Martin Lück
Dr. Martin Lück
Leiter Kapitalmarktstrategie BlackRock

Da staunte Finanzminister Olaf Scholz nicht schlecht. Gerade hatte ihm nach seinem Vortrag am renommierten Peterson Institute dessen Präsident Adam Posen für seine „klaren Worte“ gedankt. Scholz, früher als SPD-Generalsekretär ob seiner gestanzten Worthülsen oft als „Scholzomat“ verspottet und nicht gerade für deutliche Aussagen bekannt, war geschmeichelt. Vermutlich hatte er nicht mitbekommen, was der listige Posen damit meinte. Nämlich dass Scholz ohne es zu wollen den Grund dafür preisgegeben hatte, warum die Welt sich die Hoffnung auf mehr fiskalischen Stimulus aus Deutschland abschminken kann.

Ein Diskussionsteilnehmer hatte gefragt, wie die SPD aus dem Umfragetief herauskommen könne, und Scholz‘ Antwort darauf war gewesen: Sie muss zeigen, dass sie regierungsfähig ist. Und da nun mal eine große Mehrheit der Wähler in Deutschland eine sparsame Haushaltsführung ihrer Regierung bevorzugt, muss sich jede Partei mit Ambitionen auf die Schaltstellen der Macht diesem Prinzip verpflichten. Einen signifikanten fiskalischen Impuls aus Deutschland wird es also erst dann geben, wenn die deutschen Wähler es so wollen. Damit ist die Bundesregierung international zunehmend isoliert. Denn angesichts des schwächeren Welthandels und ausgereizter Geld- sowie Fiskalpolitiken in anderen großen Volkswirtschaften wird immer öfter darauf verwiesen, nun müssten es die „Länder mit fiskalischem Spielraum“ richten. Zwar hängen die meisten Hoffnungen auf Neubelebung des globalen Wachstums an China und den dort beschlossen Steuersenkungen sowie Krediterleichterungen. Immer öfter wird aber auch gefordert, Deutschland, viertgrößte Volkswirtschaft der Welt, müsse auf der fiskalischen Seite mehr tun. Zuletzt reihte sich angesichts der deutschen Ankündigung, die Verteidigungsausgaben prozentual zum BIP sogar noch zu senken, die NATO ein in den Chor der Unzufriedenen unter den internationalen Organisationen.

Nun ist die deutsche Fiskalpolitik ja durchaus nicht restriktiv. In diesem Jahr beträgt der fiskalische Impuls 0,7% des BIP, das ist der stärkste Anschub für die Konjunktur seit der post-Lehman-Rezession 2009. Dennoch ist angesichts von quasi Nullzinsen bis in den zehnjährigen Bereich und Negativzinsen bei kürzeren Laufzeiten die Frage zulässig, ob die zu erwartende Rendite etwa von staatlichen Investitionen in Bildung, Digitalisierung oder sonstige Infrastruktur wirklich null oder negativ ist. Nichts anderes sagt es nämlich aus, wenn der Staat bei derart niedrigen Finanzierungskosten nicht investiert. Darauf, dass insgesamt Investitionen europäischer Länder in die Infrastruktur in den letzten Jahren sehr schwach gewesen sind, verweist unter anderem die Europäische Investitionsbank.

Derweil Deutschland zaudert und das Wachstum in Europa sich verlangsamt, suchen Investoren nach Orientierungspunkten. Kein Wunder, denn parallel zu den seit Jahresanfang stark gestiegenen Aktienkursen sind die Gewinnerwartungen geschrumpft, wodurch sich die Bewertungen drastisch verteuert haben. Der Fokus liegt deshalb auf neuen möglichen Treibern für Wachstum und Gewinne, wie sie sich beispielsweise aus dem Handelsabkommen zwischen den USA und China ergeben könnten. Selbst wenn ein solcher Deal nur eher kurzfristige Sorgen aus dem Weg räumt, wäre er – gerade mit Blick auf den Welthandel – ein wichtiger potentieller Katalysator. Ebenso wie eine Wachstumsstabilisierung in China, die sich aus der expansiveren Wirtschaftspolitik ergibt. Und gerade im europäischen Kontext dürfte es helfen, dass die Verschiebung des britischen EU-Austritts bis Ende Oktober das Risiko eines harten Brexit deutlich reduziert hat.

Was bedeutet das für Anleger?

Vor diesem Hintergrund wird sich in der Berichtssaison für die Unternehmensergebnisse des ersten Quartals der Fokus vermutlich nicht so sehr auf die abgelaufenen drei Monate, sondern eher auf den Blick nach vorne richten. Sollten auch die Unternehmen die Ansicht einer zunehmenden Zahl von Volkswirten teilen, nämlich dass sich die Lage der Weltwirtschaft Richtung Jahresmitte ehern aufhellt als weiter abschwächt, könnten die Unternehmensberichte der nächsten Wochen die Grundlage für weiter steigende Aktienkurse bieten. Dies gilt insbesondere, wenn die Ergebnisse für Q1 besser ausfallen als geschätzt und die mehrheitlich erwartete Gewinnrezession idealerweise damit ganz ausbleibt.

 

 


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