Von Handelskrieg und Notenpresse

Martin Lück
Dr. Martin Lück
Leiter Kapitalmarktstrategie BlackRock

BlackRock Marktausblick vom 13. August 2019

Wer gehofft hatte, der Sommer könne Entspannung bei schon lange schwelenden Politikrisiken bringen, sieht sich nun, Richtung Ende der Feriensaison, enttäuscht.

Der Brexit steht unverändert bedrohlich im Raum, und durch die Wahl von Boris Johnson zum Premierminister ist die Gefahr eines harten Ausscheidens Großbritanniens aus der EU vermutlich sogar gestiegen. Italiens Populistenregierung nahm erst eine harte Haltung in der Flüchtlingspolitik ein, nun läßt Oberpopulist und Innenminister Salvini sogar die Regierung platzen und versucht, seine guten Umfragewerte durch vorgezogene Neuwahlen in einen Machzuwachs umzumünzen. Ärger mit den EU-Partnern scheint programmiert. Und US-Präsident Trump bleibt unberechenbar wie eh und je. Zum Ausklang der vorvergangenen Woche kündigte er 10% Zölle auf weitere China-Importe im Umfang von 300 Mrd. US-Dollar zum 1. September an, was umgehend Chinas Reaktion in Form einer Währungsabwertung provozierte. Für die Finanzmärkte ist diese Gemengelage – altbekannte Risiken, nur schlimmer – prekär. Denn die Weltwirtschaft befindet sich in einer Phase der Abkühlung, bewirkt durch schwächere Nachfrage aus China, das Auslaufen der steuerreformbedingten Sonderkonjunktur in den USA und strukturell dürftige Dynamik in Europa. Zwar halten die Zentralbanken durch ihre expansive Wende das globale Wachstum am Laufen und zwingen Anleger damit in reale Assets hinein. Aber gleichzeitig nehmen die Risiken von Fehlallokation und -bewertung weiter zu, die Normalisierung der Geldpolitik rückt in weite Ferne. Die Konsequenz ist eine spürbare Verunsicherung, ablesbar im Anstieg der Aktienvolatilität und einem regelrechten Run auf vermeintlich sichere Anlagen.

Dabei wird deutlich, dass der Gegenpol der allerorts zündelnden Populisten, nämlich die Zentralbanken, durch ihr Heilsversprechen ungewollt die Volatilität verstärken. So war der Kurseinbruch in den ersten Augusttagen neben Trumps Handelspolitik und Chinas Reaktion auch der Enttäuschung darüber geschuldet, dass die Fed am 31. Juli die Zinsen nicht so stark senkte wie erhofft und sich Notenbankchef Jerome Powell auch nicht auf einen weiteren Zinsschritt im September festlegen wollte. Überzeugt hat dies die Märkte aber nicht, denn nach wie vor ist in den Fed Funds Futures eine Zinssenkung um 25 Basispunkte am 18. September zu über 80% eingepreist. Sollte die US-Zentralbank in fünf Wochen also nicht liefern, wäre eine weitere verschnupfte Marktreaktion zu erwarten.

Die EZB hat sich Richtung Ende der Präsidentschaft von Mario Draghi stärker zu weiterer monetärer Lockerung bekannt als noch vor wenigen Monaten erwartet wurde. So gehen die meisten Marktteilnehmer inzwischen davon aus, dass noch vor Jahresende eine Senkung des ohnehin schon negativen Einlagenzinses ansteht, möglicherweise begleitet durch die Ankündigung, wieder verstärkt Anleihen und/oder andere Finanztitel zu kaufen. Selbst derartig drastische Kurswechsel sind allerdings inzwischen kaum noch in der Lage, die Inflationserwartungen der Markteilnehmer nachhaltig zu beeinflussen, obwohl genau das stets die offizielle Begründung für die Lockerungsmaßnahmen ist. De facto dagegen versinkt Europa immer mehr in einem Japan-ähnlichen Szenario, also schwachem Wachstum, kaum spürbarer Inflation und niedrigen, weitestgehend negativen Zinsen. Es ist bezeichnend, dass über den Verlauf der vergangenen Woche die Rendite zehnjähriger Bundesanleihen noch einmal um einen Zehntelpunkt gesunken ist und nunmehr bei rund -0.6% steht, also niedriger als der Einlagezins der EZB (-0,4%). Erstmals sank auch die gesamte Renditekurve, also die Verzinsung von Schuldtiteln über alle Fälligkeiten von 3 Monaten bis 30 Jahre, in den negativen Bereich.

 

Was bedeutet das für Anleger?

Investoren werden in einem derartigen Umfeld geradezu in reale Anlageformen getrieben, also Aktien, Gold oder auch Immobilien. Aktienpreise stehen trotz der oben angesprochenen Risiken seit Jahresanfang im Plus, um etwa 10% beim DAX, sogar über 16% beim S&P 500. Gleichzeitig gibt es aber einen regelrechten Run auf vermeintlich sichere Anlagen wie etwa Gold, dessen Preis inzwischen wieder die Marke von 1.500 Dollar pro Feinunze überschritten hat. Und auch die Immobilienbewertungen dürften weiter zulegen, wenn auch mit starken lokalen und qualitativen Unterschieden. Solange also der Widerstreit zwischen der Drohkulisse Handelskrieg und seinen negativen Folgen für Wachstum und Gewinne dem Heilsversprechen der Zentralbanken mit immer mehr, immer billigerem Geld gegenübersteht, bleibt eine Positionierung an beiden Enden des Risikospektrums (also eine sogenannte Barbell-Positionierung) die unserer Ansicht beste Strategie für Anleger.

 

 

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