Angst vor der dritten Welle

Martin Lück
Dr. Martin Lück
Leiter Kapitalmarktstrategie BlackRock

BlackRock Marktausblick
16. Februar 2021

Seit über einem Jahr bestimmt Sars-CoV-2 das Wirtschaftsgeschehen und ist damit zur wichtigsten Vorgabe auch für die Finanzmärkte geworden. Erschwert werden entsprechende Rückschlüsse von der ständigen Weiterentwicklung der virologischen und epidemiologischen Erkenntnisse. So kommen nun, gerade an einer Stelle, an der wir dachten, die Dynamik der Pandemie einigermaßen einschätzen zu können, nahezu zeitgleich mit der Verfügbarkeit von Impfstoffen mehrere Virusmutationen hinzu. Das Rennen ist damit eröffnet. Bildlich gesprochen könnte, während die Impfstoffe endlich Licht ans Ende des Lockdown-Tunnels gezaubert haben, ebenjener Tunnel aufgrund der Gefahr der Virusmutanten um einiges länger ausfallen als bisher gedacht. Vor allem die schnelle Verbreitung der zuerst in Großbritannien aufgetretenen Variante B.1.1.7 dürfte die Wahrscheinlichkeit einer dritten Infektionswelle erheblich erhöhen.

Die Daten sprechen für sich. Während im zweiten Lockdown die Neuinfektionszahlen langsamer sanken als im ersten, gelang es dennoch, den R-Wert, also die Reproduktionszahl des Virus, unter eins zu drücken. Bei R=0,9 halbiert sich die Zahl der Neuinfektionen etwa innerhalb eines Monats, was ungefähr der zurzeit beobachtbaren Abnahme der Inzidenz entspricht. Nun deuten Studien aus Ländern, in denen sich die „britische“ B.1.1.7-Variante stark verbreitet hat, darauf hin, dass deren Übertragbarkeit von Mensch zu Mensch um 30-70% höher liegen könnte als beim Ursprungstyp von Sars-CoV-2. Selbst wenn man den unteren Rand dieser Schätzung annimmt, erhält man mithin einen R-Wert von deutlich über eins und somit im exponentiellen Bereich. Je mehr Neuansteckungen also auf die B.1.1.7-Mutante zurückgehen, desto schneller dürften die Gesamtzahlen wieder zunehmen. In Deutschland deuten die Daten darauf hin, dass B.1.1.7 derzeit für doppelt so viele positive Testergebnisse verantwortlich ist wie noch vor einer Woche, nämlich bundesweit inzwischen rund 11%. In Landkreisen, die im Grenzgebiet zu Nachbarländern mit sehr hohen Fallzahlen liegen wie etwa an der bayerisch-tschechischen Grenze, dürften es eher 40-50% sein. Mit anderen Worten, es ist nur eine Frage weniger Wochen, bis B.1.1.7 auch hierzulande die dominierende Virusvariante sein wird und bei unveränderten Lockdown-Maßnahmen der R-Wert wieder deutlich über eins steigt. Das Absinken der bundesweiten Sieben-Tages-Inzidenz, welche am Wochenende knapp unter 60 lag, dürfte bald zum Stillstand kommen. Ob dies oberhalb oder unterhalb der magischen Inzidenzmarke von 50 erfolgt, ist irrelevant. Entscheidend ist, dass die Zahlen just zu dem Zeitpunkt wieder zu steigen beginnen könnten, für den eine Lockerung der Shutdown-Maßnahmen angedacht ist, nämlich ab Anfang März. Die wenig erfreuliche Konklusion lautet, dass längere, vermutlich sogar schärfere Restriktionen wahrscheinlicher sind als Lockerungen und dass eine Normalisierung des gesellschaftlichen Lebens noch weit über Ostern hinaus nicht absehbar ist. Eine stärkere Schädigung der Wirtschaft, mit zumindest mittelfristig heftigeren Bremsspuren bei den Unternehmensergebnissen, dürfte die Folge sein.

Es ist also nachvollziehbar, dass sich weiter viel Hoffnung auf die Träger der Wirtschaftspolitik richtet. In Italien, einem der am stärksten von der ersten Infektionswelle getroffenen Land, hat nun der ehemalige EZB-Präsident Mario Draghi eine Regierung gebildet, deren wichtigste Aufgabe in den nächsten Monaten darin bestehen wird, Italiens Anteil von 209 Mrd. Euro am Covid-Wiederaufbaufonds der EU sinnvoll zum Einsatz zu bringen. Im Jahr 2020 war das BIP mit -8,8% in Italien stärker eingebrochen als im Durchschnitt der Eurozone (-6,8%), mit mehr als 1.500 Corona-Toten pro Million Einwohner liegt das Land nach wie vor unter den am stärksten von der Pandemie betroffenen EU-Mitgliedern. Nun hat Draghis Regierung ein Mandat, das von seltener Einigkeit im Parlament getragen wird, allerdings vermutlich nur über ein Zeitfenster von etwas mehr als einem Jahr verfügt. Denn schon im Frühjahr 2022 stehen in Italien Präsidentschaftswahlen an, und es ist nicht unwahrscheinlich, dass Draghi dann Sergio Mattarella ablöst und somit nicht länger als Premierminister zur Verfügung steht.

Was das für Anleger bedeutet

Selbst wenn der ökonomische Schaden infolge der Pandemie zunächst noch stärker ausfallen könnte als erwartet und die Erholung länger als erhofft auf sich warten lässt, verspricht zumindest die zweite Jahreshälfte 2021 nach wie vor eine Normalisierung. Konsum- und Investitionsnachfrage, die bis dahin aufgestaut blieb, dürfte sich dann Bahn brechen und auf ein vermutlich verknapptes Angebot treffen. Höhere Inflationszahlen könnten die Folge sein, vermutlich verstärkt durch steigende Energiepreise und den Mehrwertsteuereffekt in Deutschland. Wird die EZB versuchen, diesen Inflationsanstieg zu bremsen? Wir glauben nein, zumindest nicht sofort. Und so könnte ab Sommer ein starker Wirtschafts-Neustart, in Kombination mit steigender Inflation und weiterhin atypisch niedrigen Zinsen für eine günstige Konstellation an den Aktienmärkten sorgen.

 

 
MKTGH0221E/S-1525310