Felix Herrmann
Felix Herrmann, CFA
BlackRock Kapitalmarktstratege

Der 29. März rückt erbarmungslos näher und nach wie vor stehen sich in Großbritannien drei Lager scheinbar ohne jedwede Kompromissbereitschaft gegenüber. Ein Teil, die Brexiteers, wünscht sich Ende März einen harten Schnitt mit der EU, ein anderer Teil wiederum kämpft für einen geordneten Austritt mit dem ausgehandelten Deal der britischen Premierministerin. Ein dritter Teil möchte weiterhin überhaupt keinen Brexit. Die beiden ersten Gruppen haben aus spieltheoretischer Perspektive erkennbar einen Anreiz, auf Zeit zu spielen: Die Brexiteers, da die „Default Option“ in Form eines harten (ungeordneten) Brexits Ende des Monats trotz der Parlamentsentscheidung in der vergangenen Woche zum Greifen nah ist. Die zweite Gruppe, also die Verfechter eines sanften (geordneten) Brexits um Theresa May spielen hingegen auf Zeit, da die Drohkulisse der „Default Option“ eines ungeordneten Brexits womöglich wiederum die dritte Gruppe, die Brexit-Gegner, früher oder später zum Einlenken bewegen könnte. Eben jenes dritte Lager der Brexit-Gegner ist das einzige, welches die Zeit drängen sieht. Da diese mittlerweile mehr als knapp ist, dürfte es May in dieser Woche unter anderem auf diese Gruppe abgesehen haben, wenn sie – nach dem Abstimmungsmarathon in der Vorwoche – ihren Deal voraussichtlich zum dritten Mal dem Unterhaus zur Abstimmung vorlegen wird.

Der Grund, weshalb die Brexit-Gegner diesem Deal jedoch bei der dritten Abstimmung erneut die Zustimmung verweigern könnten, ist, dass diese Gruppe mit einer Verschiebung des Austrittsdatums der Briten auf einmal Morgenluft wittert. Und hier ist nicht die bereits avisierte kurze „technische“ Verschiebung des Austrittsdatums bis Ende Juni (also bis kurz vor Konstituierung des neuen EU-Parlaments) gemeint, die als ausgemachte Sache gelten und diese Woche auf dem EU-Gipfel in Brüssel durchgewunken werden dürfte, sondern eine Verlängerung um ein Jahr oder sogar länger.

Womit wir wieder bei der Spieltheorie wären, denn jede längerfristige Verschiebung des Austrittsdatums hätte das Potenzial, die festgefahrene Situation zu lösen und über eine erneute, wie auch immer geartete Volksabstimmung am Ende einen „Exit vom Brexit“ zur Folge haben. Mal ganz abgesehen davon, dass die Briten in diesem Fall an der Europawahl im Mai teilnehmen müssten. Für alle Parlamentarier, die sich einen Brexit wünschen, sind das Horrorszenarien. Somit liegt der Fokus nun auch auf jenen Brexit-Befürwortern, die bislang gegen Mays Deal gestimmt haben. Allen voran auf der DUP, jener nordirischen Partei, die für May der Mehrheitsbeschaffer im Parlament ist, und die wegen der „Backstop-Regelung“ den Deal bislang abgelehnt hat, im Geiste jedoch den Brexit befürwortet.

Gut möglich, dass mit einem Sinneswandel dieser Partei ein Sinneswandel bei anderen Brexit-Befürwortern, die bislang gegen Mays Deal waren, einsetzt und es nach einer kurzen Verschiebung des Austrittsdatums um wenige Wochen oder Monate und einer möglichen vierten Abstimmung zu einer finalen Zustimmung des Deals kommt. Insgesamt fehlen May noch 75 zusätzliche Stimmen.

Was bedeutet das für Anleger?

Sollte Mays Deal im dritten oder vierten Anlauf aus Sicht vieler Parlamentarier frei nach dem Motto „lieber den Spatz in der Hand als die Taube auf dem Dach“ tatsächlich durchgewunken werden, wäre dies ein positives Signal für europäische Risikoaktiva, da trotz der symbolischen Ablehnung eines ungeordneten Brexits durch das britische Unterhaus dieses Szenario immer noch wie ein Damoklesschwert über den Märkten hängt. Ganz besonders über britischen Unternehmen. Diese würden unter der Unsicherheit einer längerfristigen Verschiebung des Austrittsdatums wohl fast genauso stark leiden wie unter einem ungeordneten Brexit. Schließlich hat fehlende Klarheit (Brexit oder kein Brexit?) den Nachteil, dass Unternehmen weder planen noch Investitionsentscheidungen treffen können.

Neben dem britischen „Evergreen-Thema“ schauen Investoren diese Woche auf die US-Notenbank. Da eine Leitzinsanhebung seit dem Rhetorik-Schwenk von Jerome Powell um den Jahreswechsel herum bis auf weiteres vom Tisch ist, rücken diese Woche die hauseigenen Konjunkturprognosen der Fed sowie deren Bilanz in das Zentrum des Interesses. Ähnlich wie die EZB Anfang des Monats wird wohl auch die Fed ihre Wachstums- und Inflationsprognosen für dieses Jahr deutlich nach unten anpassen müssen. Powell dürfte in der Pressekonferenz zwar versuchen, nicht zu pessimistisch in Bezug auf den Fortgang der konjunkturellen Entwicklung in den USA zu klingen. Dennoch ist davon auszugehen, dass die hohe Datenabhängigkeit der US-Notenbank nicht nur eine Pause in Sachen Zinsanhebungen, sondern wohl auch eine baldige Beendigung der Bilanzreduzierung zur Folge haben wird.

Derweil senden die Aktien- und die Rentenmärkte vordergründig unterschiedliche Signale. Während an den Rentenmärkten die Zinsen vor dem Hintergrund einer erhöhten Risikoaversion fallen und die Summe der Anleihen mit negativer Rendite ein Volumen von neun Billionen US-Dollar erreicht hat (das höchste Niveau seit 2017), sind die Aktienmärkte jüngst auf ein neues Jahreshoch gestiegen. Was auf den ersten Blick wie ein Widerspruch aussieht, ist nach unseren Dafürhalten auch Ausdruck eines wachsenden Bewusstseins unter den Anlegern dafür, dass eine verstärkte Ausrichtung diversifizierter Portfolios auf die beiden Enden des Risikospektrums (Stichwort „Barbell-Strategie“) im aktuellen Umfeld das Gebot der Stunde bleibt.

 


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