Deutsche Industrie geht auf dem Zahnfleisch

Felix Herrmann
Felix Herrmann, CFA
BlackRock Kapitalmarktstratege

BlackRock Marktausblick vom 16. Juli 2019

Spätestens seit der Gewinnwarnung von BASF in der vergangenen Woche dürfte klar sein: Dem verarbeitenden Gewerbe in Deutschland steht das Wasser bis zum Hals. Der Chemiekonzern hat das Handtuch in den Ring geschmissen und geht für 2019 nun von einem deutlichen Gewinnrückgang aus. Noch im Mai war man in Ludwigshafen von einem Gewinnzuwachs ausgegangen. Derart Signale aus der Chemiebranche sind alles andere als ein gutes Zeichen für das deutsche verarbeitende Gewerbe insgesamt, da der Sektor als frühes Glied in der Wertschöpfungskette eine Art Frühwarnindikator für die gesamte Industrie darstellt. Rund 90 Prozent der Erzeugnisse der Chemieindustrie sind wichtige Vorerzeugnisse für andere Bereiche der Wirtschaft – etwa für die Autobranche. Immer deutlicher machen sich also die negativen Auswirkungen des Handelskonfliktes bemerkbar und ein Blick auf die schlechte Stimmung oder aber auch die rückläufigen Auftragseingänge verheißt alles andere als Besserung.

Während die Industrie schwächelt, zeigt sich die Dienstleistungsbranche aber weiterhin robust. Die große Frage lautet aus unserer Sicht daher: Kann der Dienstleistungssektor seine Stärke aufrechterhalten, bis es zu einer Kehrtwende in der Industrie kommt oder erleben wir früher oder später eine Ansteckung der Dienstleistungen durch die Industrie. Viel dürfte in diesem Zusammenhang davon abhängen, wie es mit der Entwicklung in China weiter geht. Im zweiten Quartal dieses Jahres fiel das Wachstum im Reich der Mitte auf den niedrigsten Stand seit Anbeginn der Aufzeichnungen. Allerdings erwiesen sich gerade die Daten für den Juni besser als erwartet, sodass Sorgen vor einer beschleunigten Wachstumsverlangsamung erst einmal gebannt scheinen. Im Zweifelsfall dürfte sich die Regierung in Peking zu einem weiteren umfangreichen Stimulusprogramm durchringen, was ebenfalls ein gutes Signal für die deutsche Industrie wäre.

Auch von Seiten der Zentralbanken ist kein konjunktureller Gegenwind mehr zu erwarten. Jerome Powell hat in der letzten Woche den Weg für die erste Zinssenkung in den USA seit mehr als zehn Jahren frei gemacht. Bei seinem Auftritt dem US-Kongress machte er keinerlei Anstalten, die für Ende des Monats zu 100% eingepreiste Zinssenkung vom Tisch zu wischen. Einem starken Arbeitsmarktbericht und steigender Kerninflation im Juni zum Trotz. Die Aktienmärkte in den USA reagierten erfreut und erklommen abermals frische Allzeithochs.

Entsprechend steigt der Druck auf die EZB, ebenfalls zu reagieren. Die Zeichen verdichten sich, dass es in der zweiten Jahreshälfte zu einer Neuauflage des Ankaufprogramms kommen könnte. Sollte die EZB die Leitplanken eines etwaigen neuen Programms im Vergleich zum alten etwas anpassen – etwa in Bezug auf das Ankaufen auf entlang der EZB-Kapitalschlüssel – könnte die EZB durchaus nochmal rund 500 bis 600 Milliarden Euro in das System pumpen, bevor Beschränkungen wie etwa das Emittentenlimit greifen. Das Risiko wäre jedoch, dass spätestens danach ein deutlich höheres Maß an „Kreativität“ notwendig wäre, um weitere QE-Programme aufzusetzen. Mit anderen Worten: Die EZB würde sich immer weiter in eine Sackgasse manövrieren.

 

Was bedeutet das für Anleger?

Der Kursschwenk der Zentralbanken bedeutet vor allem eines: niedrigere Zinsen – und das für lange Zeit. Sollte die EZB tatsächlich ein weiteres Ankaufprogramm auf die Rampe schieben, sei daran erinnert, dass der Ankündigungseffekt solcher Programme in der Vergangenheit meist weitaus größer war als der Effekt auf die Zinsen, der sich nach dem eigentlichen Start des Programms beobachten liess.

In einem Arbeitspapier, welches letzte Woche veröffentlicht wurde, haben Mitarbeiter der EZB zudem berechnet, dass das QE-Programm der EZB die sogenannte Laufzeitenprämie im zehnjährigen Laufzeitenbereich um 95 Basispunkte reduziert – und das mit einer Halbwertszeit von fünf Jahren.

Insofern sind die Aussichten für europäische Staatsanleihen sicher nicht die schlechtesten. Da wir von der Entschlossenheit der EZB überzeugt sind, haben wir europäische Staatsanleihen jüngst auf „übergewichten“ hochgestuft. Gleichzeitig sollte Anlegern jedoch auch bewusst sein, was für wilde Blüten die EZB-Politik treibt. Ein signifikanter Anteil von kurzlaufenden Unternehmensanleihen mit einem Rating von BB oder schlechter handeln bereits im negativen Bereich. Griechenland refinanziert sich in etwa beim gleichen Zinsniveau wie die USA (wenngleich in Euro und nicht in US-Dollar). Diese offenkundigen Verzerrungen können durchaus zu einer Fehlallokation von Kapital führen und dementsprechend die Instabilitäten im Finanzsystem erhöhen. Etwas, das man als Anleger in der nächsten Zeit unbedingt auf dem Schirm haben sollte.


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