Champagnerlaune

Felix Herrmann
Felix Herrmann, CFA
BlackRock Kapitalmarktstratege

BlackRock Marktausblick
1. Dezember 2020

Wie schnell sich die Lage doch ändern kann. Ein Wahlsieg Bidens hier, ein Impfstoffdurchbruch dort und schon sind die globalen Finanzmärkte in Champagnerlaune. Zugegeben: diese beiden Events waren auch absolute Meilensteine, auf die man sicher noch in einigen Jahren zurückblicken wird. Beide Events markieren Wendepunkte und schüren die Hoffnung auf eine bessere Zukunft nach Donald Trump und Covid-19. Mehr Gesundheit, mehr Einigkeit, mehr Gerechtigkeit, mehr Wachstum – und vor allem: mehr Planbarkeit. Die Tatsache, dass diese beiden Meilensteine nahezu zeitgleich die Schlagzeilen dominieren, erhöht den positiven Wirkungsgrad in Bezug auf die ausgelassene Stimmung der Anleger nur umso mehr. 

Garniert wird das positive Marktumfeld von der Aussicht auf mehr Zentralbankunterstützung (die EZB wird bspw. mit hoher Wahrscheinlichkeit nächste Woche ihr Krisenprogramm PEPP um rund 500 Milliarden Euro aufstocken). Beruhigend ist dabei vor allem die Aussicht, dass sich hieran so schnell nichts ändern wird (zur Erinnerung: die Fed plant bis mindestens Ende 2022 keine Zinsanhebungen) – und all das trotz des Rebounds, der beim Wachstum für 2021 zu erwarten ist. Die Fiskalpolitik dürfte sich ebenfalls nochmal ins Zeug legen. In den USA hat in diesem Zusammenhang die Nominierung von Janet Yellen als neue Finanzministerin die Stimmung weiter gehoben. Erstens, weil damit klar ist, dass Elizabeth Warren – das Gespenst der Finanzmärkte – kein Teil des Kabinetts wird, und zweitens, weil Yellen eine klare Befürworterin von umfangreichen Corona-Hilfen ist und gleichzeitig ein gutes Verhältnis mit vielen Republikanern pflegt. Das schürt Hoffnungen auf eine rasche Verabschiedung eines weiteren umfangreichen Konjunkturpakets Anfang 2021. 

Bevorstehende Risikoevents bieten darüber hinaus mehr „Upside“- als „Downside“-Potenzial. Sollte bei den Brexit-Verhandlungen doch noch ein Deal herausspringen, dürfte dies zahlreiche Anleger positiv überraschen. Auf ein Scheitern der Verhandlungen wird hingegen jedes Unternehmen, das vom Brexit betroffen ist, vorbereitet sein. Bei der Senatsstichwahl in Georgia im Januar, die den Demokraten letztlich doch noch den Gleichstand im Senat bescheren könnte, rechnet aktuell vermutlich ebenfalls nur eine kleine Minderheit mit einem Erfolg der Demokraten. Sollte es zu einem unerwarteten blauen Coup kommen, wäre dies aus Marktsicht ebenfalls erfreulich, da die Biden-Administration dann deutlich mehr Beinfreiheit bei den Staatsausgaben hätte. 

Kein Wunder also, dass Anleger den Monat November als einen der besten Aktienmonate überhaupt verbuchen können. Dank eines zweistelligen Plus im breiten MSCI All Country World Index kletterten globale Aktien auf ein neues Allzeithoch. Gerade Aktien aus den Schwellenländern konnten im November weiteren Boden auf Aktien aus der industrialisierten Welt gutmachen. Seit Jahresbeginn betrachtet, liegt der MSCI Emerging Markets nun sogar mit dem MSCI World gleichauf. Nachdem Anleger zu Beginn der Pandemie im März rund 90 Milliarden US-Dollar aus EM-Aktien und -Anleihen abgezogen hatten, kehrten sie mit Beginn des vierten Quartals mit Überzeugung zurück. Im Vergleich zum Niveau von vor der Corona-Krise sind EM-Risikoaktiva aber immer noch unterrepräsentiert in den Portfolios der Anleger. 

Schwellenländeraktien und -anleihen profitieren ganz besonders von der gesunkenen Risikoaversion. Sie profitieren von der Aussicht auf weiter niedrige US-Zinsen (trotz der gesunkenen Risikoaversion liegen die zehnjährigen US-Staatsanleiherenditen ziemlich exakt auf dem Niveau von Ende Oktober) und sie profitieren von der Erwartung, dass auch der US-Dollar im kommenden Jahr als sicherer Hafen eher weniger gesucht sein dürfte. Zudem dürfte insbesondere die weniger erratische US-Außenpolitik unter Joe Biden einen Push für EM-Risikoaktiva bedeuten. 

 

Was das für Anleger bedeutet

Aufgrund der veränderten Marktlage sind wir tendenziell optimistischer in Bezug auf Risikoaktiva bzw. zyklische Werte. In diesem Zuge heben wir unsere Empfehlung für Anleihen aus den Emerging Markets auf neutral an, nachdem wir vor kurzem bereits asiatische Aktien auf „übergewichten“ heraufgestuft hatten. Wir sehen für Anleihen, die in harter Währung denominiert sind, aber vor allem auch für Anleihen in lokaler Währung weiteres Aufholpotenzial. Insbesondere Anleihen in lokaler Währung haben einen guten Teil der Rallye der letzten Monate verpasst. Entsprechend günstige Bewertungen machen diese Anlageklasse vor dem Hintergrund des oben beschriebenen Marktumfeldes attraktiv – zumal EM-Währungen gegenüber dem US-Dollar zulegen dürften.

Diese Strategieanpassung im Anleihesegment spiegelt unsere grundsätzlich bevorzugte Hantelstrategie wider, die an einem Ende auf Qualität und Sicherheit, etwa in Form von inflationsgeschützten Anleihen, am anderen Ende aber auch auf ausgewählte zyklische Werte setzt. 

 

MKTGH1120E/S-1429315