Weg frei zum Jahresendspurt?

Der Abschuß eines russischen Militärjets letzte Woche hat uns einmal mehr vor Augen geführt, wie unberechenbar die geopolitische Lage und damit auch die Stimmung an den Finanzmärkten derzeit ist. Ereignisse, die buchstäblich vom Himmel fallen, verändern von einem Moment zum nächsten die Parameter, welche für die Bildung von Marktpreisen bestimmend sind. Im Fall des Flugzeugabschusses hat diese Unberechenbarkeit mehrere Dimensionen. Die eine ist eher generelle Verunsicherung, die von der fortschreitenden Destabilisierung des Mittleren Ostens für die Weltwirtschaft ausgeht. In einem Klima permanenter Eskalationsgefahr sind Unternehmen weniger risikobereit, leiden Welthandel und Tourismus. Die andere Dimension ist der Ölpreis, denn der Syrienkonflikt läßt sich ohne große gedankliche Verrenkungen als Stellvertreterkrieg zweier bedeutender Ölförderer – Saudi-Arabien und Iran – deuten, in dem außerdem noch zwei weitere Ölgiganten, nämlich die USA und Rußland, eine mächtige Rolle spielen.

Vom weiteren Ausgang dieses Konflikts, gleichzeitig Fokus jeder denkbaren Lösung der gegenwärtigen Flüchtlings- und Terrorismuskrise, hängt deshalb die Entwicklung verschiedener Assetklassen auch im Jahr 2016 ab. Während sich hierbei das Risiko von Terror und militärischen Scharmützeln nur diffus als erhöhte Unsicherheit für schwankungsanfällige Anlagen prognostizieren läßt, eröffnen sich für den Ölpreis eher berechenbare Szenarien. Gelingt es Iran, wie angekündigt auf Sicht von sechs Monaten täglich eine Million Barrel mehr Öl auf den Weltmarkt zu bringen? Schon heute ist das globale Angebot bis zu drei Millionen Barrel höher als die Nachfrage, so daß eine Ausweitung die Preise noch weiter in den Keller bringen müßte. Entsprechend prognostizieren namhafte Investmentbanken Preise von bis zu 20 US-Dollar pro Barrel.

Die Reaktion der Aktienmärkte auf den Flugzeugabschuß vor einer Woche war indes heftig, aber von kurzer Dauer. Der DAX brach nach Veröffentlichung der Nachricht um knapp 2% ein, erholte sich aber im weiteren Tagesverlauf auf ein Minus von 1,5% und legte an den Folgetagen wieder zu. Selbst die Aussicht auf einen säbelrasselnden Konflikt zweier Potentaten scheint momentan nicht ausreichend, um den Investoren die Vorfreude auf eine Jahresendrally zu vermiesen. Am Ende der Woche stand beim DAX ein Plus von 1,6%. Der positive Grundton an den Finanzmärkten ist vor dem Hintergrund von Wachstumssorgen in China und Zeichen industrieller Abkühlung in den USA bemerkenswert. Es unterstützt aber unsere Einschätzung eines positiven Marktumfeldes für europäische Aktien, was letzte Woche auch durch starke Zahlen bei Euro-Einkaufsmanagerindizes und Ifo-Index bestätigt wurde.

Was bedeutet das für Anleger?

Zu allen diesen Themenkreisen liefert auch diese Woche wieder Information, unter anderem in Form der Einkaufsmanagerindizes für China und die USA. Für die Eurozone werden am Mittwoch die Inflationszahlen für November bekanntgegeben. Es spricht wenig dafür, dass sie die EZB von dem am stärksten beachteten Ereignis dieser Woche, nämlich einer weiteren Lockerung der europäischen Geldpolitik am Donnerstag, abhalten werden. Wir rechnen mit einer Senkung des Einlagezinses um 10 Basispunkte und einer Ausweitung des Anleihenkaufprogramms um sechs Monate. Falls die amerikanische Fed dann, wie wir erwarten, am 16. Dezember das Zielband für den Leitzins um 25 Basispunkte nach oben schieben sollte, würde dies in der Tat die erste Divergenz zwischen amerikanischer und europäischer Zentralbankpolitik bedeuten, seit die Bundesbank am 13. Mai 1994 den Diskontsatz senkte (damals auf heute unglaublich erscheinende 4,50%).

Obwohl Renten- und Währungsmärkte diese Auseinanderentwicklung der Geldpolitiken diesseits und jenseits des Atlantiks seit über anderthalb Jahren zunehmend einpreisen, dürfte der Euro gegenüber den US-Dollar weiter nachgeben, Aktien und Bund-Future gewinnen. Die EZB würde somit tatsächlich das ihre tun für ein mehr als versöhnliches Jahresende.