Martin Lück
Dr. Martin Lück
Leiter Kapitalmarktstrategie BlackRock

Das erste Quartal war aus Anlegersicht ein rundherum erfreuliches. Zum Marktschluss am Freitagabend lagen globale Aktien, gemessen im MSCI World, um fast 12% im Plus, wobei US-Aktien mit 13,5% wieder einmal vor Europa lagen (DAX +9,2%, SMI +12,4%, ATX +10,5%, WIG +3,4%) und chinesische A-Shares mit +24% den Vogel abschossen. Auch die Rentenmärkte verzeichneten einen starken Jahresstart. Die Rendite zehnjähriger US-Anleihen ermäßigte sich über das Quartal um 27 Basispunkte, die der entsprechenden Bundesanleihe um 31 Basispunkte. Der Bund-Future legte seit Jahresbeginn kaum für möglich gehaltene 280 Ticks zu. Damit wirkt Q1 2019 wie ein Spiegelbild des Jahres 2018, in dem das seltene Phänomen negativer Erträge gleichzeitig bei Aktien und Renten zu beobachten war.

Hintergrund dieser Spiegelverkehrtheit des bisherigen Anlagejahres ist aus unserer Sicht, dass sich die fundamentalen Hintergrunddaten geradezu umgekehrt haben. War 2018 ein Jahr, in dem die Angst vor höheren Zinsen zu Verlusten bei Aktien und Zinstiteln geführt hatte, während wenig Zweifel an nach wie vor robustem globalem Wachstum vorherrschten, kehrte sich diese Einschätzung zum Jahreswechsel um. Nun signalisierten die Zentralbanken Ruhe an der Zinsfront, während sich mit Blick auf das Wachstum Rezessionsängste breitmachten. Der Dezember markierte bezüglich letzterer den Tiefpunkt, die Doom-and-Gloom-Stimmung des ausklingenden 2018 sorgte bei dünnen Umsätzen für Aktienkursniveaus, welche eigentlich nur mit tatsächlichem Schrumpfen des Outputs in Einklang zu bringen sind.

Wie wir wissen, ist es bisher nicht so schlimm gekommen, und Marktteilnehmer haben die übermäßig negativen Einschätzungen aus dem Dezember korrigiert. Gleichzeitig wurde eine deutlich entspanntere Haltung der Zentralbanken eingepreist. Im zweiten Quartal nun, das diese Woche beginnt, dürfte sich entscheiden, ob mit Blick auf den weiteren Jahresverlauf die Bullen oder die Bären Recht haben. Für erstere spricht, dass sich das Wachstum stabilisieren könnte. Vielleicht war der hoffnungsvolle Ifo-Index von letzten Montag schon ein Zeichen dafür, dass die Wachstumsdelle ihr Ende erreicht und der Ausblick für Wachstum und Gewinne die nächsten Monate wieder konstruktiver wird. Der entscheidende Treiber könnte hierbei eine Beschleunigung des Wachstums in der zweitgrößten Volkswirtschaft der Welt sein. Zuletzt hat vieles dafür gesprochen, dass die chinesische Regierung gern etwas mehr Dynamik sehen würde und aus diesem Grund die monetären und fiskalischen Stimulusmaßnahmen wieder hochgefahren hat. Mehr Nachfrage aus China würde den Welthandel beschleunigen und vor allem den offenen Volkswirtschaften Europas helfen. Die Welt ist heute weniger abhängig von Amerika, was in Zeiten von Trump beruhigend klingen mag. Gleichmaßen wird sie dagegen abhängiger von China, und es bleibt abzusehen, ob das gut gehen kann.

Risiken gibt es ohnehin. So ist weiterhin offen, ob es zu einem Handelsabkommen zwischen den USA und China kommt. Und selbst wenn es unterzeichnet wird, könnte die Détente zwischen den weltgrößten Volkswirtschaften gerade bedeuten, dass US-Präsident Trump, der nach dem Mueller-Bericht vor Kraft kaum laufen kann, sich als nächstes die Europäer vorknöpft. Gerade der Automobilsektor könnte die aufflammende Bedrohung von Strafzöllen derzeit nicht gut gebrauchen. Auch haben sich Anleger bezüglich der Zentralbanken recht einseitig positioniert. Zwar hat Fed-Chef Jerome Powell die bis dato für 2019 ins Fenster gestellten zwei Zinserhöhungen de facto vom Tisch genommen. Der Markt hat aber bei den Worten „keine Zinserhöhung“ gleich „Zinssenkung“ gehört und preist inzwischen mit knapp 60% Wahrscheinlichkeit ein, dass Ende 2019 die Fed Funds Target Rate unter ihrem derzeitigen Niveau (2,25-2,50%) liegt. Auch dies könnte sich als voreilig erweisen, etwa wenn der weiter unter Dampf stehende US-Arbeitsmarkt doch noch für mehr Inflation sorgt. Diesen Freitag kommen frische Zahlen. Schon jetzt steht die Arbeitslosigkeit rekordverdächtig niedrig bei 3,8%, die robusten Lohnzuwächse von zuletzt 3,4% signalisieren ein baldiges Anziehen der Kerninflation.

Was bedeutet das für Anleger?

In einer ohnehin unsicheren Welt gönnt sich Europa mit dem Brexit-Drama eine überflüssige Sonderepisode. Gut möglich, dass die Farce, die britische Politiker ihren Wählern und der Welt zumuten, ausgeht wie das berühmte Hornberger Schießen. Gut möglich also, dass es am Ende gar keinen Brexit gibt. Zumindest deutet zurzeit vieles auf eine Verschiebung des Austrittsdatums über die Europawahlen hinaus hin, im Extremfall bis Ende 2020. Auf dem Weg dorthin gäbe es dann wohl eine neue britische Regierung, vermutlich Neuwahlen und vielleicht – endlich, möchte man sagen – eine zweite Volksbefragung.  

 


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