Spiel, Satz und Sieg Macron

Martin Lück
Dr. Martin Lück
Leiter Kapitalmarktstrategie BlackRock

BlackRock Marktausblick vom 9. Juli 2019

Das überraschende Ergebnis des EU-Postengeschachers ist ein Sieg auf ganzer Linie für Frankreichs Präsident Emmanuel Macron. Nachdem Angela Merkel klargemacht hatte, dass die EU-Kommissionspräsidentschaft für den Fall eines Scheiterns von Manfred Weber auch keinesfalls an einen Franzosen gehen würde, landete der junge Präsident mit dem Vorschlag von Ursula von den Leyen einen veritablen Coup. Denn erstens erfüllte er damit den Anspruch der EVP, stärkste Partei bei der jüngsten Europawahl, auf das Spitzenamt. Zweitens ist von der Leyen nicht nur Deutsche, sondern auch langjährige Gefolgsfrau von Merkel, mithin eine Personalie, zu der die Kanzlerin schlecht nein sagen konnte. Und drittens sicherte sich Macron damit die Dankbarkeit der designierten Kommissionschefin. Von der Leyen dürfte in den nächsten Jahren stets ein offenes Ohr für ihren Förderer Macron haben.

Gleichzeitig reservierte sich der französische Präsident mit der EU-Kommissionspräsidentschaft für Ursula von der Leyen den ersten Zugriff auf die EZB, wo im November die Nachfolge von Mario Draghi ansteht. Vermutlich fiel hier die Wahl auf die bisherige IWF-Direktorin Christine Lagarde, weil sie dank ihres exzellenten Rufes innerhalb der europäischen Staats- und Regierungschefs leichter zu vermitteln war als der eher in Finanzkreisen bekannte Francois Villeroy de Galhau, Gouverneur der Banque de France. Die ehemalige Finanzministerin hat auch in ihren bisherigen Rollen Anliegen vertreten, die eine gewisse Nähe zu Macrons Sorbonne-Agenda aufweisen, wie etwa bezüglich der europäischen Einlagensicherung EDIS, des geplanten Eurozonenbudgets oder einer europäischen Arbeitslosenversicherung. Ebenso hat Lagarde nie ein Hehl daraus gemacht, dass sie die Geldpolitik der EZB unter Mario Draghi unterstützt. Auch dies liegt der französischen Linie deutlich näher als jener der EZB-kritischen Bundesbank, deren Präsidenten Jens Weidmann die Personalie Lagarde somit erfolgreich und vergleichsweise elegant verhindert hat.

Und noch in einer dritten Hinsicht spiegelt das EU-Personentableau den Einfluss Emmanuel Macrons wider. Nachfolger Donald Tusks als EU-Ratspräsident wird nämlich der geschäftsführende belgische Premierminister Charles Michel, der ebenfalls als Vertrauter des französischen Präsidenten gilt. Unterm Strich lässt sich also festhalten, dass sowohl die EU-Doppelspitze – Kommissions- und Ratspräsidentschaft – als auch die EZB-Chefetage sich künftig in ausgesprochen frankophilen Händen befinden dürfte. Bien fait, Monsieur le Président.

Die Griechen haben gewählt und wie schon bei der EU-Wahl vor wenigen Wochen der regierenden Syriza-Partei von Regierungschef Alexis Tsipras eine empfindliche Niederlage beigebracht. Mit fast 40% der Stimmen und einer absoluten Mehrheit im Parlament (dank 50 Stimmen-Bonus) siegte die konservative Nea Dimokratia mit ihrem Spitzenkandidaten Kyriakos Mitsotakis, der nunmehr neuer Premier werden dürfte. Für diesen Wechsel sorgte die Unzufriedenheit der Wähler, welche Tsipras die harten, von der Troika erzwungenen Sparmaßnahmen vorwerfen. Es bleibt abzuwarten, ob Mitsotakis in der Lage ist, seinen Wahlversprechen Taten folgen zu lassen. Skepsis erscheint angebracht, denn ob die Voraussetzung für die angekündigten Steuererleichterungen, nämlich höhere Privatisierungserlöse, tatsächlich realisierbar ist, darf bezweifelt werden. Mitsotakis ist ja nicht der erste Premier, der auf diese Idee verfällt. Immerhin zeigt aber die vorgezogene Neuwahl und deren Ergebnis, dass die griechische Demokratie, die älteste der Welt, sehr lebendig ist. Leider lässt sich dies vom Nachbarland Türkei weniger behaupten, wo der zunehmend autokratisch agierende Präsident Erdogan kurzerhand den unliebsamen Zentralbankchef Murat Cetinkaya absetzte. Investoren werden zu Recht skeptischer bezüglich der Sicherheit von Anlagen in der Türkei, die Lira gab entsprechend nach.

 

Was bedeutet das für Anleger?

Insgesamt sehen Marktteilnehmer die jüngsten Entwicklungen in Europa aber positiv. Wir nehmen den Ausblick auf expansivere Geld- und Fiskalpolitik sowie eine leichte wirtschaftliche Erholung im weiteren Jahresverlauf zum Anlass, europäische Aktien von Untergewichten auf Neutral hochzustufen. Schon am 25. Juli könnte die EZB neue monetäre Erleichterungen verkünden, und am 31. Juli könnte die Fed folgen. Dabei bleibt der Wachstumsausblick durchaus durchwachsen. Was zurzeit Investoren davon abhält, die Fülle geopolitischer Unwägbarkeiten in Form von stärkeren Kurschwankungen und/oder niedrigeren Bewertungen abzubilden, ist einmal mehr das Heilsversprechen der Zentralbanken.


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