Die EZB als Partyschreck, jetzt hängt alles an der Fed

Selten ist etwas so einfach wie es aussieht. Dies mußten Investoren verschiedener Anlageklassen am letzten Donnerstag erfahren, als die EZB mit ihren Entscheidungen die Finanzmärkte auf dem falschen Fuß erwischte. Dabei sah alles so einfach aus: Die Geldpolitiken der großen Zentralbanken, Fed und EZB, würden im Dezember erstmals seit über 20 Jahren in unterschiedliche Richtungen gehen, mit der Folge eines weiter abwertenden Euro, sinkender Zinsen und steigender Aktienkurse.

So einfach, so gut. Das Problem war nur, daß die Märkte sich gerade in den letzten Tagen vor der EZB-Entscheidung auf ein extremes Maßnahmenpaket von Mario Draghi eingestellt hatten, mit Ausweitung der monatlichen Anleihenkäufe um bis zu 15 Mrd. Euro und einer aggressiven Senkung des Einlagenzinses. Die EZB ihrerseits tat wenig, diese Erwartungen einzubremsen, und so kam, was kommen mußte. Was die EZB bekanntgab, ist eine durchaus substanzielle Ausweitung ihres Anleihenkaufprogrammes, und dennoch waren die Märkte, die noch mehr erwartet hatten, bitter enttäuscht. Zinstitel und Aktien verbuchten heftige Verluste, der Euro/Dollar-Wechselkurs verzeichnete den stärksten Tagesgewinn seit über einem halben Jahr.

Denkbar, daß die EZB sich in letzter Zeit von den Märkten in die Ecke gedrängt gefühlt hat und nun zum Befreiungsschlag ausholte. Zum Teil hat die Bank zu diesen überbordenden Erwartungen beigetragen, indem sie bisher immer positiv überrascht, d.h. noch aggressiver als von den Märkten erwartet agiert hatte. Nur war diesmal der Punkt gekommen, wo die EZB, um die Märkte erneut positiv zu überraschen, nahezu ihr gesamtes Arsenal an geldpolitischen Instrumenten hätte verfeuern müssen. Dies hätte sie einerseits zukünftiger Spielräume beraubt und zweitens nicht recht zu den relativ wohlwollenden volkswirtschaftlichen Prognose der EZB-Volkswirte gepaßt. Draghi entschloss sich also, aus der Not eine Tugend zu machen und dieses Mal die Märkte auflaufen zu lassen. Mal abgesehen davon, daß wir die beschlossenen Maßnahmen für angemessen halten (und damit die von den Märkten erhofften Entscheidungen exzessiv gefunden hätten), gewinnt die EZB auf diese Art auch ein Stück ihrer Handlungshoheit zurück.

Was bedeutet das für Anleger?

Werden die Märkte nun bis Jahresende die Verluste wieder aufholen? Zu einem Großteil ruhen die Hoffnungen auf der Fed. Spätestens nach den erneut überzeugenden Arbeitsmarktzahlen vom letzten Freitag dürfte die amerikanische Zentralbank am 16. Dezember den lang erwarteten Zinsschritt bekanntgeben. Ein Teil der Verluste bei europäischen Aktien dürfte sich somit relativieren, wenn daraufhin der Euro wie erwartet abwertet. Bis dahin hat über die laufende Woche der Markt Zeit, die EZB-Maßnahmen vollends zu verstehen und angemessen zu preisen. Sehr gut möglich, daß wir am Ende des Dezembergewitters der Zentralbanken wieder da stehen, wo wir in den Dezember gestartet sind. Für Risikoaktiva hieße dies, daß der Sturm fürs erste vorbei ist. Für Zinsmärkte aber gehen die unruhigen Zeiten gerade erst los.