FÜR QUALIFIZIERTE ANLEGER

Das Schweigen von Jackson Hole

14-Aug-2017
By BlackRock

Warum die Zurückhaltung beim Treffen der Zentralbanker bei Anleiheanlagen für mehr Flexibilität spricht.

Ende August stand ein sonst eher beschauliches Städtchen in den Rocky Mountains im Blickpunkt von Anlegern aus aller Welt. Einmal im Jahr treffen sich hier die Chefs der wichtigsten Zentralbanken. Und was etwa Janet Yellen von der US-amerikanischen FED und Mario Draghi von der Europäischen Zentralbank (EZB) zu sagen haben, hat Gewicht – und oft direkte Auswirkungen gerade für Anleger, die in Anleihen investieren.

Denn der Kurs, zu dem eine Anleihe gehandelt wird, hängt unmittelbar mit den Kapitalmarktzinsen zusammen. Und die werden maßgeblich von den Entscheidungen der Zentralbanken beeinflusst. Wesentliches Instrument ist hier die Anhebung (oder Senkung) der Leitzinsen. So können die Zentralbanken das Marktzinsniveau zu heben oder senken versuchen.

Grundsätzlich besteht dabei der für Anleiheanleger wichtige Zusammenhang: Ein steigendes Zinsniveau bedeutet fallende Kurse bei Anleihen, die bereits im Umlauf sind. Denn wenn das Zinsniveau steigt, werden neue Anleihen mit höheren Kupons (Zinsen) ausgestattet sein als die alten. Diese sind dann weniger gefragt, ihre Kurse fallen. Das beredte Schweigen über den künftigen Kurs der Zentralbanken lässt somit Raum für Interpretationen.

Dabei ist die Ausgangssituation für Anleiheinvestoren alles andere als einfach. Durch die schon lange anhaltende Zentralbankpolitik der niedrigen Zinsen sind viele Anleihen, die heute am Markt sind, mit sehr niedrigen Kupons ausgestattet. Auch nur geringe Kursverluste können daher von den mageren Zinserträgen kaum ausgeglichen werden. Zusätzlich ist das Risiko von Kursverlusten an den Anleihemärkten in den letzten Jahren eher gestiegen. Denn als „unkonventionelle Maßnahmen“ haben die Zentralbanken (zuerst die FED, aktuell noch die EZB) im großen Stil Anleihen gekauft und so die Kurse unterstützt. Sinkt diese Unterstützung – wie das bei einer Einschränkung oder Beendigung des Kaufprogramms der Fall wäre –, geraten die Anleihekurse weiter unter Druck. Magere Zinskupons sind also angesichts der möglichen Ursachen für Kursverluste ein ernstes Problem.

Die früher über lange Jahre bewährte Methode, auf Anleihen mit längeren Laufzeiten auszuweichen, weil diese wegen der längeren Bindung höhere Zinsen zusagen, ist heute gleichzeitig mit besonderen Risiken behaftet. Denn längere Laufzeiten gehen in aller Regel mit einer höheren Duration der Anleihe einher. Diese Maßzahl steht für die Zinssensitivität einer Anleihe – also dafür, wie stark ihr Kurs von Änderung des Marktzinsniveaus abhängt. Der Kurs länger laufender Anleihen wird stärker von Änderungen des Zinsniveaus beeinflusst. Einfach auf längere Laufzeiten auszuweichen, bietet also keinen Ausweg aus dem Dilemma.

Für Anleiheinvestoren ist daher Flexibilität das Gebot der Zeit. Dabei sollte man die Vor- und Nachteile einzelner Anleiheklassen gegeneinander abwägen. So können mögliche höhere Kupons von Unternehmensanleihen unter Umständen einen besseren Ausgleich bei möglichen künftigen Kursverlusten bieten als Staatsanleihen. Und auch bei der Steuerung der Duration des eigenen Anleiheportfolios sollten Anleger flexibel vorgehen – um in Zeiten, da man in Jackson Hole schweigt, auf alle Möglichkeiten vorbereitet zu sein.