Nach der Wahl ist vor der Wahl

Nachdem Anleger in einer unmittelbaren Reaktion auf den Wahlsieg Trumps eine Art Positivszenario durchgespielt hatten, wuchs in den Tagen danach dann doch die Skepsis inwieweit die wachstumsdämpfenden Reformpläne auf Trumps Agenda die wachstumsfördernden überlagern könnten. Auch die Nominierung von Stephen Bannon als Trumps „Chefstratege und führendem Berater“ sorgte nicht gerade für Euphorie, gilt der Wahlkampfmanager Trumps doch als ein radikaler Hardliner, der unter anderem über seine Website „Breitbart News“ polemische und provokative Verschwörungstheorien verbreitet. Mit der Ernennung von Reince Priebus als neuen Stabschef versucht Trump jedoch offenbar eine Brücke zum Washingtoner Establishment zu schlagen. Der in Washington gut integrierte Insider wird ab Januar den gesamten Verwaltungsapparat in Washington leiten. Bannon und Priebus sollen laut Trump auf Augenhöhe zusammenarbeiten. Wer von beiden allerdings letztlich mehr Einfluss auf Trump und die Entscheidungsprozesse im Weißen Haus haben wird, wird politisch wichtig sein und dürfte auch von den weiteren Kabinettsnominierungen abhängen.

Mit einer Mehrheit im Kongress haben Trump und die Republikaner rein theoretisch eine große legislative Beinfreiheit. Aber wie für viele Politiker in der Welt gilt auch für die Republikaner im Kongress: sollte ihre Wiederwahl aufgrund Trumps Agenda gefährdet sein, werden sie sich auf die Hinterbeine stellen und womöglich rebellieren. Mit anderen Worten: wenn Trumps Politik gegen allzu viele traditionell republikanische Positionen läuft, könnten die Spannungen bereits vor den nächsten „Midterm-Elections“ in 2018 sehr intensiv werden. Die Unsicherheit über den künftigen wirtschaftlichen und politischen Kurs der USA ist also durchaus groß.

Für die US-Notenbank hat die für viele überraschend positive Marktreaktion auf den Wahlausgang hingegen den Weg für eine Zinsanhebung im Dezember frei gemacht. Auf ihrer ersten Rede nach der Präsidentschaftswahl stellte Yellen am vergangenen Donnerstag einen Zinsschritt auf der nächsten FOMC-Sitzung recht deutlich in Aussicht. Aber auch einen Seitenhieb auf Trump, der die Unabhängigkeit der Fed unter Yellen in Frage gestellt hatte, konnte sich die Notenbankchefin nicht verkneifen. Yellen bestritt vehement, dass die Fed in den letzten Jahren die Zinsen niedrig hielt, um Obama das Regieren zu erleichtern. Hier zeichnet sich ganz offensichtlich eine frostige Beziehung zwischen Fed und Weißen Haus – zumindest bis zum Ende von Yellens Amtszeit im Jahr 2018 – ab.  

Ansonsten gilt dieser Tage: Nach der Wahl ist vor der Wahl, wobei sich der Fokus nun wieder nach Europa verlagert. Am 4. Dezember steht neben der Präsidentschaftswahl in Österreich die mit Spannung erwartete Volksabstimmung über die Senatsreform in Italien an. Für Renzi stehen die Zeichen dabei gar nicht gut. In 32 Umfragen, die seit dem 21. Oktober durchgeführt wurden, lag das Lager der Reformgegner in ausnahmslos allen vorne. Obwohl der Anteil der unentschiedenen Wähler mit fast 30 Prozent immer noch hoch ist, sollte sich die Regierung in Italien ernsthaft mit einem Plan B beschäftigen, falls das Referendum verloren gehen und Renzi aufgrund steigenden politischen Drucks zu einem Rücktritt gezwungen sein sollte. Das Fehlen eines solchen Plans wiederum würde die Politik in Italien in ein sehr unruhiges Fahrwasser entlassen.   

In Frankreich wurde am vergangenen Sonntag die heiße Phase des Wahlkampfes eingeläutet. Mit dem etwas überraschenden Ausscheiden Sarkozys stehen sich am nächsten Wochenende Alain Juppé und Francois Fillon in der Stichwahl um die Präsidentschaftskandidatur der konservativen Partei gegenüber. Fillon gewann die meisten Stimmen in der ersten Runde, der liberalere Juppé gilt jedoch weiter als der Kandidat mit den besseren Aussichten in einem etwaigen Rennen gegen Marine Le Pen. Der kommende Sonntag wird also bereits richtungsweisend im Hinblick auf den Wahlausgang am 23. April.   

Was bedeutet das für Anleger?

Die Erwartung einer „Trumpflation“ in den USA hat den seit Sommer anhaltenden Trend zu steigenden Inflationserwartungen am Markt noch einmal verstärkt. Die langfristigen Preissteigerungserwartungen jenseits des Atlantiks notieren mit circa 2,5 Prozent auf dem höchsten Stand des Jahres. Die Zinskurve in den USA hat als Reaktion darauf enorm an Steilheit gewonnen. Der Renditeabstand zwischen US-Staatsanleihen mit zwei und zehn Jahren Restlaufzeit ist mit etwa 1,25 Prozentpunkten ebenfalls auf einem neuen Jahreshoch angelangt. Ausgehend von diesem Niveau, dürfte sich die Gefahr weiterer abrupter Zinsanstiege aus unserer Sicht nun erstmal ein Stück weit verringert haben. Gut möglich, dass der Rentenmarkt in den USA bis auf weiteres in einer abwartenden Haltung verharren wird, bis erste konkrete Stimulusmaßnahmen von Trump auf den Weg gebracht werden. Eine ausgeprägte „Trumpflation“ ist Stand heute alles andere als eine ausgemachte Sache.

Der massive Anstieg des US-Dollars auf ein neues Jahreshoch war in den letzten Tagen Spiegelbild des gestiegenen „Transatlantikspreads“, also des Zinsunterschiedes zwischen der Eurozone und den USA. Ein deutlich steilerer Zinsanstiegspfad in den USA ist bei Euro-Dollar mittlerweile ebenso eingepreist, wie eine Verlängerung des EZB-Ankaufprogramms im Dezember. Genau wie am Zinsmarkt stehen die Zeichen ausgehend von diesen Prämissen nach der starken Bewegung nun erst einmal auf Konsolidierung.

Am Aktienmarkt haben die steigenden Inflationserwartungen derweil defensive Werte stark unter Druck gesetzt. Firmen mit einem weniger konjunkturabhängigen Geschäftsmodell leiden traditionell stärker, wenn die Zinsen steigen. Zyklische Werte hingegen konnten profitieren. Ob uns aber tatsächlich eine Sektorrotation hin zu Zyklikern ins Haus steht, wird ebenfalls stark vom zukünftigen Pfad der Zins- und Inflationsentwicklung in der Welt abhängen. Bereits die kommenden Tage könnten in Form weiter Kabinettsnominierungen durch Trump hier für etwas mehr Prognosesicherheit sorgen.