass dabei auch vor persönlicher Beleidigung nicht Halt gemacht wird zeigt, dass es bei dieser Bundestagswahl um einiges zu gehen scheint. Aus heutiger Sicht dürfte dabei das nach Wahlumfragen wahrscheinlichste Regierungsbündnis, eine „Große Koalition 2.0“ aus den zurzeit führenden Lagern, von Marktteilnehmern positiv gesehen werden, stimmen doch die beteiligten Parteien bezüglich einiger der wichtigsten Themen, etwa Klimaschutz oder Europa, in großen Teilen überein. Das Gespenst eines für die Finanzmärkte bedrohlichen Linksbündnisses, das die üblichen Verdächtigen in Dauerschleife an die Wand malen, ist Stand heute zum Glück sehr unwahrscheinlich.

Investitionen in Klimaschutz und ein stabileres Europa bieten Anlagechancen

Bei aller Angst aber, die mit Blick auf das Klima vor Regulierung und Verbotspolitik, in Bezug auf Europa vor der vermeintlichen Abkehr von Stabilität und einer Transferunion geschürt wird, sollten Anleger kühlen Kopf bewahren. Denn während Klimarisiken in der Tat Investitionsrisiken sind, zum Teil weil Unternehmen, sie sich zu spät anpassen, finanzielle Schäden davontragen werden, eröffnet die konstruktive Gestaltung des Klimawandels auch enorme Chancen für Anleger. So schätzt die Internationale Energieagentur (IEA), dass sich Investitionen in klimafreundliche Energien bis 2030 verdreifachen müssen, wenn das Ziel – Klimaneutralität bis Mitte des Jahrhunderts – erreicht werden soll. Ähnliches gilt für Europa. Denn etwa die Bereitschaft, den Europäischen Wiederaufbaufonds („Next Generation EU“) zu etablieren, eröffnet die Möglichkeit deutlich höheren Wachstumspotenzials vor allem in den bisher schwächeren Regionen Europas. Und weil Menschen und Firmen dort auch unsere Kunden sind, nutzt eine konstruktive fiskalische Integration Unternehmen und Anlegern hierzulande, gleichzeitig wird die Gefahr künftiger Eurokrisen reduziert. Den Klimawandel und die europäische Integration positiv und als Chance zu verstehen, ist also im Getöse des Bundestagswahlkampfes die Herausforderung, welche sich Anlegern stellt. Dabei gilt es, den Blick in die Welt nach Corona zu richten, jenseits der überkommenen Weisheiten der letzten 40 Jahre.

 

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