Versöhnliches Jahresende, aber keine Rally

Kapitalmarktstrategie ist ein Spiel mit vielen Unbekannten. Eine davon ist das vertrackte „Central Bank Watching“, und man kann sich glücklich schätzen, wenn die Prognosen, die man im Hinblick auf diese Unbekannte abgibt, einigermaßen zutreffen. Insofern sind wir bei BlackRock froh, daß wir es im Hinblick auf die Fed in der letzten Woche gleich in mehrerer Hinsicht richtig hinbekommen haben. Erstens hat die Fed den Leitzins um 25 Basispunkte erhöht. Zweitens hat sie es bei einem Zinskorridor für die Fed Funds Target Rate belassen, also kein neues Punktziel eingeführt. Drittens war die „Guidance“ von Fed-Chefin Janet Yellen, also ihre Hinweise auf den nun folgenden Zinspfad, sehr behutsam und ausgewogen. Und viertens schließlich hat der Markt positiv, sogar mit einer kleinen Erleichterungsrally, reagiert. All das hatten wir vorhergesagt und dürfen nun zufrieden sein.

Dabei darf nicht vegessen werden, daß, trotz eingepreister Markterwartungen für eine Zinsanhebung von über 80% am Vortag der Entscheidung, dieser Schritt keineswegs selbstverständlich war. Zuletzt hatten US-Wachstum und Unternehmensgewinne deutlich unter dem starken Dollar geächzt, weiter gefallene Ölpreise dem wichtigen Energiesektor zugesetzt und der Markt für Hochzinsanleihen deutliche Streßsignale ausgesandt. Freunde lang zurück reichender Zeitreihen (zu denen ich mich zähle) verwiesen darauf, daß die Fed seit 1989 den Leitzins nicht mehr erhöht hat, wenn der ISM-Index für die Industrie unter 50 stand, also Schrumpfung anzeigte, wie zur Zeit. Über all das hat sich die Fed richtigerweise hinweggesetzt, weil es auf etwas viel Bedeutenderes ankam. Es ging darum, ein Signal ökonomischer Gesundung der US-Wirtschaft auszusenden, mit der logischen Konsequenz, daß damit dann auch die Geldpolitik zur Normalität zurückzukehren habe. Dies ist in der Analyse korrekt und ein starkes Signal. Besonders ist es Frau Yellen gelungen, mit den richtigen, gut balancierten Worten die Entscheidung und die nun zu erwartenden weiteren Schritte zu begleiten.

Es ist sehr gut möglich, daß diese Saat aufgeht. Die Arbeitslosenquote steht bei 5%, quasi bei Vollbeschäftigung. Die Kerninflation erreichte zuletzt 2%, exakt der Zielwert der Fed. Und die Stundenlöhne legten in Oktober und November um 2.5% bzw. 2.3% zu, Indiz dafür, daß die dringend benötigten Zweitrundeneffekte in Gang kommen. Kommt Inflation zurück, wirkt sie als Schmierstoff für Unternehmensgewinne, reduziert den Realwert von Schulden und stimuliert Wachstum über niedrigere Realzinsen. Soweit die schöne Welt, wenn alles gut geht. Nicht selbstverständlich ist die Fed-Entscheidung aber auch, weil es durchaus auch gefährliche Nebenwirkungen geben kann. Steigen etwa die langfristigen Zinsen in den USA stark an, könnten Dollaranlagen insbesondere aus den Schwellenländern abgezogen werden und sich die Beschaffung neuer Mittel für diese Länder massiv verteuern. Im Extremfall könnte dies zu einer neuen Emerging Markets-Krise à la 2013 führen. Es spricht für die Fed, daß sie es gewagt hat, diesen Stier bei den Hörnern zu packen. Das Risiko von Verwerfungen über die US-Volkswirtschaft hinaus dürfte der Grund für die vorsichtigen Worte bezüglich weiterer Zinsanhebungen gewesen sein.

Was bedeutet das für Anleger?

Die letzte Woche brachte neben der Fed-Entscheidung eine ganze Reihe Indikatoren, die in ihrer Summe stabiles, wenn auch moderates Wachstum für Europa anzeigen. Für die US-Industrie mehren sich dagegen die Zeichen der Abschwächung. Ob Industrieproduktion, Kapazitätsauslastung oder der Stimmungsindikator der Philadelphia Fed, alle zeigten nach unten. Für uns bestätigt all dies den Eindruck, daß Europa langsam aber sicher die Wachstumslücke verkürzt und somit – in Verbindung mit günstigerer Bewertung – mit Blick auf 2016 attraktiver aussieht.

Die nächste Woche hält sich mit wichtigen Makrodaten vornehm zurück. Zeit, die letzten Geschenke einzukaufen und den Schreibtisch aufzuräumen. Wir bei BlackRock und ich persönlich wünschen Ihnen friedliche Weihnachten und ein glückliches, gesundes neues Jahr 2016.