Angst vor der zweiten Welle

Martin Lück
Dr. Martin Lück
Leiter Kapitalmarktstrategie BlackRock

BlackRock Marktausblick
29. September 2020

Enttäuschende Makrodaten bereiteten den Boden für schwache Aktienmärkte in der vergangenen Woche, vor allem in Europa. Insbesondere die Dienstleistungssektoren, die für mehr als zwei Drittel der Wertschöpfung stehen, dürften sich deutlich schwächer und auch viel langsamer erholen als bisher in den Indizes abgebildet. Veranstaltungen mit vielen Teilnehmern werden weiterhin kaum möglich sein, Gastronomiebetriebe werden die Umstellung in der kalten Jahreszeit besonders spüren, und die Reiseaktivität wird auf Sicht sehr gedämpft bleiben. Dies vor allem, solange Teile von Europa hohe Covid-Infektionszahlen aufweisen und daher als Risikogebiete gelten. Die zweite Welle, die immer wieder befürchtet wurde, ist längst da. Und während hierzulande führende Virologen vor der Gefahr noch deutlich höherer Fallzahlen warnen, ist genau dies in einigen westeuropäischen Ländern bereits Realität. Nach Großbritannien, wo zwischenzeitlich sogar von Kontrollverlust die Rede war, und Spanien steigen derzeit auch in Europas zweitgrößter Volkswirtschaft Frankreich die Neuinfektionen wieder exponentiell. Am Donnerstag und Freitag letzter Woche lag die Zahl der täglich registrierten Covid-Fälle bei rund 16.000, ein Vielfaches der Spitzenwerte von März und April. Ähnlich wie in Deutschland und anderen Ländern liegt dies auch daran, dass wesentlich intensiver getestet wird. Frankreich hat inzwischen über 161 Tests pro Tausend Einwohner durchgeführt, das ist nur geringfügig weniger als Deutschland (186) oder Italien (183). Und ähnlich wie in anderen westlichen Ländern infizieren sich vor allem Jüngere. Im Ergebnis ist die Zahl der neuen Todesfälle westlich des Rheins bis dato weiterhin niedrig, wenngleich in der vergangenen Woche die höchste Zahl an Covid-Verstorbenen seit Mai zu beklagen war.

Der französische Aktienindex CAC 40 hat demzufolge letzte Woche mit -5,2% auch noch etwas mehr nachgegeben als Big Caps in der Eurozone insgesamt (-4,9%). Überhaupt waren europäische Aktien schwächer als ihre Pendants in den USA. Dies mag daran liegen, dass in den USA so etwas wie eine Gewöhnung an hohe Covid-Fallzahlen existiert, während das Krisenmanagement in Europa im Vergleich bisher als deutlich besser galt. Dazu kommt, dass in der vergangenen Woche in den USA immer wieder die Hoffnung auf ein weiteres Corona-Unterstützungsprogramm der Regierung (CARES 2) genährt wurde, dass mit einem Volumen deutlich oberhalb der Billionengrenze vielen Unternehmen eine höchst willkommene Injektion verleihen würde. 

Unsicherheit in Europa rührt dagegen auch von den vielen Uneinigkeiten auf dem alten Kontinent her. So befinden sich die Verhandlungen um ein Handelsabkommen zwischen Großbritannien und der EU, welches einen harten Brexit verhindern soll, in einer Sackgasse. Die EU verlangt die Rücknahme des Internal Market Bill, mit dem die britische Regierung Teile des Ende 2019 mit der EU vereinbarten Austrittsabkommens konterkariert. Die Regierung von Boris Johnson lehnt das ab und fordert ihrerseits Zugeständnisse seitens der EU bis spätestens 15. Oktober, danach werde man sich auf ein No-Deal-Szenario vorbereiten. Das alles klingt nicht gut und deutet auf einen Showdown in den nächsten Wochen hin, mit der Folge erheblicher Volatilität vor allem bei Anlagen in Pfund Sterling. Wesentlich erfreulicher sieht es beim Thema „Schwexit“ aus. Am Sonntag ist nämlich das von der rechtsnationalen SVP angestrengte Referendum über die Begrenzung des Zuzugs von EU-Bürgern in die Schweiz von 61,7% der Wähler abgelehnt worden, schwere Verwerfungen im Freihandel zwischen der EU und der Schweiz, welche wohl die Folge gewesen wären, sind damit vom Tisch. Die Sorge darum hatte sich allerdings auch bei Anlegern in Grenzen gehalten. Der Schweizer Franken notierte im Wochenverlauf nahezu unverändert, der SMI konnte andere Aktienindizes in Europa outperformen.

 

Was das für Anleger bedeutet

Während der Blick von Ökonomen in dieser Woche auf Inflations- und Arbeitsmarktdaten in Europa und den USA ruht, dürfte auch die Politik die Märkte interessieren. Denn am heutigen Dienstagabend findet im Zuge des US-Wahlkampfes das erste von insgesamt drei TV-Duellen zwischen Donald Trump und Herausforderer Joe Biden statt. Trump gilt nach unzähligen Reality Shows als TV-Profi und klarer Favorit. Für Biden hingegen, der als Kind gestottert hat und bis heute als schwacher Redner gilt, dürften die Duelle eine schwere Hürde sein, zumal die Veranstaltungen über 90 Minuten gehen und wohl sehr anstrengend und konfrontativ verlaufen werden. Obwohl Trump mit 74 Jahren nur wenig jünger ist als der 77jährige Biden, wird ihm bessere Fitness nachgesagt. Politische Beobachter aus den USA sagen, dass die ersten Minuten des heutigen ersten Duells entscheidend sein könnten. Schon ein Unentschieden für Biden wäre ein großer, unerwarteter Erfolg.

 

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