Felix Herrmann
Felix Herrmann, CFA
BlackRock Kapitalmarktstratege

Wenn China niest, bekommt die Welt einen Schnupfen. Dass an dieser „Weisheit“ durchaus etwas dran ist, haben wir gegen Ende des letzten Jahres erleben dürfen: Chinas Wirtschaft schwächelte und mit ihr die Weltwirtschaft. Als Ursache für das strauchelnde chinesische Wachstum wurde neben dem Handelskrieg mit den USA sowie den Friktionen im Welthandel die Absicht der chinesischen Regierung identifiziert, der Verschuldung im Reich der Mitte den Kampf anzusagen. Innerhalb von rund 15 Jahren hatte sich der Gesamtschuldenberg in China in etwa verdoppelt. In Peking wuchs daher die Sorge vor einem Problem, dass aus dem Ruder zu laufen schien. Entschuldung war dementsprechend auf einmal das Gebot der Stunde. Entsprechend wurde das Wachstum der Kreditvergabe gedrosselt, mit den unmittelbaren Auswirkungen auf das verarbeitende Gewerbe – vor allem in Europa, das hier deutlich exponierter ist als in den USA.

Obwohl Chinas Wachstum auch im Jahr 2018 für einen signifikanten Teil des globalen Wachstums verantwortlich gewesen ist, war die geringere chinesische Dynamik im letzten Jahr unter dem Strich ein Belastungsfaktor für das globale Wachstum.

Im Jahr 2019 scheint sich das Bild nun jedoch zu drehen. Peking hat damit begonnen, sowohl die Geld- als auch die Fiskalpolitik zu lockern. Das Kreditwachstum hat wieder zugelegt. Sichtbar ist die Trendwende bereits im Servicesektor – die Industrie hinkt noch hinterher aber auch hier haben sich die Vorzeichen verbessert. Wir rechnen damit, dass sich das chinesische Wachstum ab dem zweiten Quartal wieder beschleunigen wird.

Sollten sich die USA und China in den nächsten Wochen zudem auf einen Deal in Sachen Handel einigen, stünden die Vorzeichen für China natürlich noch etwas besser. Die hohe Frequenz der Treffen in den letzten Wochen und Monaten zwischen den Verhandlungspartnern ließ bereits vermuten, dass durchaus bedeutsame Fortschritte erzielt worden sind. In Verhandlungen bleiben jedoch am Ende oft jene Nüsse über, die am härtesten zu knacken sind. So auch im vorliegenden Fall. Hier geht es etwa um die Frage, was mit den Zöllen passieren wird, die die USA jüngst auf Importe aus China erhoben haben. Auch die Frage, wie die Implementierung und die Einhaltung der Vereinbarungen des Deals kontrolliert werden soll, ist noch ungeklärt. Trump ist optimistisch, dass es in den nächsten Wochen eine Einigung geben wird. Womöglich dürfte ihm jede Verzögerung, bis es zur Finalisierung des Abkommens kommt, sogar mehr als recht sein, da die Einigung so im Gedächtnis vieler Wähler noch etwas präsenter wäre, wenn es zeitnah so richtig los geht mit dem US-Präsidentschaftswahlkampf.

Einer der vielleicht härtesten Nüsse überhaupt gilt es indessen nach wie vor in Großbritannien zu knacken. Nach dem Einknicken von Theresa May, die vorgibt eingesehen zu haben, dass ihr Deal keine Chance hat, durchgewunken zu werden, stehen die Zeichen nun eher auf „weicher Brexit“. Auf die Gefahr hin, die Stabilität ihrer Partei zu riskieren, verhandelt May mit Oppositionsführer Corbyn über alternative Modelle, die den Verbleib in der Zollunion und vielleicht sogar im EU-Binnenmarkt beinhalten. Problem dabei: Die Briten werden noch mehr Zeit brauchen, um herauszufinden, was sie im Detail wirklich wollen. May dürfte auf dem EU-Notfallgipfel morgen demnach um eine erneute Verschiebung des Austrittsdatums bitten, womit die EU in die delikate Situation gedrängt würde, sich zwischen dem Beharren auf einen harten Brexit und einer Teilnahme der Briten an den Wahlen zum Europaparlament entscheiden zu müssen. Am Ende des Tages wird letzteres wohl der Weg des geringeren Widerstands sein. Der Schaden, den die Demokratie in Großbritannien aber auch in der EU durch die Teilnahme von UK an den EP-Wahlen nehmen würde, lässt sich indes aus heutiger Sicht nur erahnen. Das einzige, was hingegen sicher sein dürfte, ist der Platz, den die nächsten Tage in den Geschichtsbüchern einnehmen werden.

Was bedeutet das für Anleger?

Eine Einigung zwischen den USA und China in puncto Handel dürfte in den Kursen bereits weitestgehend eingepreist sein. Dennoch ergäbe sich durch einen unterzeichneten Deal wohl noch ein gewisses Aufwärtspotenzial. Mittel- bis langfristig darf man hingegen nicht vergessen, dass der grundsätzliche Disput zwischen den USA und China das Potenzial hat, immer wieder aufzupoppen. Letzten Endes ist der Handelskonflikt nur eine Facette im Kampf dieser beiden Wirtschaftsmächte um die globale Vorherrschaft – etwa im Bereich Technologie.

Eine weitere, eher längerfristige Auswirkung des Handelsabkommens zwischen den USA und China könnten steigende Zinsen in den USA sein. Denn sollte Chinas Leistungsbilanzüberschuss mit den USA sinken, würde sich wohl auch die Nachfrage der Chinesen nach US-Staatsanleihen reduzieren. Hintergrund: Jedes Land mit einem Leistungsbilanzüberschuss ist stets auch Exporteur von Kapital. Reduziert sich der Überschuss, wird auch weniger im Ausland gespart.

  


MKTGH0419E-806865

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