Schwächelt ausgerechnet Deutschland?

Geht dem Wachstum in Deutschland die Puste aus? In der vergangenen Woche haben sowohl Neuaufträge im Verarbeitenden Gewerbe als auch Outputdaten der produzierenden Unternehmen die Markterwartungen enttäuscht. Besonders fiel ins Gewicht, daß die schwachen Septemberzahlen auf ebenfalls dürftige Vormonate folgten. Und während sich bei den Augustwerten immer ein Gutteil der Schwäche durch Verzerrung infolge der Sommerferien erklären läßt, gilt diese Ausrede im September nicht mehr. Liegt also etwas im Argen bei der deutschen Industrie?

Zumindest beruhigt es wenig, daß naheliegende Erklärungen nicht greifen. So wurde nach Bekanntwerden der Auftragszahlen gelegentlich kommentiert, die Abschwächung bei den Industrieaufträgen komme sicherlich aus China, wo sich das Wachstum abschwächt. Bemerkenswerterweise war aber vor allem ein starker Einbruch von innereuropäischen Aufträgen (-6,7% gegenüber August) für den gesamten Rückgang verantwortlich. Auch bei der Industrieproduktion, die gegenüber dem Vormonat insgesamt um 1,1% absackte, waren keineswegs die typischerweise nach China verschifften Investitionsgüter, sondern eher die Konsumgüter mit einem Rückgang von 3,2% die treibende Kraft. Während also zu konstatieren ist, daß schwächere Nachfrage aus dem Reich der Mitte die deutsche Industrie in Zukunft sehr wohl vor Probleme stellen dürfte, sind die schwachen Septemberzahlen damit noch nicht einmal zu erklären.

Für die Märkte ergibt sich daraus die Notwendigkeit, klassische Wachstumsindikatoren in den nächsten Monaten mit erhöhter Aufmerksamkeit zu beobachten. Es ist durchaus möglich, daß die Stimmung in der deutschen Industrie zur Zeit besser ist als die Lage. Wenn dem so ist, dürften auch Indikatoren wie der Ifo-Index in der nahen Zukunft mehr Skepsis seitens der Industrieunternehmen widerspiegeln. Bis zur Veröffentlichung der Ifo-Novemberzahl müssen sich Investoren aber noch rund zwei Wochen gedulden. Dafür kommt am Freitag dieser Woche schon einmal die tatsächlich erreichte Wachstumszahl für das Bruttoinlandsprodukt im dritten Quartal heraus. Der Marktkonsens erwartet für Deutschland ein Wachstum von 0,4%. Investoren sollten gewarnt sein. In den vergangenen 25 Jahren ist höchst selten die Wirtschaftsleistung derart kräftig gestiegen, wenn die Industrieproduktion im gleichen Quartal – so wie in der Tat in Q3 2015 – geschrumpft ist.

Was bedeutet das für Anleger?

In diesem Umfeld widersprüchlicher Nachrichten, nämlich eher durchwachsene Daten von der europäischen Konjunktur versus kräftigere Signale aus den USA, halten Investoren still und schauen auf die Notenbanken. Die EZB hat in in der vergangenen Woche die Hoffnung auf weitere expansive Schritte Anfang Dezember befeuert. Dagegen deutet die Kombination der Äußerungen von Fed-Chefin Janet Yellen und der US-Arbeitsmarktdaten letzter Woche darauf hin, daß die US-Notenbank nun doch noch vor Jahresende die erste Zinsanhebung seit neun Jahren beschließen könnte. Wenn beides so käme, würde das vermutlich mit einer kräftigen Abwertung des Euro, vor allem gegenüber dem US-Dollar, einhergehen. In einem schwächeren Wachstumsumfeld wäre das die Art Unterstützung, die europäische Aktien gut gebrauchen könnten.