Martin Lück
Dr. Martin Lück
Leiter Kapitalmarktstrategie BlackRock

Wer gehofft hatte, die vorweihnachtliche Stimmung des nahenden Jahresendes würde politische Streithähne zur Räson und damit Entspannung für die Finanzmärkte bringen, sieht sich getäuscht. Damit schwindet auch die Hoffnung auf eine zumindest bescheidene Jahresendrally. Zurzeit liegen europäische Aktien seit Jahresbeginn um rund 17% hinten, amerikanische um rund 3%. Währungsbereinigt haben US-Aktien ihre Pendants in Europa bisher also um rund 20% outperformt.

Insgesamt haben im Jahresverlauf die geopolitischen Risiken stärker auf Risikoaktiva durchgeschlagen als in den Vorjahren. Dies kam für viele überraschend, denn auch für 2018 war mehrheitlich erwartet worden, dass die Märkte robust genug sind, um Unsicherheiten wie den Brexit, die neue populistische Regierung in Italien oder die Irrwege der US-Politik zu verkraften. Nun war die Voraussetzung für diese Robustheit aber gewesen, dass trotz starken Wachstums und sprudelnder Unternehmensgewinne die Zinsen ungewöhnlich niedrig blieben. Genau diese Kombination, sozusagen die Basis des Goldilocks-Szenarios von 2017, hat im laufenden Jahr Risse bekommen. Zweifel am Wachstum kamen auf, die Zinsen stiegen stärker. Im Ergebnis war es kein Wunder, dass Risiken stärker spürbar wurden.

Italiens Regierung verhöhnt die EU. Anders kann man das neuerliche Angebot eines Defizits von 2,04% für 2019 kaum interpretieren, nachdem der ursprüngliche Plan von 2,4% von der EU zurecht abgewiesen worden war und die EU-Kommission der italienischen Exekutive einen entsprechend deutlichen Brief geschrieben hatte. Das beeindrucke ihn nicht, hatte Chefpopulist Matteo Salvini damals getwittert, die EU schreibe dauernd irgendwelche Briefe, er warte jetzt auf einen vom Weihnachtsmann. Derart infantile Spielchen kommen bei Salvinis Fangemeinde gut an, und die Witzzahl von 2,04% gehört genau in diese Kategorie. Erstaunlich nur, dass sich Marktteilnehmer dazu verleiten lassen, derartigen Unsinn ernst zu nehmen. Über die letzte Woche fiel der 10 Jahres-Italien-Spread um 18 Basispunkte auf reichlich entspannte 2,70%. Angesichts der Auswahl eher düsterer Alternativen sehen wir diesen Vertrauensvorschuss skeptisch. Und in Kombination mit den Protesten in Frankreich, die Präsident Macron zum Einknicken zwangen, könnte die italienische Verweigerungshaltung sich zu einem gefährlichen Cocktail für den Zusammenhalt Europas entwickeln. Wie soll man es Wählern vermitteln, wenn Italien wegen seiner 2% Defizit - sorry, 2,04% natürlich – ein EU-Strafverfahren an den Hals bekommt, während man den Franzosen ein Defizit von eventuell über 3% mit Verweis auf mildernde Umstände wieder mal durchgehen lässt? Europa entgleitet der Diskurs. Für alle Populisten, die sich für die EU-Parlamentswahl am 26. Mai warmlaufen, ist das ein gefundenes Fressen.

Beobachter des Brexit-Dramas können sich derweil des Eindrucks nicht erwehren, dass Großbritanniens Politiker in den zweieinhalb Jahren seit dem schicksalhaften Referendum Realitätsverweigerung betrieben haben. Vielleicht haben Theresa May & Co. auch, im Vertrauen auf das eigene Verhandlungstalent, die Geschlossenheit der EU unterschätzt. Denn dort sind die Unterhändler um Michel Barnier nicht müde geworden, den Briten die Unmöglichkeit ihres Vorhabens klarzumachen. Nun wird auf den letzten Metern auch die Strategie von Theresa May deutlich: Indem sie den Sicherheitsventilen „Zweites Referendum“ und „Norwegen-Lösung“ eine Absage erteilt, zwingt sie ihre Landsleute, zwischen den ungeliebten Varianten EU-Deal und No-Deal zu wählen. Wenn diese Strategie aufgeht, ist aus heutiger Sicht eine Verschiebung des Austrittsdatums wahrscheinlich. Das Drama geht in die Verlängerung.

 

Was bedeutet das für Anleger?

Die US-Notenbankpolitik ist derzeit schwer zu lesen. Glaubt man dem ‚Dot Plot‘ der Fed-Gouverneure, dann stehen im Jahr 2019 nach dem als sicher geltenden Schritt dieser Woche noch drei weitere Zinsanhebungen auf dem Programm. Marktteilnehmer sind weit zurückhaltender. In den Fed Funds Futures ist etwas weniger als ein Schritt für 2019 eingepreist. Dies bedeutet, dass wir nach 2018 als erstem Jahr, in dem die Fed die angekündigten vier Zinsschritte auch tatsächlich geliefert hat, zurückkehren zu der Situation, in der die Märkte den Ankündigungen der Notenbank nicht glauben. Vermutlich wird Fed-Chef Powell die Kommunikation im Umfeld der morgigen Zinserhöhung nutzen, um die Erwartungen entsprechend anzupassen. Als nahezu sicher gilt inzwischen, dass die Fed nach dem morgigen Schritt erst einmal Pause machen wird. Womit die nächste Zinsanhebung dann erst Richtung Sommer kommen könnte, eventuell wenige Wochen, bevor sich auch in Europa endlich etwas tut. Voraussetzung für all dies ist aber, dass die Konjunktur sich in Europa und den USA oberhalb des Trendwachstums hält und eine Rezession somit vermieden werden kann. Für diese Konstellation wäre davon auszugehen, dass 2019 aus Anlegersicht vermutlich volatiler, am Ende aber weniger verlustreich verlaufen könnte als dieses Jahr.

Bis es soweit ist, wünschen wir Ihnen frohe Weihnachten und ein gesundes, glückliches neues Jahr. Wir melden uns mit dem ersten Marktausblick 2019 am 8. Januar zurück.