Frühlingsgefühle für Risikoaktiva

Am Montagmorgen nach der desaströsen Doha-Runde schauten Anleger besorgt auf ihre Bildschirme. Wie stark würde der Ölpreis in Anbetracht der gescheiterten Angebotsdeckelung abrutschen? Um 20%, 30%? Aber nichts dergleichen geschah. Nach einem leichten Rücksetzer im Tagesverlauf erholten sich die Notierungen für das schwarze Gold und zogen im Verlauf der Woche die Aktienmärkte mit. Der DAX legte bis Freitag um rund 3,2% zu, und auch der Eurostoxx 50 gewann gut 2,7%. Der Dow Jones konnte zwar nicht ganz mithalten – Wochengewinn rund 0,4% -, aber es wurde klar, daß die politischen Spiele der Ölbarone vom Golf der Frühlingsstimmung an den Finanzmärkten keinen Abbruch tun konnten. Ein eindrucksvolles Zeichen dafür, daß sich die Grundhaltung vieler Investoren seit Februar in der Tat markant gedreht hat. Aus „risk-off“ und dem schlechtesten Jahresstart seit Jahrzehnten wurde innerhalb weniger Wochen „risk-on“. Plötzlich gilt wieder als Chance, was vorher Risiko war.

Es ist bezeichnend, daß im Umfeld dieser veränderten Risiko- und Chancenwahrnehmung europäische Aktien ihre US-Pendents outperformt haben. Aus Sicht großer Kapitalsammelstellen in Amerika und Asien gilt Europa nun mal als so etwas wie der Mittelweg zwischen Urwald und Zivilisation: nicht ganz so riskant wie Schwellenländer, aber bei weitem nicht so sicher wie US-Aktien. Erst wenn Investoren sich bei reduzierter globaler Risikolage aus der Deckung trauen, werden ökonomische Vorteile wie attraktivere Bewertung, besseres Gewinnmomentum und eine unterbewertete Währung wieder zur Kenntnis genommen, und die sprechen nun einmal für europäische Aktien. Sobald nachlassende Rezessionsängste in Amerika und Signale einer Wachstumsbeschleunigung in China den Optimisten die Segel zu füllen begannen, kehrte auch der Rückenwind für europäische Anlagen zurück.

Zusätzlich beflügelte die Fantasie um wiedererstarktes chinesisches Wachstum die Nachfrage nach Rohstoffen, und damit das Interesse an Anlagen in Schwellenländern. Nach nur wenigen Wochen gilt es nunmehr als ausgemacht, daß in erheblichem Umfang Kapital in Emerging Market-Aktien und - Anleihen zurückfließt; bleibt bestenfalls die Frage, ob in lokaler oder harter Währung. An den Kapitalflußstatistiken ist dies inzwischen dermaßen klar ablesbar, daß wir uns die Frage stellen, wie nachhaltig diese wundersame Kehrtwende denn überhaupt ist. Ohne hier unnötig den Spielverderber geben zu wollen, müssen wir doch konstatieren, daß es nach wie vor erhebliche Zweifel an einer erneuten kräftigen und lang anhaltenden Rohstoffrally gibt. Für Anleger ist es unseres Erachtens in den nächsten Wochen entscheidend, diese Argumente sorgsam abzuwägen.

Wo liegen die Fallstricke der Rohstofferholung?

Argument Nummer eins: Der chinesische Jahrhundertboom für Rohstoffe ist vorbei. Die jüngste Wachstumserholung in China ist künstlich herbeigeführt,  durch eine gigantische Kreditausweitung im Jahr 2015. An den Überkapazitäten, etwa im Stahlsektor, hat sich nichts geändert. Nun wird die Stabilisierung der Rohstoffpreise also mit einer Ausweitung der Kreditblase erreicht, die wenig nachhaltig ist und zudem wohl irgendwann platzen muß.

Argument Nummer zwei: Vieles von der freundlicheren Wahrnehmung der Schwellenländer beruht auf dem Prinzip Hoffnung, vor allem in Südamerika. Sollte sich aber neben der nicht nachhaltigen Erholung der Rohstoffpreise auch die Erwartung einer politischen Stabilisierung in der Region als Seifenblase erweisen, könnte einem der Hoffnungsträger des Schwellenlandsegments schneller die Puste ausgehen als viele denken.

Argument Nummer drei: Spätestens seit dem „taper tantrum“ im Frühjahr und Sommer 2013 wissen wir um die Sensibilität der Schwellenländer bezüglich US-Zinsen und Dollar. Beide Größen müssen aber als große Unbekannte gelten, angesichts weiter realistisch zu erwartender Zinsschritte der Fed. Dazu kommt das Risiko eines Brexit, der vermutlich eine markante Dollaraufwertung zur Folge hätte und damit die Bremsspuren eines europäischen Debakels bis weit in die Schwellenländer tragen würde.

All dies preisen die Märkte zur Zeit nicht ein. Wir halten es aber für sinnvoll, daran zu erinnern, daß die risikofreundlichere Stimmung der letzten Wochen auf tönernen Füßen steht. Wird der Wind wieder rauher, dürften auch die politischen Risiken stärker sichtbar werden. Sie sind nämlich nicht auf wundersame Weise verschwunden, auch wenn man so etwas, wenn die Frühlingsgefühle überhand nehmen, gern einmal vergißt.