Wahl in Italien: ein Spiel der Koalitionen

Felix Herrmann
Felix Herrmann
Kapitalmarktstratege
Februar 2018

In Kürze:

  • Unser Basisszenario geht von einer Pattsituation im Parlament aus, die zu einer großen Koalition zwischen den großen Parteien der Mitte führt, obwohl auch ein überraschender Sieg der Populisten möglich erscheint Die politische Landschaft >
  • Die sich verbessernden italienischen Fundamentaldaten dürften das Risiko deutlicher Kursrückgänge bei Risikoanlagen aufgrund der politischen Entwicklungen begrenzen. Die italienische Wirtschaft in Zahlen >
  • Die Wahl findet vor dem Hintergrund einer sich verbessernden italienischen Konjunktur und einer kräftigen Wertentwicklung der Aktien über die letzten 12 Monate statt.

Die Wahl wird zwischen drei großen Blöcken ausgetragen:

  1. Mitte-Rechts: Eine Koalition von Parteien, der die Forza Italia (FI), die Lega Nord und die Fratelli d'Italia (Brüder Italiens) angehören und die vom früheren Premierminister Silvio Berlusconi für die Forza Italia und Matteo Salvini von der Lega Nord angeführt wird.
  2. Mitte-Links: Ihre Basis bildet die Partito Democratico oder PD (Demokratische Partei) mit ein paar kleineren Parteien, wobei die PD von Matteo Renzi angeführt wird.
  3. Unabhängige, gegen das Establishment gerichtete Bewegung: Die von Luigi di Maio angeführte Fünf-Sterne-Bewegung (Movimento 5 Stelle oder M5S), die sich anders als die übrigen Parteien positioniert hat und eine Koalition mit ihnen ablehnt.

Die Schwierigkeit für jede dieser Parteien ist ein neues, unerprobtes Wahlrecht, was bedeutet, dass die Wähler erstmals seit 2001 die Möglichkeit haben, nicht nur für eine Partei zu stimmen, sondern nach einem Mehrheitswahlsystem einen Kandidaten aus ihrem örtlichen Wahlkreis zu wählen (Politico, 15. Januar 2018). Ein Drittel der Sitze wird nach dem (uninominalen) Mehrheitswahlsystem vergeben und die verbleibenden Sitze werden nach einem vollen Verhältniswahlsystem verteilt. Theoretisch könnte ein Anteil von nur 40 % der Stimmen, abhängig vom Abschneiden der Kollegen in (uninominalen) Einerwahlkreisen ausreichen, damit eine einzelne Partei oder eine Koalition eine absolute Mehrheit im Parlament erringt.

Siehe den Ratgeber: Erläuterungen zur Wahl in Italien


Die politische Landschaft

Die Fünf-Sterne-Bewegung ist gegenwärtig die größte Partei in Italien, besonders nachdem gravierende interne Richtungskämpfe und Auseinandersetzungen mit der Absicht, zu einer klaren Botschaft zu kommen, zu einem freien Fall der PD bei den Meinungsumfragen führten.  Die Mitte-Rechts-Koalition liegt deutlich vor den beiden anderen Blöcken, was zu einem großen Teil auf die Beteiligung Berlusconis zurückzuführen ist, auch wenn er selbst aufgrund einer Verurteilung wegen Steuerhinterziehung im Jahr 2013 kein öffentliches Amt übernehmen kann. Obwohl sie einer Mehrheit wahrscheinlich näher sind als jede andere Koalition oder Partei, werden sie vermutlich kämpfen müssen, um im Süden genügend Stimmen zu erhalten, und so bleiben wir bei unserer Einschätzung, dass eine Pattsituation im Parlament, gefolgt von langwierigen Verhandlungen zwischen den politischen Parteien, das wahrscheinlichste Ergebnis sein wird.

Unser Basisszenario, das allerdings auf einer geringen Überzeugung beruht, geht davon aus, dass eine Pattsituation im Parlament am wahrscheinlichsten zu einer großen Koalition zwischen PD/Forza Italia und anderen Parteien der Mitte führen dürfte. Dabei besteht die Möglichkeit einer zweiten Wahl, wozu es aber in der Zweiten Republik bislang nie gekommen ist. Wir betrachten andere Ergebnisse, wie eine von allen Parteien unterstützte Regierung der nationalen Einheit oder ein gegen das Establishment gerichtetes Bündnis zwischen der Fünf-Sterne-Bewegung und der Lega Nord oder der PD als weniger wahrscheinlich.

Es ist allerdings zu beachten, dass die Meinungsumfragen wegen des neuen Systems und eines hohen Anteils unentschlossener Wähler weniger zuverlässig sein dürften als in der Vergangenheit. Welche Auswirkungen eine höhere Wahlbeteiligung hätte, ist unklar, obwohl dies alles in allem die etablierten Parteien begünstigen dürfte. Ein überraschendes Ergebnis zugunsten der populistischen Parteien könnte erneut Fragen zur Dauerhaftigkeit der Eurozone aufwerfen.


Politische Programme und Wahlversprechen

Alle Parteien geben Wahlversprechen ab, die etwas unrealistisch erscheinen, wie etwa ein universelles Grundeinkommen, ein Einheitssteuersatz für Haushalte und Unternehmen und die teilweise Rückgängigmachung von Arbeitsmarkt- und Rentenreformen. Auch wenn die Verwirklichung dieser Versprechen in ihrer derzeitigen Form unwahrscheinlich ist, deuten sie allerdings darauf hin, dass die Staatsausgaben und damit das Staatsdefizit steigen werden.

Obwohl die Lega Nord und die Forza Italia (FI) offenbar auf eine Unterstützerbasis abzielen, die mit den gegenwärtigen Einwanderungszahlen unzufrieden ist, scheint die Schlüsselfrage der Haltung gegenüber der EU, die Debatte „Pro“ gegen „Contra“ Europa, die anderen europäischen Wahlen der jüngsten Vergangenheit bestimmte, in dieser Wahlkampagne keine Rolle zu spielen. Erst im Januar erklärte sogar die gegen das Establishment gerichtete Fünf-Sterne-Bewegung, dass Pläne für ein Referendum zum Austritt aus der Eurozone als ein „letztes Mittel“ betrachtet würden (Bloomberg, 13. Februar 2018).

Die italienische Wirtschaft in Zahlen

Es sollte nicht vergessen werden, dass sich die italienische Wirtschaft anscheinend gut entwickelt, auch wenn sie der übrigen Eurozone hinterherhinkt. Diese Wahlen finden vor einem sich verbessernden wirtschaftlichen Hintergrund statt. Die Erholung der Konjunktur aus der schlimmsten Rezession seit dem Zweiten Weltkrieg hat Fahrt aufgenommen.

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Wachstum:Die Bank von Italien prognostizierte jüngst, dass die Wirtschaft in diesem Jahr um 1,5 % wachsen wird und dass das Wachstum für die nächsten zwei Jahre über 1 % bleiben dürfte, und zitierte dabei Zuwächse bei den Haushaltseinkommen und einen Rückgang der ungenutzten Kapazitäten der Unternehmen als Signale für einen höheren Konsum und höhere Investitionen.

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Staatsverschuldung: Die Staatsverschuldung hat sich bei rund 132 % des BIP stabilisiert (Bloomberg, 10. Februar 2018).

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Leistungsbilanz:Italien hat weiterhin einen deutlichen und stabilen Leistungsbilanzüberschuss von 2,8 % des BIP (Banca d‘Ialia, November 2017.

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Auslandsinvestitionen: Italiens Nettoposition bei internationalen Investitionen hat sich, obwohl sie noch immer negativ ist, von rund 35% des BIP im Jahr 2008 auf weniger als 10 % im 3. Quartal 2017 verbessert (Nationales Statistikinstitut, Italien (Istat), 18. Januar 2018).

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Verarbeitendes Gewerbe: Es gibt Belege für eine allgemeine Erholung, der Einkaufsmanagerindex für das verarbeitende Gewerbe erreichte mit 59 im Januar nahezu ein Sieben-Jahres-Hoch und hält sich seit einem kurzen Rückgang im August 2016 im Expansionsbereich (IHS Markit, Januar 2018).

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Bankensektor: Obwohl er noch immer mit notleidenden Krediten – Kredite, die um mehr als 90 Tagen überfällig sind – überlastet ist, sank die Zahl neuer notleidender Kredit im 3. Quartal 2017 auf 1,7 %, unter die Niveaus vor der Finanzkrise von 2006-2007. Der Bestand an notleidenden Krediten sank von rund 9,3 % der gesamten Darlehen Ende 2016 auf 8,4 % im Juni 2017. (Banca d‘Ialia, Istat und BlackRock Investment Institute, 18. Januar 2018.)

Was könnte dies für die Märkte bedeuten?

Die Märkte haben trotz der Unsicherheit über das Wahlergebnis und die mangelnde Klarheit, welche politischen Programme oder Veränderungen jedes Ergebnis mit sich bringen würde, wenig Reaktion auf das italienische politische Risiko gezeigt. Es könnte zu einem maßvollen Anstieg der Volatilität kommen, sobald der Wahltermin näher rückt, aber Ergebnisse, die ein Extremrisiko bedeuten würden, wie eine Regierung der äußersten Rechten, erscheinen unwahrscheinlich, da es gegenwärtig nicht so aussieht, dass eine der Parteien mit einem klaren Regierungsauftrag aus den Wahlen hervorgehen wird. Angesichts dieser Unsicherheit sehen wir eine geringere Wahrscheinlichkeit, dass es in jedem Fall zu einer fiskalpolitischen Straffung kommen wird, und auch die Möglichkeit einer teilweisen Rücknahme von Strukturreformen erscheint uns weniger wahrscheinlich.

Ungeachtet der verhaltenen geopolitischen Risiken sind wir insgesamt in europäischen Anleihen, bei Staatsanleihen wie bei Unternehmensanleihen, wegen der Zinspolitik und der Wertpapierkäufe der EZB untergewichtet. Obwohl wir bei den europäischen Aktien insgesamt eine neutrale Haltung haben, beschränkt der Umstand, dass sich die italienischen Fundamentaldaten in einem positiven Trend befinden, das Risiko deutlicher Kursrückgänge bei Risikoanlagen.  Trotz der Herabstufung auf neutral waren die Gewinne in Europa angesichts der Aufwertung des Euro im Laufe des Jahres 2017 noch immer stark. Ein Gewinnwachstum von 15 % im 4. Quartal 2017 und solide Aussichten für 2018 deuten auf einen stabilen Hintergrund für Aktien der Eurozone hin (BlackRock, mit Thomson Reuters Daten zum Stand vom 16. Februar 2018).

Italienische Aktien haben in den letzten 12 Monaten, wie unten dargestellt, unterstützt durch das über dem Trend liegende Wirtschaftswachstum der Region, sowohl gegenüber Aktien der Eurozone als auch gegenüber US-Aktien eine Outperformance erzielt. Derzeit werden italienische Aktien mit einem Bewertungsabschlag von 20 % gegenüber ihrem 5-Jahres-Durchschnitt gehandelt und sehen im Vergleich zu ihren historischen Werten nicht teuer aus (BlackRock, mit Daten von Bloomberg, 20. Februar 2018).

Alle Daten stammen von Bloomberg und entsprechen dem Stand von 14. Februar 2018. Die Performance wird in der Basiswährung jedes Index ausgedrückt und ist als Gesamtrendite bei Wiederanlage der Erträge angegeben. Die Grafik zeigt die Performance über die letzten 12 Monate, umbasiert auf 100 zum 14. Februar 2017.  Die Tabelle zeigt einzelne Jahresrenditen über einen Zeitraum von 5 Jahren.  Die Indexperformance dient nur der Veranschaulichung und berücksichtigt keine Verwaltungsgebühren, Transaktionskosten oder sonstige Gebühren. Die Wertentwicklung in der Vergangenheit ist kein zuverlässiger Indikator für die aktuelle oder zukünftige Wertentwicklung und sollte nicht das einzige Kriterium für die Auswahl einer Anlage darstellen.

Falls sich unser Basisszenario, eine Pattsituation im Parlament, verwirklicht, wird die Reaktion des Marktes wahrscheinlich vom Abschneiden der etablierten Parteien im Vergleich zu den gegen das Establishment gerichteten Parteien abhängen. Ein gutes Wahlergebnis für die gegen das Establishment gerichteten Kräfte könnte Risikoanlagen beeinträchtigen. Die Auswirkungen dürften jedoch begrenzt sein, da wir zum Zeitpunkt der Abfassung dieses Beitrags der Auffassung sind, dass das wahrscheinlichste Ergebnis von Koalitionsverhandlungen eine große Koalition zwischen PD und FI mit ausdrücklicher Unterstützung oder Duldung durch die kleinen Parteien sein wird.

Gewisse Unsicherheit?

Das Fazit: Die Märkte sind mit politischer Unsicherheit in der Eurozone vertraut, aber die Tatsache, dass die wirtschaftlichen Fundamentaldaten einem aufsteigenden Trend folgen, dürfte helfen, Verlustrisiken für Italien zu begrenzen.

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Diese Werbemitteilung dient rein zu Informationszwecken und stellt keine Anlageempfehlung und kein Angebot zum Kauf von Anteilen an Fonds der BlackRock Gruppe dar. Diese Mitteilung unterliegt nicht den gesetzlichen Anforderungen zur Gewährleistung der Unvoreingenommenheit von Finanzanalysen. Das Verbot des Handels vor der Veröffentlichung von Finanzanalysen gilt daher nicht.

Eine Finanzanlage ist typischerweise mit gewissen Risiken verbunden. Der Wert einer Anlage sowie das hieraus bezogene Einkommen können Schwankungen unterliegen und sind nicht garantiert. Es besteht die Möglichkeit, dass der Anleger nicht die gesamte investierte Summe zurückerhält. Wertentwicklungen der Vergangenheit sind kein Indikator für zukünftige Wertentwicklungen. Eine mögliche Kaufentscheidung darf ausschließlich auf Basis der Informationen getroffen werden, die der aktuelle Verkaufsprospekt, die vereinfachten Prospekte und/oder wesentlichen Anlegerinformationen, der Jahres- und Halbjahresbericht zur Verfügung stellen. Die Dokumente in deutscher Sprache zu den einzelnen Fonds finden Sie unter den angegebenen Links und hier.