8. SEPTEMBER 2026

Warum die Märkte weniger widersprüchlich sind, als sie erscheinen

Auf den Punkt gebracht

Ann-Katrin Petersen ist Leiterin der Kapitalmarktstrategie bei BlackRock für Deutschland, Österreich, die Schweiz und Osteuropa. Sie blickt jede Woche auf aktuelle Entwicklungen an den Märkten und ordnet mögliche Auswirkungen für Anlegerinnen und Anleger ein.

Drei Themen

  • 01

    Kapitalmärkte

    Weniger widersprüchlich, als sie erscheinen

  • 02

    Wettbewerb um Kapital

    Warum Japan wichtig ist

  • 03

    Zinseinkommen

    Gekommen, um zu bleiben

2026 war bislang alles andere als ein langweiliges Jahr an den Finanzmärkten. Geopolitik und künstliche Intelligenz prägten die Schlagzeilen – und hinterließen eine deutliche Spreizung: Globale Aktien schnitten besser ab als Staatsanleihen.

Kapitalmärkte: Weniger widersprüchlich, als sie erscheinen

Neu ist das nicht, seit der weltweiten Zinswende 2021 tritt es jedoch häufiger auf. Fielen die Renditen in der Pandemie noch auf historische Tiefstände, rentieren dreißigjährige US-Staatsanleihen inzwischen über 5%– so hoch wie zuletzt vor 19 Jahren. Zehnjährige Bundesanleihen liegen bei über 3%, dem höchsten Stand seit etwa 15 Jahren. In Japan bewegen sich die Renditen Niveaus wie zuletzt in den 1990er Jahren (Quelle: LSEG, 04.09.2026).

Warum notieren die Börsen dann nahe ihrer Rekordstände? Historisch belasteten höhere Anleiherenditen oftmals die Aktienmärkte: Sie erhöhen die Kapitalkosten, künftige Gewinne werden stärker abdiskontiert. Zudem bauten Anleger darauf, dass Staatsanleihen in Phasen der Aktienschwäche steigen. Beide Zusammenhänge greifen heute weniger verlässlich. Zusätzlich wirkt die Gewinnrendite von Aktien gegenüber Anleiherenditen historisch wenig attraktiv. Manche folgern: Einer der beiden Märkte muss falsch liegen.

Eine andere Erklärung ist jedoch, dass sich das makroökonomische Umfeld grundlegend verändert hat. Die „Great Moderation“ bis etwa 2020 war nachfragegetrieben – Globalisierung, China und effiziente Lieferketten hielten das Angebot im Takt der Nachfrage. Zentralbanken federten Abschwünge mit Zinssenkungen ab, Staatsanleihen wirkten in Stressphasen als Stabilisator.

Heute prägen Angebotsengpässe die Wirtschaft. Arbeitskräfte sind knapper, Energiesicherheit hat an Gewicht gewonnen, Lieferketten werden widerstandsfähiger statt allein effizienter gebaut. Staaten investieren in Infrastruktur, Verteidigung und Industriepolitik. In einem solchen Umfeld hängt Wachstum zunehmend von Produktionskapazitäten ab – und Zentralbanken können zwar die Nachfrage bremsen, aber keine Arbeitskräfte, keine Energie und keine Halbleiter schaffen. So gesehen könnte der scheinbare Bruch historischer Korrelationen weniger ein Marktversagen als vielmehr Ausdruck eines neuen Makroregimes sein.

Höhere Renditen müssen für Aktien nicht zwangsläufig negativ sein. Sie spiegeln neben hartnäckigem Inflationsdruck einen strukturell höheren Kapitalbedarf: Steigende Staatsverschuldung und der Wettbewerb um Kapital im KI-Boom treiben die Finanzierungskosten. Lang her erscheint die Debatte über eine globale Ersparnisschwemme („Global Saving Glut“). Treffen höhere Kapitalkosten auf steigende Produktivität und höhere Gewinne, können Aktien zugleich profitieren. Genau das scheint eingepreist – Aktienanleger gehen damit wohl eine der größten makroökonomischen Wetten der Geschichte ein.

Wettbewerb um Kapital: Warum Japan wichtig ist

Vor diesem Hintergrund werden höhere Anleiherenditen in Japan zunehmend zu einer globalen Zinsgeschichte. Der Renditevorteil von US-Treasuries gegenüber japanischen Staatsanleihen ist für japanische Anleger deutlich geschrumpft – besonders nach Absicherung des Wechselkursrisikos. Ein japanischer Anleger kann heute mit einer 10-jährigen japanischen Staatsanleihe rund 3% erzielen. Bei einer währungsgesicherten Anlage in zehnjährige US-Treasuries sind es etwa 2% (Quelle: LSEG, 04.09.2026).

Das ist relevant, weil Japan seit Jahrzehnten einer der größten Kapitalexporteure der Welt ist. Die niedrigen Renditen im Inland haben japanische Anleger lange Zeit dazu veranlasst, auf der Suche nach Ertrag verstärkt im Ausland zu investieren. Japan hält weiterhin rund 1,1 Billionen US-Dollar an US-Staatspapieren.

Wenn japanische Renditen wieder attraktiver werden, könnte selbst eine moderate Kapitalrückführung am Rand spürbar sein. Zur Illustration: Eine hypothetische Umschichtung von 5% der japanischen Treasury-Bestände entspräche rund 55 Milliarden US-Dollar. Das entspricht etwa einem Viertel des Anstiegs der gesamten ausländischen Treasury-Bestände im vergangenen Jahr und rund 7% der erwarteten Nettoaufnahme des US-Schatzamts in diesem Quartal.

Für sich genommen wäre das kaum ausreichend, um den US-Treasury-Markt zu destabilisieren. Aber auch ohne eine breite Rückführungswelle wäre eine solche Bewegung am Rand relevant – gerade in einem Umfeld, in dem Staaten und Unternehmen intensiver um einen begrenzten Kapitalpool konkurrieren und bereits geringere Nachfrage großer ausländischer Investoren zusätzlichen Aufwärtsdruck auf globale Renditen ausüben kann.

Wichtig ist dabei: Diese Dynamik entsteht nicht im luftleeren Raum. Die Bank of Japan steht angesichts von anhaltendem Inflationsdruck, stärkerem Lohnwachstum und einem zeitweise schwachen Yen unter Druck, die Geldpolitik weiter zu normalisieren.

Daraus kann eine Rückkopplung entstehen: Höhere US-Zinsen können den Yen schwächen. Ein schwächerer Yen verteuert Importe und kann dadurch den Inflationsdruck in Japan erhöhen. Das wiederum kann den Druck auf die Bank of Japan erhöhen, die Geldpolitik zu straffen. Eine schnellere Normalisierung kann japanische Anleger dazu bewegen, Kapital stärker im Inland zu halten oder zurückzuführen. Sinkt dadurch die Nachfrage nach US-Treasuries, kann das den Aufwärtsdruck auf US-Renditen zusätzlich verstärken.

Zinseinkommen: Gekommen, um zu bleiben

Dass der weltweite Aufwärtsdruck auf die Renditen rasch nachlässt, ist unseres Erachtens wenig wahrscheinlich. Die Ursachen sind vor allem struktureller Natur: Engpässe bei Arbeitskräften, Energie und anderen kritischen Ressourcen sprechen für eine hartnäckigere Inflation. Hinzu kommt, dass angespannte Staatshaushalte auf einen außergewöhnlich investitionsintensiven Umbau der Wirtschaft treffen. Die Finanzierung von KI-Infrastruktur durch den Privatsektor macht inzwischen rund 14% der Emissionen im Investment-Grade-Anleihemarkt aus und verschärft den Wettbewerb um Kapital. Diese Entwicklungen lassen ein strukturell höheres Zinsniveau als in der Dekade vor der Pandemie erwarten.

Für Anleger bedeutet das Umfeld auch: Zinseinkommen ist als Ertragsquelle in die Portfoliokonstruktion zurückgekehrt. Mehr als 80% des globalen Anleiheuniversums rentieren inzwischen mit über 4% - 2021 waren es auf dem Tief rund 2%. Dabei hat das veränderte Zinsumfeld das Verhältnis von Risiko und Ertrag verändert. Kurze und mittlere Laufzeiten bieten heute häufig attraktivere Ertragschancen bei geringerem Durationsrisiko.

In dieser Woche stehen Inflation und Zentralbanken im Fokus. In den USA ist der Verbraucherpreisindex am Donnerstag entscheidend: Nach dem starken Arbeitsmarktbericht könnte eine höher als erwartete Inflationszahl die Erwartung eines Zinsschritts der US-Notenbank Fed stützen und globalen Renditen zusätzlichen Auftrieb geben.

Der US-Arbeitsmarkt bleibt dabei ein wichtiger Inflationskanal. Das Beschäftigungswachstum im August lag mit 162.000 Stellen deutlich über unserer Schätzung des „Breakeven“-Niveaus von unter 45.000 Stellen pro Monat. Auch der Dreimonatsdurchschnitt von 71.000 Stellen liegt darüber. Solange der Stellenaufbau diese Schwelle übersteigt, kann zusätzlicher Druck auf Löhne und Inflation entstehen.

In Europa richtet sich der Blick auf die Sitzung der Europäischen Zentralbank (EZB). Eine Zinserhöhung um 25 Basispunkte auf 2,5% – das obere Ende des geschätzten neutralen Zinsbereichs, der die Konjunktur weder bremst noch ankurbelt – ist vollständig eingepreist. Wichtiger werden die aktualisierten Makroprojektionen und die Aussagen von Präsidentin Lagarde zum weiteren Kurs sein.

Geopolitische Spannungen und Energiepreise unterstreichen die Unsicherheit des Inflationsausblicks im Euroraum und sprechen für einen umsichtigen Ansatz. Zugleich fehlen bislang jedoch klare Hinweise auf breit angelegte Zweitrundeneffekte. Das spricht dafür, dass die EZB datenabhängig bleibt, sich alle Optionen offenhält und ein Schritt in klar restriktives Terrain keine ausgemachte Sache ist.

Glossar

Währungsabsicherung: Maßnahmen, die helfen können, das Risiko von Wechselkursschwankungen bei Anlagen in fremder Währung reduzieren.

Duration: Maß dafür, wie stark der Preis einer Anleihe auf Zinsänderungen reagiert.

Investment Grade: Anleihen mit vergleichsweise hoher Kreditqualität.

Zweitrundeneffekte: Wenn höhere Preise etwa zu höheren Lohnforderungen führen und dadurch die Inflation länger erhöht bleibt.

Alle Meinungen und Schätzungen in diesem Dokument, einschließlich Renditeprognosen, spiegeln unsere Beurteilung bei Redaktionsschluss wider, können ohne vorherige Ankündigung geändert werden und beruhen auf Annahmen, die sich möglicherweise nicht als zutreffend erweisen.

Risikohinweise

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