Die Welt hat COVID-19

Martin Lück
Dr. Martin Lück
Leiter Kapitalmarktstrategie BlackRock

BlackRock Marktausblick
18. Februar 2020

Innerhalb der vorigen Woche hat sich die Zahl der an einer COVID-19-Infektion Verstorbenen auf knapp 1.800 mehr als verdoppelt. Offiziell haben sich nach chinesischen Angaben mehr als 70.000 Menschen mit dem neuen Coronavirus infiziert, die mit Abstand meisten davon in der Provinz Hubei, die inzwischen weitgehend abgeriegelt ist. Problematisch bei Infizierten- und Verstorbenenstatistiken bleibt, dass die Behörden nicht immer transparent mit den Zahlen umgehen. So wurde etwa die Definition dessen, was genau eine Infektion ausmacht, mehrfach geändert. Und obwohl außerhalb von China die Betroffenenzahlen bisher sehr gering sind und daher der Coronavirus meist nicht als Pandemierisiko eingestuft wird, warnen Virologen vor seiner weiteren Verbreitung. Im Gegensatz zu SARS vor 17 Jahren vermehrt sich COVID-19 nicht tief in der Lunge, sondern in den oberen Atemwegen, was die Mensch-zu-Mensch-Übertragung um ein Vielfaches leichter macht. Es kann also sein, dass die Spitze der Ausbreitung noch nicht einmal ansatzweise in Sicht ist.

Schon jetzt ist die wirtschaftliche Bremswirkung, in China und darüber hinaus, signifikant. Schätzungen, denen zufolge das BIP-Wachstum in der zweitgrößten Volkswirtschaft der Welt in diesem Jahr um mindestens einen halben Prozentpunkt niedriger ausfallen könnte – also etwa nur 5,2% statt der üblicherweise erwarteten 5,7% - , machen die Runde. Viele kleine Unternehmen, vor allem in Wuhan und Umgebung aber zunehmend auch in weiteren Teilen des Landes, stehen vor dem Ruin. Die Kommunistische Partei in Peking wird tief in die Subventionskiste greifen müssen, um massenhafte Firmenpleiten abzuwenden und den Nachfrageausfall zu kompensieren. Gut möglich, dass sich COVID-19 zur bedrohlichsten Krise in der bisherigen Regentschaft von Präsident Xi Jinping auswächst.

Und weil in einer globalisierten Welt alles mit allem zusammenhängt, beeinflußt die Corinaviruskrise auch den langsam beginnenden Wahlkampf in den USA. Dort hat der selbsternannte Sozialist Bernie Sanders erwartungsgemäß die Vorwahl in New Hampshire gewonnen. So mancher hatte befürchtet, dass die US-Aktienmärkte nervös auf einen Vorwahlsieg des 78jährigen Kapitalismuskritikers, der vorher schon in der oft richtungsweisenden Wahl in Iowa stark abgeschnitten hatte, reagieren könnten. Das war aber nicht zu verzeichnen. Zu unumstößlich erscheint derzeit der Glaube daran, Präsident Trump werde ohnehin wiedergewählt. Das mag heute so aussehen, fraglich ist aber, ob die Welt für Trump bis zum 3. November stets so rosig bleibt. Im Moment sonnt er sich im Erfolg des überstandenen Impeachmentverfahrens, des gefühlten Verhandlungssieges im „Phase 1“-Handelsabkommen mit China und dem desaströsen öffentlichen Auftritt seiner demokratischen Gegner. Aber so günstig muss die Lage nicht bleiben, schließlich ist Trump selbst immer für einen Skandal gut. Und sollte – was durchaus möglich ist – der demokratische Wahlkampf irgendwann in den nächsten Wochen und Monaten so etwas wie Wasser unter den Kiel bekommen, dürfte Trump wieder aggressiver um sich schlagen. Hier nun kommt China ins Spiel, denn die Chinesen werden es wegen COVID-19 kaum schaffen, all die zusätzlichen US-Güter (die Rede ist von zusätzlichen Importen in Höhe von 200 Mrd. US-Dollar) zu kaufen, die im Handelsabkommen zugesagt wurden. Sobald absehbar wird, dass China hinter vertragliche Importziele zurückfällt, dürfte Trumps Twitterdaumen nervös werden. 2019 hat gezeigt, dass dann mit stärkeren Ausschlägen bei Risikoassets zu rechnen ist.

Was das für Anleger bedeutet

Die wichtigsten Makrodaten finden wir in dieser Woche bei den Zentralbanken und Wachstumsindikatoren. Am Mittwoch veröffentlicht die Fed das Protokoll ihrer Januarsitzung, einen Tag später folgt die EZB. Aus beiden Mitschriften dürfte sich kaum eine Umstellung der geldpolitischen Richtung ableiten lassen. In den USA könnte aber die Sichtweise bestätigt werden, derzufolge die Fed auch bei leicht anziehender Inflation die Zinsen nicht erhöhen wird. Und in Europa könnte das Protokoll tieferen Aufschluss darüber geben, wie der Prozess der „strategischen Überprüfung“ der EZB-Geldpolitik gestartet ist. Schließlich geht es dabei um so umstrittene Themen wie das Inflationsziel, die Anleihekäufe oder den Negativzins. Darüber hinaus könnten am Freitag die Einkaufsmanagerindizes erste Anzeichen dafür liefern, dass sich COVID-19 auch außerhalb von China bemerkbar macht. Für Europa und die USA werden nach den Aufwärtsentwicklungen der vergangenen Monate nun leichte Rückgänge in den Industrieindikatoren erwartet. Für die deutsche Industrie, die seit längerem tief in der Rezession feststeckt, dürfte der Index auf unter 45 zurückfallen. Klares Zeichen dafür, dass den deutschen Unternehmen ihre starke Chinaabhängigkeit nun überproportional auf die Füße fallen könnte. 

 
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