Donald oder Hillary? Das Warten hat ein Ende!

Heute ist es nun endlich so weit. Viel wurde debattiert und gestritten. Jegliche dreckige Wäsche wurde gründlichst gewaschen. Nach diesem außergewöhnlichen Wahlkampf werden heute rund 200 Millionen wahlberechtige US-Amerikaner an die Urnen gebeten. Morgen früh vor Marktöffnung werden wir wahrscheinlich schon wissen, wer das neue Staatsoberhaupt der Vereinigten Staaten von Amerika sein wird. Das letzte Wahllokal schließt um 6 Uhr morgens mitteleuropäischer Zeit. Voraussichtlich werden wir allerdings schon etwas früher erfahren, wer das Rennen gemacht hat. Zur Erinnerung: Vor vier Jahren wurde Obama wenige Minuten vor 6 Uhr (MEZ), nachdem die Stimmen in Kalifornien ausgezählt waren, von den Fernsehanstalten als Wahlsieger verkündet.

Auch wenn noch alles möglich erscheint: Ein Wahlsieg Clintons bleibt nach unserem Dafürhalten trotz der Ereignisse der vergangenen Tage das wahrscheinlichere Szenario. Für einen Trump-Sieg müssten schlichtweg unrealistisch viele – aus seiner Sicht günstige – Faktoren zusammenkommen. Die Märkte sehen das zwar grundsätzlich nach wie vor auch so. Dennoch bekamen einige Anleger, die sich bereits pro Clinton positioniert hatten, in den letzten Tagen offenbar kalte Füße und trennten sich von Aktien und anderen risikobehafteten Anlagen. Datenveröffentlichungen, wie etwa die des US-Arbeitsmarktberichts, der unter anderem mit dem höchsten Stundenlohnzuwachs seit sieben Jahren aufwartete, fanden angesichts „des großen Elefanten im Raum“ dagegen keine Beachtung. Der S&P 500 legte mit neun Tagen fallender Kurse hintereinander sogar den längsten Negativlauf seit 1980 (!) aufs Parkett. Der DAX zeigte sich ähnlich anfällig. Am Freitagabend stand ein Wochenminus von etwa vier Prozent auf der Anzeigetafel in Frankfurt. Beide Indizes kämpfen zudem mit der aus psychologischer Sicht wichtigen 200-Tages-Linie, die in der Vergangenheit schon oft ein wichtiger Wegweiser für die zukünftige Kursentwicklung gewesen ist. Aber was bedeuten schon derartige charttechnische Marken angesichts dieser wichtigen Wahl?

In Großbritannien hat das High Court in der vorherigen Woche derweil für Aufsehen gesorgt und entschieden, dass die britische Regierung sich das O.K. des Parlamentes einholen muss, bevor sie den Antrag nach Artikel 50 des EU-Vertrages in Brüssel stellen kann. Eine herbe Niederlage für May und alle Brexit-Befürworter. Am 4. Dezember entscheidet das Supreme Court final in dieser Sache. Sollte die Entscheidung des High Court bestätigt werden, wäre der Zeitplan, den Antrag bis Ende des ersten Quartals 2017 zu stellen, zumindest ernsthaft in Gefahr. Ein „Soft-Brexit“ in Anlehnung etwa an das norwegische Modell halten wir allerdings nach wie vor für keine gangbare Lösung aus Sicht der britischen Regierung. Insofern bleiben wir auch bei unserer Einschätzung: Entweder gibt es einen „Hard-Brexit“ oder gar keinen Brexit. 

Was bedeutet das für Anleger?

Noch vor Wochenfrist lag die Wahrscheinlichkeit für einen Wahlsieg Trumps in der Größenordnung von nur 15 Prozent. Nach den neuen FBI-Ermittlungen gegen Clinton und Kursverlusten an den Aktienmärkten in den zurückliegenden Tagen würde ein Wahlsieg Clintons nun wohl allerdings doch einer deutlichen Erleichterung gleichkommen. Eine Erholungsrallye wäre durchaus wahrscheinlich. Die Risikoneigung der Anleger rund um den Globus würde vermutlich sprunghaft ansteigen. Rasche Kapitalflüsse in die Schwellenländer und andere hochrentierliche Assetklassen wären entsprechend zu erwarten. Der Euro sollte zulegen. Beim Goldpreis würde vermutlich eine „Trump-Risikoprämie“ in der Größenordnung von 30-50 US-Dollar pro Unze ausgepreist werden und Gewinnmitnahmen entsprechend zu einem Fallen des Edelmetallpreises beitragen.

Im weniger wahrscheinlichen Falle eines Trump-Sieges würde sich die Welt aber auch weiterdrehen. Nach einem ersten Schock und weiteren Verlusten dürften Anleger zumindest ein gutes Stück weit pragmatisch mit einem derartigen Ausgang umgehen. Wir erwarten an den großen Aktienmärkten somit auch keinen ähnlich heftigen Rücksetzer wie nach dem Brexit, sollte Trump gewinnen. Er stünde schließlich unter anderem für weniger Unternehmenssteuern und mehr staatliche Ausgaben – also durchaus für die Möglichkeit mittelfristig stärker steigender Unternehmensgewinne als unter Clinton. US-Treasuries würden wohl in einer ersten Reaktion zunächst einmal spürbare Zuflüsse verzeichnen – mit der Konsequenz niedriger US-Zinsen. Auch deutsche und japanische Bundesanleihen dürften als sicherer Hafen in diesem Szenario in den ersten Stunden und Tagen nach Bekanntwerden des Ergebnisses reißenden Absatz finden. Das gleiche gilt für Gold. Der US-Dollar wäre bei einem Trump-Sieg unter Umständen sogar Profiteuer davon, dass selbst dann Gelder in die USA fließen, wenn die Quelle der Unsicherheit die USA selbst sind – ein Muster, welches in der Vergangenheit schon des öfteren zu beobachten gewesen ist.

Insgesamt werden auch die Höhe des Wahlsieges und die Ergebnisse der Kongresswahlen eine wichtige Rolle spielen. Nach Lage der Dinge sollten die Demokraten die Mehrheit im Senat zurückerobern. Die republikanische Mehrheit im Repräsentantenhaus scheint hingegen mehr oder weniger gesichert. Abweichungen von dieser Konsenserwartung würden allerdings noch einmal für ein Mehr an Marktbewegung sprechen.