Die Mär von der verfrühten Zinswende

Bei einigen Anlegern dürften in der vergangenen Woche Erinnerungen an das Frühjahr 2015 wach geworden sein. Wenige Wochen nach Beginn des QE-Programms der EZB fingen Anleiherenditen in Europa auf einmal und für viele unerwartet an zu steigen. Renditen zehnjähriger deutscher Bundesanleihen kletterten innerhalb weniger Wochen um knapp einen Prozentpunkt auf über 1,0 Prozent. Viele Marktteilnehmer diskutierten seinerzeit über eine mögliche Zinswende in Europa hin zu einem wieder höheren Zins- bzw. Renditeniveau. Was im Anschluss tatsächlich geschah, wissen wir alle: Die Zinswende bliebt aus und stattdessen fielen zehnjährige Bundrenditen bis Sommer 2016 auf bis zu -0,2 Prozent.

Letzte Woche nun stieg die Rendite zehnjähriger Bundesanleihen ausgehend von 0,0 Prozent rasant um 20 Basispunkte (oder 0,2 Prozentpunkte) und wieder spekulieren die Ersten über eine Gezeitenwende am Rentenmarkt. Damals wie heute waren steigende Inflationserwartungen vor dem Hintergrund sich aufhellender Konjunkturdaten für den Renditeanstieg bei längeren Laufzeiten mitverantwortlich. Letzte Woche machte etwa der Einkaufsmanagerindex in der Eurozone einen Satz auf den höchsten Stand seit Dezember 2015. Die Erwartungskomponente des ifo-Index in Deutschland legte gar auf den höchsten Wert seit August 2014 zu und die Inflation in Deutschland lag mit 0,8 Prozent so hoch wie seit Ende 2014 nicht mehr. Einige EZB-Ratsmitglieder wie etwa Yves Mersch nahmen dies zum Anlass, wieder einmal über die schädlichen Nebenwirkungen der lockeren Geldpolitik zu referieren. Mersch betonte, es sei wichtig, die unkonventionellen geldpolitischen Maßnahmen so früh wie möglich zu beenden, um etwaigen Schaden durch diese Maßnahmen zu beschränken. Kein Wunder, dass diese Kommentare den Zinsanstieg unterstützten.

In der Tat scheint einiges dafür zu sprechen, dass die Wachstumsprognosen in Europa in den letzten Monaten ein gutes Stück weit zu pessimistisch geworden sind. Das zeigen auch unsere hausinternen Analysen. Dementsprechend erscheint ein gewisser Renditeanstieg durchaus gerechtfertigt zu sein, wenn die Wachstumserwartungen nun auf niedrigem Niveau nach oben angepasst werden. Steigende Inflationserwartungen wird auch die EZB mit Wohlwollen zur Kenntnis nehmen. In der Eurozone notieren die langfristigen Inflationserwartungen mit knapp 1,5 Prozent deutlich höher als noch vor einem Monat. Kletternde Inflationserwartungen erhöhen unter anderem den Anreiz für Investitionen und tragen somit im Optimalfall zu einer tatsächlichen Rückkehr von Inflationsraten bei, die ihren Namen verdient haben. Und auch Banken dürften die Entwicklung erfreut verfolgen: Steigende Renditen längerer Laufzeiten bei gleichzeitig nahezu unveränderten Renditen am kurzen Ende der Renditestrukturkurve verbessern das Umfeld für den Bankensektor in Europa, weil das klassische Bankgeschäft der Fristentransformation wieder profitabler wird.

Auch in UK überraschten letzte Woche die Zahlen zum Wirtschaftswachstum für das dritte Quartal positiv, was auch dort den Zinsanstieg bei längeren Laufzeiten befeuerte. Nach dem Brexit-Votum startete die britische Wirtschaft erstaunlich schwungvoll in das zweite Halbjahr: Das BIP-Wachstum lag bei 0,5 Prozent. Die Zurückhaltung bei den Investitionen sollte auf der Insel dennoch auf absehbare Zeit zu einer spürbaren Verlangsamung des Wachstums führen.

Den Aktienmärkten jenseits und diesseits des Atlantiks schmeckte der Zinsanstieg nicht, obwohl die eigentliche Ursache für den Anstieg der Zinsen (steigende Inflationserwartungen) eigentlich positiv für den Aktienmarkt sein sollte. Allerdings sorgten die Berichtssaisons in den USA und Europa eher für Gegen- als für Rückenwind und auch die in einer Woche anstehende US-Wahl sorgte angesichts der erneut hochkochenden Emailaffäre um Clinton für Zurückhaltung unter den Anlegern. Ihre Umfragewerte näherten sich denen von Trump gegen Ende der letzten Woche wieder an.  

Was bedeutet das für Anleger?

Trotz der Entwicklungen am Rentenmarkt in der vergangenen Woche bleiben wir dabei: Obwohl wir langfristig steigende Zinsen erwarten, ist die Zeit für eine nachhaltige Zinswende in Europa aktuell noch nicht reif. Die „Tapering“-Diskussionen sind verfrüht. Zwar gibt es Anzeichen, dass die Konjunktur etwas runder läuft als gedacht. Dennoch bleibt das Wachstum strukturell schwach und bereits im kommenden Jahr muss man in Europa wieder mit einer leichten Verlangsamung der Wirtschaftsdynamik rechnen. Und auch sobald der Basiseffekt des Ölpreisanstiegs in 2017 aus der Inflationsrate verschwindet, könnte dies einen etwaigen Zinsanstieg bremsen. Eine taktische Positionierung auf Sicht einiger Monate zugunsten einer Korrektur der Wachstums- und Inflationserwartungen nach oben könnte allerdings abhängig vom individuellen Depot durchaus interessant sein.

Gerade Staatsanleihen aus sicheren Häfen sollten in diesem Szenario unter Druck geraten. Aktien sind zwar nicht immun gegen starke Kursverluste am Rentenmarkt. Dennoch könnte ein sich aufhellendes Konjunkturbild Dividendenpapieren einen Schub geben.

Darüber hinaus bestärkt uns die Outperformance der Schwellenländer in den letzten Wochen, dass unsere Empfehlung, auf ausgewählte Regionen und Assetklassen zu setzen, weiterhin richtig ist. Das gute Abschneiden in einem Umfeld steigender Zinsen in den USA und Europa sowie eines steigenden US-Dollars ist Spiegelbild einer deutlich höheren Widerstandsfähigkeit angesichts verbesserter Strukturen und Fundamentaldaten in vielen Ländern.

Was die laufende Woche betrifft, könnten der US-Arbeitsmarktbericht, Daten zu den US-Auftragseingängen sowie die Veröffentlichung der Stimmung der Einkaufsmanager nach den starken US-BIP-Zahlen dafür sorgen, dass letzte Zweifel an einer Zinsanhebung seitens der Fed im Dezember beseitigt werden. Eine Zinsanhebung auf der Fed-Sitzung in dieser Woche ist hingegen sehr unwahrscheinlich. Dem Trend hin zu steigenden Zinsen würde eine steigende Wahrscheinlichkeit für eine US-Leitzinsanhebung zusätzlichen Wind in den Segeln liefern. Von Seiten der Bank of England sowie der Bank of Japan, die diese Woche genauso tagen, ist ebenfalls zunächst keine Anpassung der jeweiligen Geldpolitik zu erwarten. Die Aktienmärkte dürften in dieser Woche hingegen in einer Art „Limbo-Zustand“ auf die US-Wahl warten. Viele Marktteilnehmer werden bereits positioniert und entsprechend im Wartestand sein.