Der Brexit und die Folgen für die Märkte: Ein Gedankenexperiment

Das EU-Referendum im Vereinigten Königreich am 23. Juni treibt die Finanzmärkte derzeit um wie kaum ein zweites Thema. Da die Auswirkungen eines Brexits durchaus einschneidend sein könnten, denken wir, dass die Bedeutung des Ereignisses zu Recht als hoch eingestuft wird.

Während aktuelle Meinungsumfragen einen engen Ausgang in Aussicht stellen, sehen die Buchmacher auf der Insel das Lager der EU-Befürworter derzeit recht klar in Front. Gegenwärtig taxieren die Wettbüros die Wahrscheinlichkeit  für einen Brexit auf gerade einmal noch 27 Prozent[1]. Vieles – wie beispielsweise professionell ausgewertete Twitter-Feeds – deutet jedoch eher auf einen knappen Ausgang des Votums hin[2].  

Für die Finanzmärkte wäre ein Austritt des Königreichs aus der EU mit recht hoher Wahrscheinlichkeit ein Schock. Es stellt sich für jeden Investor somit unweigerlich die Frage, welche Assetklassen unter einem Brexit leiden würden – aber natürlich auch, welche Vermögenstitel gefragt sein werden, sollte die Abspaltung der Briten von der EU Wirklichkeit werden. Umgekehrt lautet die Frage, welche Assetklassen im Falle eines Verbleibs als Gewinner beziehungsweise Verlierer dastünden.

Soviel vorweg: Vielfach kann eine Prognose hinsichtlich des zu erwartenden Abschneidens einer Assetklasse nur unter großer Unsicherheit getroffen werden. Es gibt jedoch auch Bereiche, wo eine Vorhersage nach Lage der Dinge leichter fällt.

Währungen: Pfund als Seismograph des Referendum-Ergebnisses

Recht wahrscheinlich ist aus unserer Sicht etwa, dass das britische Pfund äußerst sensibel auf den Ausgang des Referendums reagieren wird. Da ein Austritt der Briten aus der EU einerseits wohl die Attraktivität des Standorts Großbritannien reduzieren und andererseits die Finanzierung des britischen Doppeldefizits (Haushalts- und Leistungsbilanzdefizit) erschweren dürfte, könnte dies eine Abwertung des Pfundes im Falle des Brexits zur Folge haben. Umgekehrt bestünde Aufwertungspotenzial, sollte sich die Mehrheit für den Verbleib aussprechen. Vom Ausmaß der Bewegung her könnte die Aufwertung im Remain-Szenario genauso groß ausfallen wie die Abwertung im Falle eines Austritts, da der Markt heute bereits recht einseitig zugunsten eines schwachen Pfundes positioniert ist und ein sogenanntes Short-Covering der britischen Währung im Remain-Fall entsprechend eine deutliche Pfund-Aufwertung nach sich ziehen könnte. Hinzu kommt, dass die Fundamentaldaten grundsätzlich eine robuste Lage der Wirtschaft auf der Insel suggerieren und Leitzinsanhebungserwartungen schnell entstehen könnten, sollten die Briten sich für den Verbleib entscheiden. Dieser Umstand dürfte das Pfund stützen. Der Euro würde wohl ebenfalls von einem Brexit in Mitleidenschaft gezogen werden. Allerdings wäre das Ausmaß der Schwäche aller Voraussicht nach geringer als beim Pfund. Der US-Dollar könnte auf der anderen Seite wohl einen Großteil der Schwäche von Pfund und Euro kompensieren und aufwerten.

Aktien: Je näher an der britischen Wirtschaft desto gefährdeter

Aktienseitig stünden im Brexit-Fall möglicherweise zunächst einmal vor allem Anteilsscheine jener UK-Unternehmen unter Abgabedruck, die heute einen Großteil ihrer Umsätze auf der Insel erwirtschaften. Insbesondere Finanzunternehmen würden sich wohl unter den am stärksten betroffenen Titeln wiederfinden. Britische Groß- und zugleich international aufgestellte Unternehmen dürften im Brexit-Szenario hingegen von der zu erwartenden Pfund-Abwertung profitieren und daher weniger stark negativ betroffen sein. Hierzu zählen vor allem die Unternehmen aus dem FTSE 100, die fast 80% ihrer Umsätze im Ausland erwirtschaften[3]. Europäische Aktien auf dem Festland gerieten vermutlich ebenfalls unter Druck, da Investoren sich Sorgen über den Fortbestand der Europäischen Union machen würden, obschon die erwartete Euro-Abwertung auch hier einen positiven Faktor für exportstarke Unternehmen darstellen dürfte. Kapital würde im Brexit-Szenario unter dem Strich wohl aus Europa ab- und den USA oder aber auch Japan zufließen.

Sollten sich die EU-Befürworter am 23. Juni durchsetzen, ergäbe sich vermutlich das spiegelverkehrte Bild. Europäische Aktien – vor allem solche aus dem Vereinigten Königreich – dürften zulegen. Da die Risikofreude unter den Anlegern in diesem Szenario zunähme, besteht Grund zur Annahme, dass riskantere Aktientitel, wie etwa solche aus den Schwellenländern, das investoreninteresse wieder stärker auf sich ziehen.

Rentenmarkt: Bank of England im Fokus

Eine Einschätzung über die Auswirkungen des Ergebnisses des Referendums für den Rentenmarkt ist bei weitem nicht trivial, weil hier besonders viele Faktoren in unterschiedliche Richtungen wirken – besonders in UK. Die Zinsen britischer Staatsanleihen mit langer Laufzeit würden sich im Brexit-Fall wohl nach oben orientieren (die Kurse entsprechend nach unten), da davon auszugehen ist, dass eine oder mehrere Ratingagenturen wie angekündigt eine Herabstufung der britischen Kreditwürdigkeit vornähmen. Ein starker Anstieg erscheint jedoch unwahrscheinlich, da die Nachfrage von Seiten britischer Pensionskassen bei höheren Renditen recht schnell steigen dürfte. Ob Renditen am kurzen Ende der britischen Renditestrukturkurve im Austrittsszenario steigen oder fallen, hinge hingegen vor allem davon ab, ob die Bank of England mit Leitzinsanhebungen auf eine denkbare Abwertung des Pfundes reagiert. Anleihen aus der Peripherie Europas kämen bei einem Brexit aufgrund denkbarer Ansteckungseffekte voraussichtlich ebenfalls unter Abgabedruck. Ob Kurse deutscher und anderer kerneuropäischer Anleihen im Brexit-Fall zulegen, hängt wiederum entscheidend davon ab, ob sich der Status eines sicheren Hafens – also einer Assetklasse, die im Falle unruhiger Zeiten nachgefragt wird – noch aufrechterhalten lässt, wenn sich die Anlegerschar Sorgen um die Zukunft Europas insgesamt macht. Hier ist eine verlässliche Vorhersage schwierig. Eine steigende Nachfrage wäre aus unserer Sicht hingegen bei US-Staatsanleihen zu verzeichnen – auch, weil weitere US-Leitzinsanhebungen verschoben werden könnten. 

Im Remain-Szenario gilt wie bei Aktien, dass eine Reduktion der Risikoaversion Anleger vermutlich wieder stärker bei riskanteren Emittenten zugreifen ließe. Auch hier sind vor allem Emittenten aus den Schwellenländern zu nennen, die hohe Renditen aufweisen. Britische Anleihen könnten aus Euro-Anleger-Sicht insofern attraktiv sein, als dass man einerseits von einem stärkeren Pfund und andererseits eventuell von fallenden Zinsen profitierte. In Bezug auf die Zinsen ist entscheidend, ob das Auspreisen von Ratingherabsetzungserwartungen etwaige Leitzinsanhebungserwartungen überwiegt. Staatsanleihen von den Peripheriestaaten der Eurozone zählten wohl ebenfalls zu den gefragten Werten im Falle eines Verbleibs.

Rohstoffe: Gold wäre wohl einer der großen „Brexit-Gewinner“

Der große Brexit-Gewinner am Rohstoffmarkt wäre höchstwahrscheinlich Gold. Da Gold den Status als die Krisenwährung schlechthin innehat, könnte davon ausgegangen werden, dass Investoren in das Edelmetall flüchten, wenn Unsicherheit und Volatilität am Markt in Folge des Austritts zunehmen. Da ein Brexit-Votum wohl Befürchtungen hinsichtlich eines schwächeren Wachstums in Europa nach sich zöge, ist bei anderen Rohstoffklassen – auch beim Öl – eher mit Preisnachlässen zu rechnen. Bei einem Verbleib erwarten wir entsprechend ein gegensätzliches Marktverhalten.

Fazit

Unter dem Strich bleibt festzuhalten, dass das EU-Referendum ein singuläres Risikoereignis ist, wie es Europa lange Zeit nicht erlebt hat. Die Auswirkungen auf die Märkte dürften signifikant ausfallen. Anleger haben die Möglichkeit, ihre Portfolios je nach aktueller Positionierung und Zutrauen in einen gewissen Ausgang zu adjustieren. Bei Unsicherheit über den Ausgang könnten Anleger in Erwägung ziehen, ein Portfolio entsprechend über das Eingehen von einigen der hier diskutierten Positionen abzusichern.

 

[1] Quelle: Betfair Odds (Stand 02.06.2016)

[2] Quelle: BlackRock Investment Institute

[3] Quelle: Thomson Reuters Worldscope, BlackRock Investment Institute

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