Felix Herrmann
Felix Herrmann, CFA
BlackRock Kapitalmarktstratege

Die Finanzmärkte sind dieser Tage nicht leicht zu lesen. Einerseits klettern US-Aktien auf ein neues Allzeithoch, andererseits taumeln Emerging-Markets-Währungen wie die türkische Lira oder der argentinische Peso abermals neuen Allzeittiefs entgegen. Auf der einen Seite schnitten defensive Aktientitel in den letzten Wochen besser ab als zyklische, auf der anderen Seite fiel zur selben Zeit der Goldpreis. Was vordergründig wie ein Widerspruch aussieht, ist auf den zweiten Blick erklärbar, denn aus unserer Sicht zerren gerade zwei Phänomene an den Marktpreisen.

Zum einen überträgt sich eine gewachsene Unsicherheit über den Fortgang der makroökonomischen Entwicklung in den nächsten Monaten und Quartalen auf die Finanzmärkte. Das Spektrum der möglichen und am Markt gehandelten Wachstumsszenarien hat „dickere Ränder“ bekommen. Durchaus möglich, dass die Weltwirtschaft – vor allem getrieben durch die USA – in der nächsten Zeit noch deutlich schneller wächst als derzeit von den meisten Analysten erwartet. Denkbar aber auch, dass eine überhitzende US-Wirtschaft und ein schwelender Handelsstreit das globale Wachstum abwürgen.

Das zweite bedeutsame Phänomen, welches aus unserer Sicht die Märkte umtreibt, beschreiben die Angelsachsen als „Tightening of Financial Conditions“ – ins deutsche könnte man das mit „schwierigeren Finanzierungsbedingungen“ übersetzen. Gemeint ist vor allem der starke Zinsanstieg in den USA für kurzlaufende Anleihen sowie die Aufwertung der US-Währung in den letzten Monaten. Gerade Schwellenländer, die oft in US-Dollar verschuldet sind, leiden unter dieser Entwicklung.

Beide Phänomene haben gemein, dass sie die Risikoprämien, welche Investoren verlangen, damit sie zu einem Investment in riskante Vermögenstitel bereit sind, erhöhen. An den Aktienmärkten ist das beispielsweise an den gefallenen Kurs-Gewinn-Verhältnissen (KGV) abzulesen. Seit Jahresbeginn sind diese Bewertungskennzahlen sowohl für US-Aktien als auch für Aktien aus den Schwellenländern deutlich zurückgegangen. Anleger sind risikoaverser und immer weniger bereit, ein historisch hohes Vielfaches des Unternehmensgewinns für Aktien zu zahlen. Darüber, ob ein Aktienmarkt oder ein Aktienmarktsegment in 2018 positiv abschneiden, entscheidet somit die Frage, ob die entsprechenden Gewinne (bzw. Gewinnerwartungen) stärker steigen als die KGVs fallen. Da die Gewinne der US-Firmen derzeit besonders stark steigen, sind es eben vor allem Aktientitel aus den USA, die den restlichen Markt hinter sich lassen.

Neben den beiden Phänomenen spielen aktuell einige Sonderthemen eine wichtige Rolle. Gerade in einigen Schwellenländern herrscht derzeit eine angespannte Lage. In Argentinien sah sich die Notenbank in der zurückliegenden Woche gar zu einer Anhebung des Leitzinses auf 60 Prozent gezwungen, um dem Abwertungsdruck etwas entgegenzusetzen. Dabei ist in Argentinien eigentlich vieles auf dem richtigen Weg. Der IWF ist an Bord und die Regierung Macri tut einiges, damit die Wirtschaft im Land wieder auf die Beine kommt. Obwohl Argentinien somit eigentlich einen Schritt weiter ist als die Türkei, zeigt die Entwicklung der letzten Tage wie gering aktuell der Anlegerappetit auf EM-Krisenstaaten ist. Dabei verzerren idiosynkratrische Risiken wie jene in Argentinien und der Türkei die Märkte zusätzlich, da die Risikoprämien häufig für das gesamte EM-Segment steigen. Gleichzeitig offenbaren diese vereinzelten Krisen allerdings, welche Schwellenländer gut aufgestellt sind und welche nicht.

Was bedeutet das für Anleger? 

Bis dato gilt für die einzelnen Krisenherde in den Schwellenländern glücklicherweise das gleiche, was auch schon für den Anstieg der Volatilität im Februar oder den Ausverkauf italienischer Anleihen im Frühjahr gegolten hat: Keiner dieser Brandherde hat sich bislang zu einem systemischen Risiko aufgeschwungen.

Je länger die Makrounsicherheit allerdings anhält und somit zu schwierigeren Finanzierungsbedingungen beiträgt und je länger idiosynkratische Krisen wie die in Italien, der Türkei oder in Argentinien lodern, desto eher dürften sich Anleger in sichere Häfen an den Märkten flüchten. Obwohl wir bei BlackRock mit keinem globalen Wachstumseinbruch rechnen und auch kein Entstehen einer akuten systemischen Krise beobachten, erscheint es aus unserer Sicht ratsam, die Widerstandsfähigkeit von Portfolios sukzessive zu erhöhen. Ein stärkerer Fokus auf den Faktor „Quality“ bei Aktieninvestments gehört dabei ebenso zu den empfohlenen Strategien wie etwa die Reduzierung der Duration des Rentenportfolios.

Zudem sollte bei Schwellenlandinvestments stärker hingeschaut werden. Es gab Zeiten, wo nahezu alle Emerging-Markets-Regionen von einem allgemeinen Boom des Segments profitieren konnten. Diese Zeiten scheinen vorbei, sodass wir uns aktuell besser an dem Ratschlag von Aschenputtel orientieren sollten: Die Guten ins Töpfchen, die Schlechten ins Kröpfchen. Wobei wir denken/ glauben, dass gerade asiatische Aktien ohl eher im Töpfchen landen sollten, da sie nach dem aus unserer Sicht übertriebenen Kursrücksetzer der letzten Wochen potentiell attraktiver erscheinen.

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