The future of (sustainable) finance in Switzerland

Nachhaltigkeit bietet dem Finanzplatz Schweiz Wachstumspotenzial

Panel mit

Daniela Stoffel, Staatssekretärin für internationale Finanzfragen (SIF)
Urs Rohner, Verwaltungsratspräsident Credit Suisse
moderiert von
Mirjam Staub-Bisang, Länderchefin BlackRock Schweiz

„Wir setzen uns für die Zukunft von Sustainable Finance am Finanzplatz Schweiz ein.“ Mit diesen Worten eröffnete Mirjam Staub-Bisang, Länderchefin Schweiz und Senior Advisor für nachhaltige Investments bei BlackRock, den virtuellen Summit mit dem Titel The tectonic shift – The future of (sustainable) finance in Switzerland. Das anspruchsvolle Vorhaben, das sich hinter diesem Titel verbirgt, wurde mit hochkarätigen Gästen aus Regierung und Privatwirtschaft diskutiert. Gemeinsam mit der Staatssekretärin für Internationale Finanzfragen im Eidgenössischen Finanzdepartement der Schweiz, Daniela Stoffel, und Urs Rohner, Präsident des Verwaltungsrats bei Credit Suisse, ging Mirjam Staub-Bisang den Fragen nach, wo die Schweiz heute beim Thema Sustainable Finance steht und ob beziehungsweise wie der hiesige Finanzplatz weiterhin eine führende Rolle auf diesem Gebiet einnehmen kann.

Der Staat schafft die Rahmenbedingungen

Der Staat spiele eine entscheidende Rolle bei der Transformation hin zu einem nachhaltigen Finanz- und Wirtschaftssystem, darin waren sich Daniela Stoffel und Urs Rohner einig. „Die Regierung sieht zukünftig keinen Widerspruch mehr zwischen nachhaltigem Wachstum und Wettbewerbsfähigkeit“, sagte Daniela Stoffel in ihrer Einführungsrede. In ihrem jüngst veröffentlichten Bericht zum Thema Sustainable Finance habe die Regierung zwei Ziele definiert: 1. Die Wettbewerbsfähigkeit des Finanzplatzes Schweiz gewährleisten; 2. Einen effektiven Beitrag zur Nachhaltigkeit leisten.

Die Aufgabe der Schweizer Regierung sei es aber nicht, Finanzströme zu lenken, sondern die richtigen Rahmenbedingungen für nachhaltiges Handeln zu schaffen, erklärte Daniela Stoffel. Als wichtige Massnahmen, die die Schweizer Regierung hierfür identifiziert hat, nannte sie:

  • Rechtssicherheit schaffen
  • Transparenz erhöhen
  • korrekte und umfassende Betrachtung von Risiken
  • internationale Entwicklungen wie die EU-Taxonomie beobachten
  • Entscheidungsträger und Mitarbeiter schulen und beraten
  • Standards für Nachhaltigkeit prüfen
  • die Rolle nachhaltiger Fintechs stärken

„Der wichtigste Markttreiber für ein nachhaltiges Finanzsystem sind die richtigen politischen und regulatorischen Rahmenbedingungen“, bekräftigte Urs Rohner die Notwendigkeit einer angemessenen und zuverlässigen Regulatorik. Als Positivbeispiel nannte er das überarbeitete CO2-Gesetz. Dies trage dazu bei, Finanzströme mit dem Pariser Klimaabkommen in Einklang zu bringen, da Akteure wie die Finanzmarktaufsicht Finma dadurch explizit aufgefordert würden, klimabezogene Finanzrisiken zu überprüfen. Gerade dies führt aus Rohners Sicht letztlich dazu, dass sich die Privatwirtschaft anpassen muss.

Das Zusammenspiel von Privatwirtschaft und Staat führte Daniela Stoffel in ihrem Kurzvortrag weiter aus. Der Staat werde nur direkt in die freie Marktwirtschaft eingreifen, sollte diese versagen. Konkret bedeute dies, wenn die Finanzmarktakteure nicht in der Lage oder nicht gewillt seien, selbst zu handeln.

Nachhaltigkeit ist ein strategisches Banken-Thema

„Der Erfolg der Schweiz beim Thema Sustainable Finance ist letztlich auch von den Anstrengungen und dem Engagement der Finanzakteure selbst abhängig“, erklärte Rohner von Credit Suisse. Sein Urteil diesbezüglich fiel positiv aus: Die Industrie sei gut vorbereitet und werde ihre Rolle übernehmen. Das Thema Nachhaltigkeit habe eine strategische Rolle im hiesigen Finanzbereich eingenommen, mit der sich auch der Dachverband der Banken in der Schweiz – die Schweizerische Bankiervereinigung – auseinandersetze. „Es soll sichergestellt werden, dass auch die Industrie massgeblich dazu beiträgt, den Finanzplatz Schweiz im Bereich Sustainable Finance gut aufzustellen“, sagte er.

Rohner forderte einen besseren Zugang zu Daten über den Zusammenhang zwischen den Risiken und der Nachhaltigkeitsbewertung eines Investments. Jüngste Studien hätten gezeigt, dass eine Risikodifferenzierung zwischen nachhaltigen und nicht-nachhaltigen Investments nicht zwangsläufig gegeben sei. Rohner sieht einen Grund hierfür darin, dass es noch keine ausreichend guten Klassifizierungssysteme oder Taxonomien für nachhaltige Investments gibt.

Kunden brauchen Unterstützung beim Wandel

Rohner gab sich realistisch: Banken finanzierten im Moment sehr wohl auch nicht nachhaltige Geschäftsmodelle. Für ihn besteht eine wesentliche Aufgabe von Finanzinstituten gerade darin, die Kunden beim Wandel ihrer Geschäftsmodelle zu mehr Nachhaltigkeit zu unterstützen. Um die Transition von Unternehmen aus „braunen Industrien“ erfolgreich zu meistern, brauche es einen realistischen Übergangsplan, der u. a. durch Transition Bonds umgesetzt werden könne, sowie eindeutige Nachhaltigkeitsstandards als Wegweiser. Banken müssen laut Rohner bei ihren Finanzierungen zudem auf ihre „Glaubwürdigkeit“ achten.

Stoffel ergänzte diesen Punkt. Es müsse klar sein, dass es auch in Zukunft Konflikte in Bezug auf Nachhaltigkeitsziele geben werde. Als Beispiel führte sie u. a. Unternehmen an, die nachhaltigen Wohnraum für tausende Menschen bereitstellen, aber eine schlechte Ökobilanz haben. Auch müsse sich das Finanzsystem mit Transitions- und Adaptationsfinanzierung auseinandersetzen. Im letzteren Fall sind z. B. Investitionen im Bereich der technischen Lösungen bei Verfehlung der Klimaziele gemeint, etwa im Umgang mit steigenden Meeresspiegeln.

In Bezug auf den EU-Aktionsplan zur Finanzierung nachhaltigen Wachstums erklärte der Verwaltungsratspräsident von Credit Suisse, dieser sei nicht bindend für sein Institut. Dennoch habe die Bank bereits jetzt einige Massnahmen aus dem Dokument umgesetzt, da eine enge Zusammenarbeit mit Unternehmen und Institutionen in der EU bestehe. Als Beispiele für die Anpassungen nannte Rohner u. a. die internen Governance-Prozesse, die Etablierung eines ESG-Management Komitees und den Einsatz von Arbeitsgruppen für verschiedene ESG-Themen.

Eine ganzheitliche Betrachtung ist notwendig

Der Markt versage derzeit dabei, die Kosten von Nachhaltigkeit beziehungsweise die Kosten von nicht-nachhaltigem Handeln richtig zu bepreisen, erklärte Daniela Stoffel. Aber gerade diese Kosten müssten internalisiert werden, um nachhaltiges Handeln zu fördern. Dies sei keine einfache Aufgabe. Denn Nachhaltigkeit umfasse nicht nur das E (ecological), also die ökologische Komponente, wie Mirjam Staub-Bisang sagte. Dazu gehörten auch das S (social) und das G (governance), sprich soziale Aspekte und gute Unternehmensführung. Während lange Zeit der Klimawandel die Debatten bestimmt habe, seien angesichts der Corona-Krise vor allem soziale Faktoren in den Vordergrund gerückt. BlackRock habe in Studien herausgefunden, dass Unternehmen, die einen starken Fokus auf soziale Kriterien legten (wie z.B. nachhaltige Lieferketten, gute Kundenbeziehungen sowie eine mitarbeiterfreundliche Unternehmenskultur), die Corona-Krise besser meistern konnten.

Stoffel führte aus, dass bei klimabezogenen Aspekten bereits seit Jahrzehnten der Frage nachgegangen werde, wie die Folgen von CO2-Emissionen eingepreist werden könnten. Damit liege heute eine gute Datenbasis vor. Die angemessenen Kosten für Soziales und gute Unternehmensführung zu internalisieren, sei weitaus komplizierter. Die Staatssekretärin betonte, dass klimawandelbezogene Themen natürlich zeitkritisch seien, dennoch müsse Nachhaltigkeit unbedingt ganzheitlich betrachtet werden. „Nachhaltiges Wachstum ist die einzige Möglichkeit, wie in Zukunft überhaupt noch Wachstum stattfinden kann“, sagte Daniela Stoffel auch in Bezug auf die Zeit nach der Corona-Krise.

Die Umsetzung muss im Einklang mit anderen Märkten stehen

„Ein wettbewerbsfähiger Finanzplatz Schweiz ist ein nachhaltiger Finanzplatz und vice versa“, sagte Urs Rohner. Einer der wichtigsten Faktoren für die Schweiz, um beim Thema Sustainable Finance Vorreiter zu sein, sei der Zugang zu anderen Märkten. Entscheidend dafür seien die Rahmenverträge mit der EU sowie gute Beziehungen mit Grossbritannien nach dem Brexit. Rohners Ansicht nach gilt es, eine regulatorische Fragmentierung zu vermeiden. Es sei wichtig, die Schweizer Regulatorik an der internationalen Entwicklung, und vor allem der EU-Regulatorik auszurichten.

Auch Staatssekretärin Stoffel betonte die Notwendigkeit, internationale Entwicklungen eng zu verfolgen: „Regulatorische Fragmentierung ist keine Option“. Ein einfach umsetzbarer und gleichzeitig qualitativ überzeugender Standard, der den Entwicklungen auf internationaler Ebene und der EU Rechnung trägt, ist Voraussetzung für die Wettbewerbsfähigkeit des Schweizer Finanzplatzes. Um Nachhaltigkeit über Landesgrenzen hinweg voran zu bringen, müsse der bilaterale Austausch zwischen der EU und der Schweiz zu diesem Thema möglich sein. Die Staatssekretärin sieht zudem auch gute bilaterale Beziehung zu Grossbritannien in diesem Bereich als wichtig an.

Bei der Antwort auf die Frage von Mirjam Staub-Bisang, ob der Finanzplatz Schweiz wirklich ein Hub, also ein Drehkreuz, für Sustainable Finance werden könne, sind Rohner und Stoffel einer Meinung: Ja. Stoffel betonte, die Schweiz habe die dafür benötigte Exzellenz. „Die EU hat natürlich einen grossen Markt, dennoch spielt die Schweiz aufgrund der herausragenden Qualität ihrer Produkte eine entscheidende Rolle.“ Rohner ergänzte: „Wir haben die Kunden, das Know-how und mehr Erfahrung, als viele Menschen denken.“

Spezialisten und digitaler Fortschritt sind notwendig

Auch in puncto Talente fördern und anwerben waren die beiden Diskussionsteilnehmer der gleichen Auffassung. Die Schweiz sei auf Fachkräfte angewiesen. „Bei jeder Diskussion über die Stabilisierung der Wirtschaft, an der ich in den vergangenen Wochen teilgenommen habe, war die Ausbildung und Rekrutierung von Spezialisten und Fachkräften unter den Top-Drei Agendapunkten“, sagte Stoffel. Rohner fügte hinzu, es gehe nicht nur darum, Experten auszubilden. Diese müssten anschließend auch attraktive Angebote in der Schweiz erhalten.

Digitalisierung müsse dafür eingesetzt werden, Nachhaltigkeit zu fördern, forderte Daniela Stoffel. Auch Urs Rohner kam zu dem Schluss, dass Digitalisierung eine wichtige Rolle dabei spiele, um sich als Finanzplatz gegen die weltweite Konkurrenz durchzusetzen.