Das große Abwägen beginnt

Martin Lück
Dr. Martin Lück
Leiter Kapitalmarktstrategie BlackRock

BlackRock Marktausblick
31. März 2020

Noch immer ist der gesamtwirtschaftliche Schaden nicht absehbar, da beginnt schon mit voller Wucht die Debatte darüber, ob wir uns das alles leisten können, bzw. sollten. Dabei sollte man nicht der Versuchung erliegen, alle diejenigen als zynisch oder gar menschenverachtend zu brandmarken, die sich schon an dieser Stelle eine Exit-Strategie wünschen. Denn dass die Rettung von Menschenleben über allen anderen Überlegungen stehen muss, ist ebenso unbestritten wie die Tatsache, dass Gesundheit und wirtschaftliche Interessen keine Güter sind, die man einfach gegeneinander aufwiegen kann. Sehr wohl lässt sich aber die Frage stellen, ob nicht der weitgehende Stillstand, den wir uns über unsere gewählten Vertreter selbst verordnet haben, nicht eventuell am Ende mehr Menschenleben kosten könnte als die Krankheit, welche wir damit verhindern wollen. Mit anderen Worten, wir müssen darüber diskutieren, ob wir nicht gerade dabei sind, aus Angst vor dem Tod Selbstmord zu begehen.

Dabei ist es schon schwierig bis unmöglich, den ökonomischen Schaden des Lockdowns zu beziffern. Näherungsweise Schätzungen renommierter deutscher Forschungsinstitute wie Ifo oder Institut für Weltwirtschaft gehen davon aus, dass in Zeiten sehr weitgehenden Stillstands wie zurzeit etwa 50-75% der Normalleistung unserer Volkswirtschaft auf der Strecke bleiben. Je nach Annahme, wie lange die Maßnahmen in dieser Stringenz noch aufrecht erhalten werden müssen, ergeben sich dann Prognosen über den Jahreseffekt beim BIP. Nimmt man etwa wie das Ifo-Institut an, dass für zwei Monate rund drei Viertel der ökonomischen Aktivität ausfallen, ergäbe sich für das Gesamtjahr eine Kontraktion um etwa 13%. Einerseits dürfte diese Überschlagsrechnung vernachlässigen, dass ein Teil der ausgefallenen Leistung später nachgeholt wird, andererseits zeigt das Beispiel China, dass eine über mehrere Wochen zum Stillstand gebrachte Wirtschaft nicht aus dem Stand wieder auf 100% gebracht werden kann. Gerade in marktwirtschaftlich verfassten Systemen dürften die Schleifspuren der Bremsung sich noch über mehrere Quartale hinziehen, selbst wenn – wie die meisten Prognosen annehmen – zum Frühsommer die Aktivität graduell wieder hochgefahren werden kann.

Noch schwieriger ist es, die gesundheitlichen Folgen des Lockdown und damit die andere Seite der Gleichung seriös zu schätzen. Zu wenig greifbar erscheint die Dimension erwartbarer Schäden, wie etwa die Zunahme von Depressionen, stressbedingten Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Alkoholismus und der inzwischen viel zitierten häuslichen Gewalt, vor allem gegen Frauen und Kinder. Nicht zu vergessen sind aber auch die verschobenen Prioritäten im Gesundheitssystem selbst. Hierunter fällt zum Beispiel die Weisung der Bundesregierung an Kliniken, nicht essentielle Operationen aufzuschieben, Intensivbetten möglichst für die anrollende Covid-19-Welle freizuräumen und Schutzkleidung für Krankenhäuser zu reservieren. Wie diabolisch gerade letzterer Zielkonflikt ist, zeigen jetzt die masssenhaften Ausbrüche von Covid-19 in mehreren Senioreneinrichtungen in Niedersachsen. Dort haben sich vermutlich Pfleger wegen nicht ausreichender Schutzkleidung infiziert und möglicherweise den Virus unter den besonders anfälligen Senioren verbreitet. Schon jetzt sind viele gestorben, ein besonders drastisches Beispiel dafür, wie eine undifferenzierte Fokussierung auf den Coronavirus schwere Gesundheitsschäden in anderen Bereichen zur Folge haben kann. Die Diskussion über den Lockdown heißt also nicht unbedingt, Wirtschaft gegen Gesundheit abzuwiegen. Vielmehr muss sie versuchen, den gesellschaftlichen, vor allem natürlich gesundheitlichen Gesamtschaden zu minimieren.

Was das für Anleger bedeutet

Es fällt auf, dass die politischen Entscheider sich dabei sehr auf die Wirksamkeit ihrer Maßnahmen verlassen. Sogar US-Präsident Trump ist jetzt davon abgerückt, die für Ostern angekündigte Wiedereröffnung der wirtschaftlichen Aktivität aufzuschieben, offenbar im Vertrauen darauf, dass der erwartbare ökonomische Schaden durch das 2 Billionen-Paket seiner Regierung abgefangen werden kann. Auch aktuelle und ehemalige Zentralbanker äußern sich überzeugt davon, dass ihre Liquiditätsmaßnahmen für Banken und nicht-finanzielle Unternehmen ein Trockenlaufen der Volkswirtschaften verhindern können. Dabei dämmert allen Beteiligten zusehends, dass wir uns erst am Anfang der Infektionswelle befinden. Der Gipfel wird, und zwar ziemlich unisono von allen Epidemiologen, erst in rund 14 Tagen erwartet, in Europa eventuell etwas eher. Und in den USA, wo selbst Ausreisen aus dem Hot-Spot New York ins weite Land nach wie vor möglich sind, droht Schlimmes. Moderate Modellrechnungen gehen von mehreren hundertausend Toten über die nächsten Monate aus. Es ist gut möglich, dass die bisher beschlossenen Hilfmaßnahmen trotz ihrer enormen Dimensionen von Finanzmarktteilnehmern schon bald als nicht ausreichend bewertet und Wachstums- bzw. Gewinnschätzungen entsprechend drastisch korrigiert werden. Es wäre ein Szenario, in dem sich die Kurskorrekturen der letzten Woche und der damit verbundene vorsichtige Optimismus wie Pfeifen im Walde anhören könnten. 

 
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