Martin Lück
Dr. Martin Lück
Leiter Kapitalmarktstrategie BlackRock

Allein in den ersten 25 Minuten nach Bekanntgabe des Einkaufsmanagerindex (PMI) für die deutsche Industrie sank am Freitagmorgen die Marktkapitalisierung des DAX um über 16 Mrd. Euro. Was war passiert? Der PMI für das verarbeitende Gewerbe war um 2,9 Indexpunkte auf 44,7 gefallen, stärker als von Bankvolkswirten erwartet. Ein derart tiefes Niveau signalisiert Kontraktion, entsprechend negativ wurde die Nachricht von Marktteilnehmern aufgenommen. Schaut man etwas genauer hin, ergibt sich in der Tat ein trübes Bild: Der Sub-Index für den industriellen Output, ein guter Frühindikator für die deutsche Industrieproduktion, deutet auf eine der schwersten Schrumpfungen der letzten beiden Jahrzehnte hin. Die amtliche Statistik bestätigt, dass der Output in den letzten Monaten dreimal in Folge gefallen ist. Der Abwärtstrend übertrifft sogar jenen während der Eurokrise. Der geglättete Wert der Vorjahresveränderung (die Zeitreihe ist sehr volatil, weswegen man sie üblicherweise glättet) erreicht inzwischen nahezu Größenordnungen wie während des Dotcom-Crashs der frühen 2000er Jahre. Insofern erscheinen Rezessionsängste verständlich.

Die Tatsache, dass der Dienstleistungsindex des PMI trotz eines leichten Rückgangs im März bei robusten 54,9 verharrt und damit unverändert Expansion signalisiert, verdeutlicht die Zweiteilung, die zurzeit für die deutsche Volkswirtschaft gilt. Während die Industrie unter der abgeschwächten globalen Dynamik ächzt, ausgelöst durch die Verlangsamung des Welthandels, schwächeres Wachstum in China und den USA sowie Sorgen um einen Handelskrieg, erfreut sich die Binnenwirtschaft bis auf weiteres guter Gesundheit. Die Arbeitslosigkeit ist niedrig, die Reallöhne entwickeln sich positiv. In der Folge bleiben Konsum und Dienstleistungen die Garanten dafür, dass eine Rezession für die Gesamtwirtschaft ausbleibt - vorerst. Denn angesichts der Vehemenz der gegenwärtigen Schrumpfung in der Industrie sollte es dort bald zu einer Stabilisierung kommen. Sonst bestünde durchaus die Gefahr, dass die Schwäche im verarbeitende Gewerbe mit seinem Wertschöpfungsbeitrag von rund einem Drittel auf die sonstigen Sektoren der Volkswirtschaft übergreift, die mit rund zwei Dritteln den größeren Teil ausmachen. Eine Besserung der Vorzeichen in der Industrie könnte etwa daher rühren, dass die Regierungen in China und auf Sicht auch in den USA wachstumsfördernde Maßnahmen ergreifen und dass Unsicherheiten wie Brexit oder Handelskrieg nicht mehr unendlich lange wie Damoklesschwerter über der Weltwirtschaft hängen. Die überraschend deutliche Stabilisierung beim Ifo-Index gestern Morgen darf diesbezüglich als Hoffnungszeichen gelesen werden. Der Markt preiste sie entsprechend ein.

Die Erwartung, dass nach der chinesischen Regierung auch die Trump-Administration versuchen wird, das Wachstum zu stimulieren, ergibt sich aus der Politökonomie. Im nächsten Jahr möchte der Präsident wiedergewählt werden, und eine zu stark an Fahrt verlierende Volkswirtschaft wäre dafür keine gute Voraussetzung. Trump wird also auf die Demokraten zugehen müssen, um sie für fiskalpolitische Maßnahmen zu gewinnen. Die Notenbank hat bereits Unterstützung geliefert, denn die bisher offiziell ins Fenster gestellten zwei Zinserhöhungen für 2019 wurden gestrichen und sogar ein Ende der Bilanzverkürzung für September angekündigt. Hintergrund dieses überraschend vorsichtigen Kurses dürfte sein, dass die Fed nun für 2019 nur noch ein BIP-Wachstum von 2,1% erwartet. Rechnet man den Sonderstimulus der Steuerreform heraus, bedeutet dies, dass auch die USA in diesem Jahr unter ihr Wachstumspotenzial rutschen.

Was bedeutet das für Anleger?

Sie können ‚Brexit‘ nicht mehr hören? Welcome to the club! Diese Woche liefert ein neues Endspiel in dem absurden Drama, denn Theresa May wird das Austrittsabkommen wohl zum dritten Mal im Unterhaus abstimmen lassen. Gut möglich, dass sie ihren Gegnern, sowohl in der eigenen Partei als auch in der Opposition, eine eventuelle Zustimmung mit dem Versprechen ihres Rückzugs versüßt. Käme es so, würde Großbritannien am 22. Mai geordnet die EU verlassen und für die dann beginnende Übergangszeit bis Ende 2020 von einer neuen Premierministerin bzw. einem neuen Premierminister regiert werden. Gut möglich aber auch, dass der Deal ein drittes Mal scheitert und sich die Briten dann bis zum 12. April überlegen müssen, ob sie einen No-Deal-Brexit zum 22. Mai riskieren oder den Austrittsantrag gleich ganz zurückziehen wollen. Und für den Fall, dass May & Co. auch hier nicht wissen was sie wollen, käme es zu einer Verlängerung über den 22. Mai hinaus. Dann müsste Großbritannien an der EU-Wahl teilnehmen, der Austritt würde auf den Sanktnimmerleinstag verschoben, und der Brexit-Irrsinn würde in die nächste Runde gehen. Was soll man sich wünschen? Zumindest aus Sicht der europäischen Aktienmärkte wäre ein Ende der Unsicherheit von Vorteil. Positiv hierbei ist, dass die sich an der Grenze zum Slapstick bewegende britische Politik den Zeitplan jetzt nicht mehr selbst in der Hand hat. So oder so dürften deshalb die nächsten Tage für mehr Klarheit sorgen.

 


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