Mario Draghi hat es wieder mal geschafft, die Kapitalmärkte zu beeindrucken. Nachdem der EZB-Präsident jüngst angedeutet hatte, daß mit der bisherigen Dimensionierung des Anleihenkaufprogrammes noch nicht das Ende der Fahnenstange erreicht sein müsse, hingen Markttteilnehmer am Donnerstagnachmittag wieder wie gebannt an seinen Lippen. Kaum war Draghis Botschaft übermittelt, wurde sie vom Markt einhellig positiv aufgenommen. Noch während er sprach, legten Aktienmärkte sprunghaft zu, verlor der Euro gegenüber dem Dollar rund einen Cent und stieg der Bund-Future um fast 100 Basispunkte. Wie hatte der EZB-Präsident das nur mit wenigen Worten hinbekommen?

Die EZB, so kündigte Draghi an, wird ihr Anleihenkaufprogramm ausweiten, sofern sich die neuen Wachstums- und Inflationsschätzungen ihrer Volkswirte, die am 3. Dezember vorgelegt werden, deutlich verschlechtern sollten. Vermutlich wird Draghi für diesen Fall eine Kombination aus zwei Maßnahmen ankündigen, nämlich eine längere Laufzeit der Anleihenkäufe (also über September 2016 hinaus) und einen niedrigeren Einlagenzins. Per saldo wäre dies für Aktien aus mehreren Gründen positiv: Erstens wird noch mehr Liquidität, die nach Anlagemöglichkeiten suchen wird, in den Bankensektor gepreßt. Zweitens senkt ein niedrigerer Einlagenzins die Anleiherenditen, macht also Aktien relativ attraktiver. Und drittens schwächt die Zinssenkung den Wechselkurs, mit dem Ergebnis besserer preislicher Wettbewerbsfähigkeit europäischer Exporte – und damit höherer Unternehmensgewinne. Nur zu verständlich also, daß die Aktienmärkte die Äußerungen von Mario Draghi feierten.

Aber auch im größeren Zusammenhang paßte die neuerliche Euphorie um die EZB-Politik gut in die vergangene Woche. So hatten die Finanzmärkte zum Einstieg am Montag erst einmal die Wachstumsabschwächung in China zu verdauen. Die Kurse entwickelten sich in den Folgetagen eher seitwärts, signifikante Zugewinne blieben ebenso aus wie nennenswerte Abschläge. Erst am Donnerstag kam mit den oben besprochenen Ankündigungen der EZB Bewegung in die Märkte. Da paßt es ins Bild, daß am Freitagnachmittag die People's Bank of China den Leitzins von 4,60 auf 4,35% senkte und im gleichen Zuge den Mindestreservesatz von 18,0 auf 17,5% (für ausgesuchte Institute sogar auf 17,0%) zurücknahm. Willkommen zurück in der Welt, in der das Wohl und Wehe der Finanzmärkte nicht an Wachstum und Gewinnen, sondern am Instrumentenkasten der großen Zentralbanken hängt.

Was bedeuet das für Anleger?

Für Investoren bedeutet die neue Gemengelage, daß das Glas nun wieder eher halb voll als halb leer ist. Eine doch nicht ganz so schlechte Berichtssaison auf der Unternehmensseite, halbwegs konstruktive Wachstumsdaten aus den großen Volkswirtschaften und weiterhin expansive Signale der großen Zentralbanken bilden einen Hintergrund, der für Risiko-Assets Zugewinne verspricht. Störend könnte dabei nur wirken, daß in einem derartigen Umfeld gute Nachrichten oft negativ interpretiert werden. Es könnte also durchaus sein, daß etwa ein starker Wert des Ifo-Index, den das Münchener Institut am Montag bekannt geben wird, vom Markt als „bad news“ interpretiert werden könnte. Das Ausmaß, in dem sich diese Wahrnehmung seit der ausgebliebenen Fed-Zinserhöhung im September gedreht hat und wie sehr seitdem wieder auf Hilfe seitens der Zentralbank gesetzt wird, versinnbildlicht die Orientierungslosigkeit vieler Investoren im Hinblick auf fundamentale Makrodaten. Ist das Glas wirklich halb voll? Wer weiß.

In diesem Umfeld ist es sinnvoll, opportunistisch zu investieren und die Risiken gut zu managen. Letztere lauern vor allem in Form unerwarteter Aktionen der Zentralbanken. Die Fed dürfte am Mitwoch wohl weiter die Füße stillhalten. Aber wird die EZB Anfang Dezember wirklich die gestern angedeutete Lockerung liefern? Bis hier Sicherheit eingepreist ist, dürften Risko-Assets ihre Aufholung noch ein gutes Stück fortsetzen.