Martin Lück
Dr. Martin Lück
Leiter Kapitalmarktstrategie BlackRock

Klar, in erster Linie sind die Unternehmensgewinne wohl der Hauptgrund dafür, dass amerikanische Aktien ihren europäischen Pendants bisher in diesem Jahr die Rücklichter zeigen. Um satte 22% im Jahresvergleich liegen die Profite für den MSCI USA vorn, der entsprechende europäische Index zeigt nur ein Wachstum von rund 7%. Die Steuerreform in den USA ist eine der Ursachen hierfür, das stärkere Wirtschaftswachstum eine andere. Folgerichtig liegen die Aktienpreise jenseits des Atlantiks seit Jahresbeginn um fast 9% im Plus, während sie auf dem alten Kontinent mit einem Verlust von knapp 6% zu Buche stehen.

Viel mehr als die wirtschaftlichen Aussichten, die in beiden Regionen ohnehin positiv sind, sorgt der politische Hintergrund für Unsicherheit. Dies gilt für Europa mehr als für Amerika. Selbst wenn man argumentieren könnte, die politische Führung der Vereinigten Staaten sei eigentlich der gewichtigere Grund für Verunsicherung, so zeigt die Vergangenheit, dass Investoren in derartigen Zeiten üblicherweise die USA als Anlageregion bevorzugen. Dies gilt umso mehr, wenn für Europa eine Perspektive fehlt. So ist die Hoffnung einer konstruktiven Weiterentwicklung der Europäischen Währungsunion als Antwort auf die Schrecken der Eurokrise weitgehend in sich zusammengefallen. Hatte die „Meseberg-Erklärung“ von Angela Merkel und Emmanuel Macron noch im Juni Zeichen Richtung vertiefter Integration Europas gesetzt, scheinen die dort verabredeten Fortschritte bei Bankenunion, neuem ESM-Vertrag oder Eurozonenbudget heute wie aus der Zeit gefallen. Die Berliner Regierungspolitik scheint paralysiert. Offenbar möchte Angela Merkels CDU ihre bayerische Schwester, die deutschen Zugeständnissen eher skeptisch gegenübersteht, in Sachen Europa ebenso wenig provozieren wie beim Reizthema Migration. Letzteres hat der CSU-Parteivorsitzende, Innenminister Horst Seehofer, offenbar als geeignet identifiziert, um ein Absinken seiner Partei unter die 40%-Marke bei der bayerischen Landtagswahl am 14. Oktober zu verhindern. Ebenso drängt sich der Verdacht auf, Merkel wolle der CSU mit der Unterstützung von Manfred Webers Kandidatur für die EU-Kommissionspräsidentschaft, für die sie immerhin Jens Weidmanns Ambitionen auf die Draghi-Nachfolge geopfert hat, einen Gefallen tun. Ergebnis von alledem ist, dass das Vertrauen europäischer Partner in die Gestaltungskraft der Kanzlerin – und mit ihr der gesamten Koalition – zunehmend in Frage gestellt wird. Angesichts der gewaltigen Herausforderungen, die Europa ins Haus stehen, sind dies keine guten Aussichten. Und für Investoren wenig Anlass, bezüglich europäischer Aktien optimistischer zu sein als für solche in Asien oder Amerika.

Derweil ist in der letzten Woche der Risikoaufschlag auf zehnjährige italienische Staatsanleihen um weitere 15 Basispunkte gefallen. Investoren preisen immer mehr das Risiko aus, dass die italienische Regierung mit ihrem Budgetentwurf für 2019 auf offene Konfrontation zur EU gehen könnte, etwa im Fall sehr hoher zusätzlicher Ausgaben und einem nicht mehr regelkonformen Defizit. Nach den Regeln des Fiskalpaktes müsste Italien für 2019 ein strukturelles Defizit von 1,1% des BIP ausweisen, und nachdem bisher weit höhere Planwerte befürchtet worden waren, scheint der Markt sich jetzt auf eine Größenordnung von rund 1,5% einzustellen. Eine so milde Verfehlung würde wohl bedeuten, dass weder die EU-Kommission noch Marktteilnehmer sich aufregen müssten. Allerdings ist das Risiko eines weit höheren Wertes nicht völlig vom Tisch. Sollte der erste Budgetentwurf, welcher nächste Woche vorgelegt wird, doch ein viel höheres Defizit für 2019 enthalten, könnten die italienischen Spreads schnell wieder in die andere Richtung laufen.

Was bedeutet das für Anleger? 

Bei aller politischen Unsicherheit ist es beruhigend zu sehen, dass sowohl in Europa als auch Amerika das gesamtwirtschaftliche Wachstum keine Zeichen von Schwäche aufweist. In dieser Woche sollten die Einkaufsmanagerindizes für die Eurozone und die USA dies bestätigen. Im August lagen die Indizes alle um 55, also einen Wert, der weiteres Wachstum verheißt. Mehrheitlich erwarten Marktteilnehmer, dass die Expansion Richtung Jahresende anhält, und dem würden wir uns anschließen. In Kombination mit berechenbarer Zentralbankpolitik seitens Fed, EZB & Co. bildet der Makrohintergrund also eine vertrauensbildende Kombination und somit einen mehr als willkommenen Gegenpol zum täglichen Irrsinn der Politik.

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