Felix Herrmann
Felix Herrmann, CFA
BlackRock Kapitalmarktstratege

Für Investoren wird es immer schwieriger zu prognostizieren, wohin die Reise an den Märkten gehen wird. Die vergangene Woche zeigte abermals eindrucksvoll, wie schnell die Stimmung kippen kann und wie fragil vermeintliche Gleichgewichte an den Märkten sein können. Hauptursächlich für die Wankelmütigkeit ist und bleibt die hochgradige Politisierung der Märkte. Hier ein Tweet, dort ein Zwischenfall, hier ein diplomatischer Affront, dort ein Gipfel der alles auf den Kopf stellen kann.

In der vergangenen Woche war es einer der bedeutsamsten chinesischen Technologieriesen Huawei, der in das Kreuzfeuer gleich mehrerer diplomatischer Konflikte geriet, denn zum einen wurde dem Unternehmen seitens der USA eine Verletzung der Iran-Sanktionen vorgeworfen. Gleichzeitig repräsentiert das Unternehmen für die US-Regierung eine Art idealtypisches Feindbild im Rahmen des Technologiekrieges mit China. Die USA versuchen insbesondere Huaweis Streben nach der 5G-Technologie zu bremsen. Die Festnahme der in China sehr berühmten Finanzchefin des Unternehmens Meng Wanzhou, die gleichzeitig die Tochter des Firmenchefs ist, schürte Sorgen, dass der erst kürzlich geschlossene Waffenstillstand zwischen den USA und China bereits nach wenigen Tagen scheitern könnte. Zufall oder schlechtes Timing: Die Festnahme ist in China ein Riesending, da Ren Zhengfei – der Vater von Wanzhous – nicht nur einer der prominentesten Wirtschaftsbosse Chinas ist, sondern gleichzeitig auch ein hochrangiges Mitglied des Kommunistischen Partei ist. Mit anderen Worten: er gehört zu Chinas Elite. China warnte Kanada, wo Wanzhou festgenommen wurde, daher auch, dass das Ausbleiben einer Freilassung gravierende Folgen hätte. Als Menetekel einer bevorstehenden Krise wird der Zwischenfall wohl aber eher nicht in die Geschichte eingehen, da China eine Eskalation der Lage offenbar unbedingt verhindern will.

Trotz der sich fortsetzenden Spannungen zwischen den USA und China spielt die erste Geige in Sachen Politik in diesen Tagen unbestritten in Europa. In Deutschland hat sich die CDU in einer mit Spannung erwarteten Wahl für die wohl am wenigsten disruptive Person in der Parteispitze entschieden. In Frankreich durchlebt Präsident Macron hingegen die bislang schwerste Phase seiner Präsidentschaft. Seine Beliebtheitswerte sind so weit abgerutscht, dass sie selbst neben den Werten des unbeliebtesten US-Präsidenten aller Zeiten noch dramatisch abfallen. Liefert Macron nicht rasch Antworten auf die Forderungen der immer zahlreichen und gewaltsamer werdenden Demonstranten, könnte ihm die Situation im Lande entgleiten. Dennoch liegt das Risiko weniger in der kurzen als vielmehr in der mittleren Frist: Sollte Macron mit seiner Präsidentschaft scheitern, wäre wohl der Weg frei für Le Pen & Co. – mit unkalkulierbaren Folgen für die Märkte.

In Großbritannien erfolgt heute die Abstimmung über den von Premierministerin May mit der EU ausgehandelten Brexit-Deal. Es steht also nicht weniger als die ökonomische Zukunft des Landes auf dem Spiel. Forderungen nach einer Verschiebung der Abstimmung, um Nachverhandlungen mit der EU anzustreben, offenbaren das Chaos im Land, das bereits vor der Abstimmung in UK herrscht. Im Vergleich zu dem, was in London los sein dürfte, falls May die Abstimmung tatsächlich verlöre, ist das wohl aber noch gar nichts. May kann heute zumindest darauf hoffen, dass einige Brexit-Befürworter letztlich doch für den Deal stimmen werden, da für sie als Alternativszenario Neuwahlen und möglicherweise ein neues Referendum drohen würde. Frei nach dem Motto: lieber einen schlechten Deal als gar keinen. Eine Zustimmung des Parlaments bleibt dennoch hochgradig unwahrscheinlich.

 

Was bedeutet das für Anleger?

Lange war die Antwort auf diese Frage so klar und gleichzeitig so schwer wie derzeit. Klar, weil die Politisierung und das Hangeln von Risikoereignis zu Risikoereignis ziemlich sicher bedeuten dürfte, dass wir es wohl bis auf weiteres mit kurzfristig orientierten Märkten zu tun haben dürften.

Andererseits ist die Beantwortung der Frage sehr schwer, da das Aussprechen von einigermaßen allgemeingültigen Handlungsempfehlungen für Anleger in einer Zeit wie dieser alles andere als trivial ist. Besonders erschwerend kommt hinzu, dass der ökonomische Schutzschild vor den geopolitischen Risiken immer stärker schrumpft, da die Weltwirtschaft immer spürbarer an Schwung verliert und die Konjunktur auf die (vermutlich lange) Zielgerade des Zyklus in Richtung Rezession einbiegt. Während die gute Wirtschaftslage in 2017 und in weiten Teilen des Jahres 2018 viele politische Krisen aus Investorensicht noch abfedern konnte, wird das Fahrwasser im kommenden Jahr wohl noch unruhiger.

Sorgen vor einer nahenden Rezession in den USA haben in der letzten Woche zusätzliche Nahrung bekommen, da es zu einer Beinahe-Invertierung der US-Zinskurve im Laufzeitenbereich zwischen zwei und zehn Jahren Laufzeit kam (zwischen zwei und fünf Jahren ist die Kurve sogar bereits invers). Insbesondere die langen Zinsen sind aufgrund fallender Inflations- und Wachstumsprognosen der Marktteilnehmer jüngst deutlich gefallen. Wenngleich wir bei unserer Einschätzung bleiben, dass eine negative Zinskurvensteigung in den USA angesichts einer globalen Sparschwemme und weiterhin äußerst niedrigen Laufzeitenprämien wenig Aussagekraft hat, bleibt bei jeder Invertierung der Zinskurve doch ein flaues Bauchgefühl. Und da Märkte viel mit Psychologie zu tun haben, sollte eine Invertierung der Kurve sicher nicht als Non-Event abgetan werden. Die Widerstandsfähigkeit der Portfolios zu erhöhen, könnte daher weiterhin von größerer Bedeutung sein.

Alle Meinungen und Schätzungen in diesem Dokument, einschließlich Renditeprognosen, spiegeln unsere Beurteilung bei Redaktionsschluss wider, können ohne vorherige Ankündigung geändert werden und beruhen auf Annahmen, die sich möglicherweise nicht als zutreffend erweisen.