Dieses Interview erschien am 22.9.2018 in der FAZ. 

Der Chef der größten Fondsgesellschaft der Welt bleibt trotz aller Risiken optimistisch. Langfristige Anleger müssen kurzfristige Turbulenzen nicht fürchten.

Herr Fink, es herrscht viel politische Unruhe in der Welt. Machen Sie sich darüber Sorgen?
Mir macht Sorge, dass Überzeugungen, die das Denken und Handeln des Westens seit Jahrzehnten geprägt haben, in Gefahr geraten könnten. Nehmen Sie die Globalisierung als Beispiel: Die meisten Menschen in Deutschland wie in Amerika und in anderen Ländern haben von der Globalisierung über eine lange Zeit enorm profitiert, auch wenn es wahr ist, dass nicht alle Menschen gleichermaßen von ihr profitiert haben. Ich bin und bleibe ein überzeugter Anhänger der Globalisierung.

Die Menschen, die nicht profitiert haben, finden nun in politischem Protest zusammen.
Ja, der Populismus breitet sich in vielen Ländern aus, getrieben von Frustration und Zukunftsangst. Und er wird nicht so rasch wieder verschwinden. Ich mache mir Sorgen, dass nicht genügend Stimmen zu hören sind, die sich dem entgegenstellen und an Lösungen arbeiten.

Sollten Manager zu solchen Themen öffentlich Stellung beziehen?
Das ist eine sehr schwierige Frage. Ich erhebe meine Stimme, und ich bekomme darauf ebenso wütende wie zustimmende Antworten. Manche unserer Kunden halten Donald Trump für den besten Präsidenten seit Jahrzehnten, und andere Kunden halten ihn für den schlechtesten Präsidenten seit Jahrzehnten. Ich bin nicht Vorstandsvorsitzender geworden, um meine Stimme zu erheben. Was wir aber brauchen, sind Stimmen für Anleger und Sparer. Letztlich ist es die Aufgabe von Unternehmern und Managern, mit einer langfristigen Strategie Werte zu schaffen.

Von dem berühmten Ökonomen Milton Friedman stammt der Satz, Unternehmen sollten allein der Maximierung des Wertes ihrer Eigentümer verpflichtet sein. Teilen Sie diese Ansicht?
Wir müssen den Kontext der Äußerung Milton Friedmans sehen. Damals, im Jahr 1970, erwog die Regierung in den Vereinigten Staaten, staatliche Preiskontrollen einzuführen, und Friedman wollte völlig zu Recht darauf hinweisen, dass die Bildung von Preisen zur Freiheit von Unternehmen gehört. Wenn Unternehmen auf lange Sicht Wert für Aktionäre schaffen wollen, dürfen sie sich nicht nur in ihren Märkten bewegen, sondern auch in ihrem politischen und gesellschaftlichen Umfeld.

Sie sind ein Vertreter einer langfristigen Kapitalanlage. Denken die Teilnehmer an den Finanzmärkten zu kurzfristig?
Die Frage stellt sich, wo dieses kurzfristige Denken herkommt. Stammt es wirklich aus den Finanzmärkten, oder handelt es sich bei kurzfristigem Denken vielmehr um eine verbreitete Erscheinung in unserer Gesellschaft, die sich auch auf den Finanzmärkten äußert? Darüber lohnt es sich nachzudenken. Ich denke, dass sich kurzfristiges Denken von der Gesellschaft ausgehend über die Politik auf die Finanzmärkte ausbreitet.

Präsident Trump hat die Veröffentlichung von Quartalsberichten durch Unternehmen als einen schädlichen Ausdruck kurzfristigen Denkens bezeichnet. Stimmen Sie dem zu?
Nein. Für mich ist wichtig, dass Unternehmen konsistent und transparent über ihre Geschäfte berichten. Ob Sie dies alle drei oder alle sechs Monate tun, ist nicht entscheidend. Schädlich ist nicht die dreimonatige Berichterstattung der Unternehmen, sondern die Verpflichtung, mit der Berichterstattung Prognosen über die künftige Geschäftsentwicklung zu geben.
Die Finanzmärkte scheinen derzeit vor allem die guten wirtschaftlichen Nachrichten zu honorieren und die politischen Risiken auszublenden. Ist das rational?
Die Finanzmärkte erkennen die Robustheit des Konjunkturaufschwungs, der in den Vereinigten Staaten mit der Politik Präsident Obamas nach der Finanzkrise begann und sich unter anderem auf die Erfolge unserer Technologieunternehmen stützt. Amerika ist besser aus der Finanzkrise gekommen als andere Länder. Die Steuersenkungen von Präsident Trump haben das Wirtschaftswachstum noch einmal beschleunigt. Aber die Finanzmärkte freuen sich auch über das Wirtschaftswachstum in anderen Ländern.

Wo sind die Risiken?
Es gibt viele Fragen. Wird sich das amerikanische Wirtschaftswachstum fortsetzen, oder werden wir in zwei Jahren eine Rezession erleben? Was bedeutet es, wenn unsere Staatsverschuldung immer schneller wächst? Werden ausländische Anleger weiterhin amerikanische Staatsanleihen kaufen? Steht die Rolle des Dollars als Weltwährung zur Disposition? Aber trotz aller Zweifel und Ängste befindet sich die Weltwirtschaft heute unbestreitbar in einer guten Form.

Sie bleiben optimistisch?
Ich bin der festen Überzeugung, dass sich Pessimismus auf lange Sicht nicht lohnt. Schauen Sie, wie weit es Warren Buffett mit seinem Optimismus gebracht hat.

Welche Rolle spielt die Geldpolitik für die Kapitalanlage?
Der Einfluss der Geldpolitik auf die Finanzmärkte ist kurz- und mittelfristig zweifellos sehr bedeutend. Aber aus der Sicht eines langfristigen Anlegers nimmt der Einfluss der Geldpolitik mit jedem Jahr ab. Aus der Sicht von zehn Jahren spielt es keine Rolle, ob die Fed im laufenden Zyklus ihren Leitzins etwas langsamer oder etwas schneller erhöht.

Lässt die Wirksamkeit der Geldpolitik auch als Folge ihrer starken Anspannung in und nach der Finanzkrise nach?
Das ist offensichtlich. Deshalb sollte in Europa Deutschland eine expansivere Finanzpolitik betreiben. Ich kenne das Gegenargument, nach dem die Finanzpolitik solide sein muss. Das stimmt auf lange Sicht auch, aber das schließt nicht aus, kurzfristig mit einer expansiven Finanzpolitik Investitionen in die Infrastruktur zu finanzieren und damit mehr Beschäftigung zu schaffen. Diese Ansicht vertrete ich schon seit Jahren.

Wie nehmen Sie als langfristiger Anleger heute die Finanzkrise wahr, die vor zehn Jahren ihren Höhepunkt erlebte?
Wer am Tag vor dem Untergang von Lehman Brothers amerikanische Aktien kaufte, hat den Wert seiner Anlage bis heute um 130 Prozent gesteigert. Das wäre mit einer Spareinlage in einer Bank nicht gelungen. Und wer direkt nach dem Untergang von Lehman Brothers in der Baisse Aktien kaufte, hat noch einmal deutlich besser abgeschnitten. Sie sehen, dass sich auf lange Sicht sogar die Bedeutung einer sehr großen Finanzkrise relativiert.

Blackrock verwaltet mehr als 6 Billionen Dollar und hält Beteiligungen an Unternehmen rund um den Globus, darunter auch an vielen deutschen Unternehmen. Sind deutsche Unternehmen in irgendeiner Weise speziell?
Es ist in Deutschland so wie in anderen Ländern. Viele Unternehmen sind sehr gut geführt, während es bei anderen Unternehmen notwendig ist, klarer auf eine langfristige Strategie hinzuwirken. Das ist auch eine Aufgabe von Aufsichtsräten und ihren Vorsitzenden.

Ist das ein Kommentar zur Lage der Deutschen Bank?
Nein, das ist kein Kommentar zur Lage der Deutschen Bank.

Viele deutsche Unternehmen haben Angst vor aktivistischen Aktionären. Wie sehen Sie diese Investoren?
Man kann sie nicht über einen Kamm scheren. Es gibt aktivistische Investoren, die langfristig Unternehmen begleiten. Das entspricht unserer Zielsetzung. Es gibt aber auch aktivistische Investoren, die kurzfristig eine hohe Rendite anstreben. Eine solche Einstellung ist aus unserer Sicht nicht konstruktiv, und daher bekämpfen wir sie.

Aber nicht nur manche aktivistischen Investoren denken kurzfristig, auch viele andere Investoren haben keine langfristige Perspektive.
Das ist richtig, aber wegen der starken Zunahme passiver Indexfonds nimmt die Zahl der langfristig ausgerichteten Aktionäre zu. Denn ein aktiver Anleger kann seine Aktien einfach verkaufen, wenn ihm ein Unternehmen nicht mehr gefällt. Der Anleger, der sich an einem Index orientiert, muss in Unternehmen investiert bleiben, auch wenn ihm deren Strategie nicht gefällt. Deswegen ist es unser Interesse, dass die Strategie des Unternehmens langfristig den Wert für unsere Kunden steigert.

Blackrock bietet aktiv verwaltete ebenso wie passive Fonds an. Geraten Sie dadurch in Zielkonflikte?
Wir sehen es nicht als unsere Aufgabe an, die eine Anlagestrategie zu Lasten der anderen zu fördern. Viele Kunden nutzen aktive und indexorientierte Produkte völlig agnostisch. Wir sehen allerdings unter institutionellen Anlegern einen Trend, im Rahmen einer aktiven Strategie ein Indexprodukt zu kaufen. Das ist eine wichtige Veränderung an den Finanzmärkten.

Können Sie ein Beispiel nennen?
Ein Staatsfonds, der im Rahmen seiner Anlagepolitik Deutschland übergewichten möchte, kann dies tun, indem er einen ETF auf den Dax kauft.
Kritiker werfen Blackrock als größter Fondsgesellschaft zu viel Macht vor. Was sagen Sie zu diesem Vorwurf?
Ich würde dem entgegenhalten, dass wir im Auftrag von Kunden tätig sind. Es ist nicht unser eigenes Geld, mit dem wir arbeiten. Es ist das Geld unserer Kunden, und sie entscheiden, wie es investiert wird.

Was sind die Ziele von Blackrock in Deutschland?
Wir wollen deutscher werden. Unser Unternehmen ist global, aber unser Zugang zu den einzelnen Märkten muss ein lokaler sein, um unsere Kunden noch besser betreuen zu können.

Das Gespräch führte Gerald Braunberger.

 

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