Zentralbanken machen den Weg frei

Letzte Woche durften wir einmal mehr bewundern, was generell in diesem Jahr zu gelten scheint: Die Finanzmärkte gehen mit Politikrisiken, die unerwartete und aus Marktsicht durchaus negative Ergebnisse hervorbringen, geradezu tiefenentspannt um. Dies war im Juni beim Brexit so und im November bei der US-Präsidentschaftswahl, nun folgte im Dezember die Marktreaktion auf das Italien-Referendum. Obwohl Premierminister Matteo Renzi die Abstimmung mit rund 41%:59% deutlicher verlor als von vielen erwartet und damit nun eine Phase politischer Unsicherheit, mit Sicherheit aber eine markante Pause in Italiens Reformprozess droht, sind die Märkte kurz nach dem Ereignis zur Tagesordnung übergegangen. Dazu kam, daß sich die Aussichten für den sehr kritisch beäugten italienischen Bankensektor aufzuhellen schienen, wenn der offensichtlichste Problemfall, Monte die Paschi, vielleicht für seine dringend notwendige Rekapitalisierung mehr Zeit erhält und sich die europäischen Regulierer eventuell sogar entgegenkommend bei einer Unterstützung seitens des italienischen Staates zeigen. Entsprechend trugen die vorher böse gebeutelten Bankaktien erheblich zum Anstieg der Kursbarometer bei.

Auch die EZB-Zinsentscheidung darf man getrost in die Reihe der positiven Überraschungen einsortieren. Anders als von uns und den allermeisten anderen Marktteilnehmern erwartet weitete die Zentralbank ihr Anleihekaufprogramm nicht um sechs Monate bei unverändertem Volumen aus, sondern kündigte an, die monatlichen Ankäufe von gegenwärtig 80 Milliarden auf 60 Milliarden ab April 2017 zu reduzieren, dafür das Programm aber bis Ende des nächsten Jahres laufen zu lassen, es mithin also um neun statt sechs Monate zu verlängern. Und da Mario Draghi in der Pressekonferenz auch noch klarstellte, daß im Fall unerwünschter Marktentwicklungen das Volumen jederzeit wieder auf 80 Milliarden hochgefahren werden könnte, las der Markt nach anfänglicher Verwirrung die Entscheidung als expansives, also marktfreundliches Signal. Das ist insofern bemerkenswert, als es der EZB damit gelungen ist, eine erste, sehr sanfte Version von „tapering“, also der graduellen Reduktion der monatlichen Anleihekäufe zu etablieren, und zwar ohne daß dies zu einer negativen Marktreaktion geführt hat. Dazu, daß nach einem Moment des Innehaltens auch die Zins- und Währungsmärkte ins Positive drehten, trug wohl auch die Tatsache bei, daß die nun angekündigte Verlängerung des Programms mit 540 Milliarden Euro eine stärkere Liquiditätsausweitung darstellt als die mehrheitlich erwarteten 480 Milliarden, also 80 Milliarden für sechs Monate.

Daß die Märkte auch die EZB-Entscheidung positiv gewertet haben, läßt Gutes hoffen für die als sicher geltende Zinserhöhung der Fed an diesem Mittwoch. Zuletzt hatten die Arbeitsmarktberichte für Oktober und November zwar keine überschäumende Dynamik suggeriert, sie waren aber bei weitem nicht schlecht genug, um die Fed von der seit langem vorbereiteten Zinserhöhung abzuhalten. Der andere, nach dem September-Treffen der Fed als möglicher Hinderungsgrund geltende Faktor, nämlich ein unerwarteter Sieg von Donald Trump bei der Präsidentschaftswahl, hat sich ja ebenfalls inzwischen auf geradezu wundersame Weise erledigt, denn statt Trump in erster Linie als Risiko und damit Grund für eine lockere Fed-Haltung zu lesen, haben sich die Finanzmärkte ja auf die Version verständigt, daß unter Trump Wachstum und Inflation steigen und damit eher mehr Gründe für eine Zinserhöhung vorliegen. Bleibt also der Blick nach vorn: Wird die Fed wirklich im nächsten Jahr drei Zinsschritte folgen lassen, wie die Gouverneure selbst in ihren „dots“ andeuten? Und wird der Markt damit auf die Zinserhöhung diese Woche negativ reagieren, weil dieser Mittwoch nun wirklich und unumkehrbar den Startschuß für unruhige Zeiten an den Rentenmärkten bedeutet? Wir glauben, die Antwort auf beide Fragen heißt nein. Erstens scheint der Markt der Fed ihre Zinsanhebungsfantasien für 2017 genauso wenig zu glauben wie vor einem Jahr die damals angekündigten drei bis vier Zinsschritte für 2016. Und zweitens scheint eine Normalisierung der Zinslandschaft aus Marktsicht völlig in Ordnung zu sein, solange sie im Umfeld steigenden Wachstums und wieder höherer Inflation stattfindet.

Was bedeutet das für Anleger?

Trifft diese Interpretation zu, könnte mit der Zinsentscheidung der Fed am Mittwoch das letzte potentielle Hindernis für eine zumindest verhaltene Jahresendrally aus dem Weg geräumt sein. Sollte die Kursentwicklung der letzten Tage weitergehen, wäre dies durchaus bemerkenswert, denn es würde bedeuten, daß die Aktienmärkte das Jahr erheblich im Plus beschließen und auch die Zinsen deutlich höher liegen als noch vor wenigen Wochen für vorstellbar gehalten. Vor allem, wenn wir uns den durch China, Ölpreis und Rezessionsangst ruinierten Jahresstart ins Gedächtnis rufen und uns vorstellen, wie unwahrscheinlich eine so markante Erholung angesichts der politischen Eventrisiken wie Brexit, US-Wahl etc. damals aussah. Ein derart versöhnliches Jahresende wäre dann auch eine gute Vorgabe für 2017, eine Art Dejà Vu angesichts der vielfältigen Zins- und Politikrisiken, die für nächstes Jahr auf der Liste stehen.