Marktoptimismus trotz „Blauer Welle“

Martin Lück
Dr. Martin Lück
Leiter Kapitalmarktstrategie BlackRock

BlackRock Marktausblick
26. Januar 2021

Die neue US-Regierung ist im Amt, und alles ist ruhig geblieben. Kein wütender Mob stürmte das festungsartig gesicherte Washington D.C., die Amtseinführung des Präsidenten Joseph R. Biden und seiner Vizepräsidentin Kamala Harris verlief zivilisiert und der Bedeutung des Augenblicks würdig, derweil sich der abgewählte Expräsident vom Hof schlich und zum Golfspielen nach Florida flog. Nach vier Jahren Gift und Galle gilt es nun, zu einer Neubewertung der US-Politik und ihres Einflusses auf Wirtschaft und Finanzmärkte zu gelangen. Dies beginnt bei den USA selbst, einem Land, in dem immer noch 70% der republikanischen Wähler glauben, die Wahl sei ihrem Kandidaten gestohlen worden. Die neue Regierung hat wenig Zeit und alle Hände voll zu tun, um diese Gräben zuzuschütten. Joe Biden macht sich mit einem Feuereifer an die Arbeit, der all jene Lügen straft, die ihm wegen seiner 78 Jahre Müdigkeit unterstellen. Noch nie hat ein neuer Präsident in seinen ersten Amtstagen derart viele Executive Orders unterschrieben. 25 waren es bei Joe Biden in den ersten drei Tagen, mehr als alle der Präsidenten Trump, Obama und Bush im gleichen Zeitraum zusammen. Und mit Hochdruck arbeiten die Beamten der neuen Regierung daran, das 1,9 Billionen US-Dollar schwere Covid-Hilfsprogramm durch den Kongress zu bekommen. Die Debatten und die Abstimmung über dieses Programm dürften den Ton setzen, mit dem in den kommenden Jahren in Washington D. C. verhandelt wird. Im Idealfall gelangen Demokraten und Republikaner im Kongress wieder zu so etwas wie einem konstruktiven Arbeitsverhältnis, was für die Perspektiven der US-Wirtschaft wichtig und für das politische Klima im Land möglicherweise ausschlaggebend sein könnte. Erste positive Anzeichen sind zu beobachten. Erschwerend kommt allerdings hinzu, dass nur ein schmales Zeitfenster für die Rückkehr zivilisierter Auseinandersetzung vorgegeben ist, denn schon im Herbst 2022 stehen die nächsten Mid-Term Elections auf dem Plan, und dann dürfte die politische Debatte wieder an Schärfe zunehmen. Bis dahin sollte Bidens Regierung die wesentlichen Projekte durch den Kongress gebracht haben, denn falls es dem Präsidenten in den Mid-Terms so ergeht wie seinen beiden Vorgängern, könnte für die zweite Hälfte seiner Präsidentschaft die Mehrheit in zumindest einer der Kammern des Kongresses und damit die Möglichkeit des „Durchregierens“ verloren gehen.

Ebenso spannend wie die anstehenden Politikänderungen in Amerika selbst ist der Blick auf die neue US-Außenpolitik. Das Verhältnis der Vereinigten Staaten zu Europa dürfte sich insgesamt bessern. Das reicht von militärischen Entscheidungen (der angekündigte Truppenabzug aus Deutschland wurde ja bereits vom Kongress gestoppt) bis zur Handelspolitik (vermutlich deutlich geringere Gefahr von Strafzöllen, etwa auf europäische Autos), allerdings verbleiben auch Streitpunkte wie die Gaspipeline Nordstream 2, bei der Deutschlands Schulterschluss mit Russland nicht nur so ziemlich alle europäischen Partner, sondern auch die USA (damals noch unter Obama) düpierte. Gerade angesichts des Mordanschlags auf Alexei Nawalny, des brutalen Niederschlagens friedlicher Demonstrationen in Russland sowie des immer despotischeren Auftretens von Wladimir Putin hat sich damit die Bundesregierung in eine schwierige Lage manövriert. Durchaus möglich also, dass die neue US-Regierung zunächst anderswo in Europa nach einem konstruktiven Neuanfang der Beziehungen sucht. Sogar mit Boris Johnson hat Biden schon ein freundliches Telefonat geführt und die Möglichkeiten eines eventuellen Handelsabkommens sondiert.

Noch deutlich kritischer – und vermutlich für die Märkte relevanter - ist die Haltung der neuen US-Administration gegenüber China. Denn obwohl der Ton konzilianter und der Umgang zivilisierter werden dürfte als unter der Vorgängerregierung, spricht vieles dafür, dass auch Biden eine harte Haltung gegenüber Peking beibehalten wird. Viele Funktionäre der kommunistischen Partei, darunter Präsident Xi Jinping und Ministerpräsident Li Keqiang sowie dessen Stellvertreter Liu He, kennt Biden gut aus seiner Zeit als Vizepräsident. Die zum Ausgang letzter Woche ergangene Aufforderung an Peking, Drohungen gegenüber der US-freundlichen Nachbarinsel Taiwan einzustellen, zeigen, dass Biden durchaus bereit ist, dorthin zu gehen, wo es weh tut. China betrachtet Taiwan als abtrünnige Provinz und reagiert typischerweise sehr aggressiv auf derartige Aussagen. Der Konflikt der beiden Weltmächte des 21. Jahrhunderts ist also mit Biden keineswegs zu Ende, er geht nur in die nächste Runde.

Was das für Anleger bedeutet

Für die Kapitalmärkte dürfte in den nächsten Quartalen die entscheidene Frage sein, ob bzw. wie stark sich die Inflation im Zuge der erwarteten Post-Covid-Erholung normalisiert. Vieles spricht dafür, dass ein Mix verschiedener Treiber wie aufgestaute Nachfrage, administrierte Preise (etwa die Wiederherstellung des Mehrwertsteuersatzes von 19% in Deutschland) und erhöhte Energienachfrage zu einem zumindest temporären Inflationsschub führt. Daran schließen sich dann aber zwei Fragen an: Erstens wird entscheidend sein, ob die Zentralbanken diese Inflationswelle wirklich laufen lassen, ohne wie üblich schon erste Zeichen davon im Keim zu ersticken. Genau dieses neue Laissez-faire unterstellen wir ja mit unserer Annahme einer „neuen Nominalzinswelt“.  Zweitens darf als durchaus nicht entschieden gelten, ob ein etwaiger temporärer Inflationsschub sich in einen nachhaltigen Anstieg des Preisniveaus übersetzt. Hierfür wäre wohl eine kräftigere Lohndynamik die Voraussetzung. Ob diese sich einstellt und nach Abflachen der Post-Covid-Welle anhält oder ob der disinflationäre Druck, etwa vonseiten der fortschreitenden Digitalisierung, die Oberhand behält, bleibt abzuwarten. Unstrittig dürfte sein, dass gerade diese Frage eine der entscheidenden Determinanten für den Anlageerfolg der nächsten Jahre sein dürfte. 

 
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