Abkehr vom Mainstream

Man muss wirklich gute Fondsmanager finden, um ein stabiles Portfolio zu erreichen.

Michele de Michelis
Frame Asset Management

Die wichtigste Frage muss lauten: Welches Risiko sind die Kunden bereit zu übernehmen?

Jack Inglis
Verband der Verwalter Alternativer Anlagen

Unter vielen Vermögensverwaltern wächst das Unbehagen, ausschliesslich in gängige Anlageklassen zu investieren. «Ehrlich gesagt glaube ich, dass es im Moment wirklich gefährlich sein kann, nur in Aktien und Anleihen zu investieren», sagt Michele de Michelis von Frame Asset Management. «Wenn Anleger Staatsanleihen oder Unternehmensanleihen mit hohem Rating kaufen, müssen sie Zinsen an den Emittenten zahlen. Und um eine Rendite zu erzielen, sind sie gezwungen, Anleihen von minderer Qualität zu kaufen», fügt er hinzu. Zudem seien Aktien und Hochzinsanleihen positiv korreliert. Daher könne mit diesen beiden Anlageklassen keine echte Diversifikation erreicht werden. «Meiner Meinung nach sind dies die Hauptgründe für das steigende Interesse an alternativen Strategien, die eine grössere Diversifikation, eine geringere Volatilität und angemessene Renditen bieten können.»

Michele de Michelis glaubt, dass Anlagestrategien wie Fusionen und Übernahmen, Volatilitätsarbitrage, Long/Short-Anleihen oder Aktien diese Eigenschaften bieten. Er betont jedoch die Komplexität in diesen Bereichen: «Man muss wirklich gute Fondsmanager finden, um ein stabiles Portfolio zu erreichen.» Alternative Anlagen würden sehr spezifische Herausforderungen mit sich bringen, die Vermögensverwalter im Namen ihrer Kunden zwingend bewältigen müssten. Die jüngsten Probleme bei gewissen Mainstream-Fondsmanagern hätten das Thema Liquidität wieder ins Rampenlicht gerückt.

Liquidität und Illiquidität

«Innerhalb der sehr breiten Palette an verfügbaren Alternativen Anlagen ist das Wissen der Vermögensverwalter entscheidend», sagt Michele de Michelis. «Es geht um Themen wie das Verständnis des Liquiditätsprofils einer einzelnen alternativen Anlageklasse. Für mich sind alternative Anlagen anders gelagerte Renditequellen, die sich von börsenkotierten Aktien und handelbaren Anleihen abheben», so de Michelis. Er unterscheide in der Regel zwischen liquiden Alternativen Anlagen und illiquiden, da ihr jeweiliger Zweck unterschiedlich sei.

Für Michele de Michelis ist klar, dass die Unterschiede in den Liquiditätsprofilen im Verhältnis zu den erwarteten Renditen sowie der Risikotoleranz des Kunden berücksichtigt werden müssten. «Wenn Anleger in eine liquide Strategie – zum Beispiel UCITS1-Fonds – investieren, wissen sie, dass sie sich jederzeit aus dieser Anlage zurückziehen können.» Gleichzeitig sollte die Rendite aber auch mit anderen liquiden Anlagen verglichen werden. Will heissen: «Man darf hier keine zweistellige Performance erwarten.»

Am anderen Ende der Skala bedeuten Investitionen in langfristige, geschlossene Fonds wie Private Equity oder Fremdkapital, dass der Schwerpunkt auf die Illiquiditätsprämie gelegt wird. «Das ist der Preis, wenn man in diese Anlageklassen investiert: Man muss die geringere Liquidität akzeptieren, erhält aber die Aussicht auf eine höhere Performance», erklärt de Michelis.

Auch für Jack Inglis, CEO der Alternative Investment Managers Association, führt das derzeitige Marktumfeld dazu, dass viele Anleger die Allokationen –insbesondere das Aktienrisiko – innerhalb ihrer Portfolios neu bewerten. «In der Hausse, die ein Jahrzehnt lang nach der globalen Finanzkrise herrschte, konnten Anleger mit einem einfachen 60/40-Aktien/Anleihen-Portfolio grosse Gewinne erzielen. Dies ist nun nicht mehr möglich», sagt er.

Im aktuellen Umfeld sollten Anleger die Themen Diversifikation und Risikoallokation besonders im Auge behalten. «Die wichtigste Frage muss lauten: Welches Risiko sind die Kunden bereit zu übernehmen?» Derzeit sei das Risiko so hoch wie schon seit sehr langer Zeit nicht mehr. Das Timing der Märkte sei «ein Narrenspiel», findet Jack Inglis. «Es ist sinnvoll, Portfolios so zu strukturieren, dass sie in den kommenden Jahren bessere risikobereinigte Renditen liefern. Alternative Anlagen spielen dabei eine wichtige Rolle.»

Jack Inglis ist überzeugt, dass es gerade auch in der Welt der Alternativen Anlagen Risiken gibt und dass die jüngsten Skandale bei Long-Only-Fonds das Thema Liquidität wieder in den Fokus gerückt haben. Die Kunden würden sich darauf verlassen, dass Fondsmanager verschiedene alternative Anlageklassen auf ihre Tauglichkeit prüfen. Die meisten Hedge-Fonds hätten keine tägliche Liquidität – vierteljährlich sei eher die Branchennorm –, während liquide alternative Vehikel, die oft gemäss den UCITS1-Vorgaben strukturiert seien, tägliche Rückkäufe ermöglichen würden.

Ein wesentlicher Teil der Due Diligence bestehe darin, sicherzustellen, dass die Strukturen angemessen seien. «Es ist wichtig, dass diese mit dem Liquiditätsprofil der zugrunde liegenden Investitionen übereinstimmen. Hier kann ein Vermögensverwalter tatsächlich einen Mehrwert für die Kunden schaffen», sagt Jack Inglis. Er betont, dass in vielen Institutionen, in denen Hedge-Fonds zum Kerngeschäft gehören, der Liquiditätsanalyse einen hohen Stellenwert einräumt werde. «Viele alternative Manager legen ihren Fokus darauf. Sie haben ihren Kunden zugehört und verstanden, dass eine Liquiditätsanalyse unabdingbar ist – egal, um welche Art Anleger es sich handelt.»

1 Undertakings for the Collective Investment in Transferable Securities, übersetzt Organismus für gemeinsame Anlage in Wertpapieren (abgekürzt: OGAW). Eine EU-Regelung definiert, in welche Vermögensgegenstände und Finanzinstrumente eine Fondsgesellschaft investieren darf.