Wirtschaftspolitik vor dem Paradigmenwechsel?

Die jüngst zu Ende gegangene IWF-Tagung in Washington brachte einmal mehr Bestätigung für einen anstehenden Paradigmenwechsel in der globalen Wirtschaftspolitik. Getrieben von der um sich greifenden Erkenntnis, daß die Zentralbankpolitik spürbar an ihre Grenzen stößt, glauben immer mehr Marktteilnehmer an eine wieder größere Rolle der Fiskalpolitik. Darauf deutet das Feedback hin, mit dem mehrere unserer Kollegen von den Meetings in Washington zurückkamen. Dies ordnet sich ein in den Kontext eines umfassender angelegten Paradigmenwechsels, denn nicht nur an der Stelle des klassischen deficit spending wird zunehmend wieder nach mehr Staat gerufen, sondern auch zur stärkeren Bekämpfung sozialer Ungleichheit (welche in Form populistischer Parteien politisch unerwünschte Folgen hervorbringt) oder einem wiederbelebten Gewicht der staatlichen Altersvorsorgesysteme (welche, im Gegensatz zur kapitalgedeckten Vorsorge, robust auf das Niedrigzinsumfeld reagieren). Kommen damit rund 35 Jahre Dominanz der Angebotsökonomik zum Ende?

Es mag zu früh sein, diese Feststellung zu unterschreiben. Fest steht, daß das lange befürchtete Ende der dekadenlangen Fixed Income-Rally aus einer etwas anderen Ecke drohen könnte als viele Anleger bisher erwarteten. Statt ängstlich auf anstehende monetäre Straffung der Zentralbanken als Ursache für Gegenwind am Rentenmarkt zu schielen, könnten Fixed Income-Anleger besser damit beraten sein, sich auf ausgabenfreundlichere Regierungen vorzubereiten. Träfe nämlich diese Vermutung ein, könnte sich der globale Wettbewerb um Kapital in relativ kurzer Zeit drastisch verschärfen, Zinsstrukturkurven steiler und entsprechend existierende Rentenportfolios in Mitleidenschaft gezogen werden. Bisher schlägt sich die steigende Nervosität am Rentenmarkt nicht in den Preisen nieder. In der letzten Woche blieben sowohl Niveaus als auch Spreads europäischer Anleihen nahezu unverändert. Solle sich aber die Perzeption eines Paradigmenwechsels in der Breite des Marktes durchsetzen, wären erhebliche Preisreaktionen unseres Erachtens unvermeidlich.

Für den republikanischen US-Präsidentschaftskandidaten Donald Trump hat das Endspiel begonnen. Drei Wochen vor der Wahl liegt er, nach einer erneuten Serie unsäglicher verbaler Ausfälle und Beleidigungen, nunmehr in Umfragen zwischen fünf und acht Punkten hinter seiner Rivalin Hillary Clinton. Aus einigen umkämpften Bundesstaaten hat sich Trump bereits zurückgezogen, und aus heutiger Sicht würden selbst Siege in Ohio und Florida nicht reichen, um die nötigen 270 Wahlmänner im Electoral College hinter sich zu bringen. Trump reagiert auf diese zunehmend aussichtslose Lage mit wütenden Beschimpfungen. Über Twitter verbreitet er die Behauptung, die Wahl sei schon im Vorfeld von den Demokraten korrumpiert, und ruft seine Anhänger indirekt zur Revolte auf. Als Folge wird die Demokratie insgesamt beschädigt. Die „Grand Old Party“, welche einst den großen Präsidenten Abraham Lincoln hervorbrachte, scheint mit der Auswahl ihres diesjährigen Kandidaten an einem nie für möglich gehaltenen Tiefpunkt angekommen zu sein. 

Was bedeutet das für Anleger?

In der vergangenen Woche sorgten zwei Datenpunkte aus den USA für hochgezogene Augenbrauen. Zuerst fiel der JOLTS-Bericht, in dem offene Stellen und die Fluktuation am Arbeitsmarkt gemessen werden, von 5,87 Mio. auf 5,44 Mio., den niedrigsten Wert seit Ende letzten Jahres. Dann kam am Freitagnachmittag der viel beachtete Verbrauchervertrauensindex der University of Michigan mit nur noch 87,9 heraus, deutlich niedriger als im August (91,2). Sicherlich sind dies nur vereinzelte Datenpunkte in einem ansonsten robusten Bild der US-Volkswirtschaft. In einem Umfeld, in dem mit Argusaugen auf die nächste Zinserhöhung der Fed geschaut wird, stoßen aber auch derartige kleine Schwächezeichen auf Interesse.

Entsprechend richtet sich der Blick in dieser Woche auf die Inflationsdaten. Sowohl in der Eurozone als auch den USA werden hier die im Fokus stehenden Jahresmaße für die Verbraucherpreise unverändert gegenüber dem Vormonat erwartet. Für die Kerninflation bedeutet dies magere 0,8% in Europa, deutlich stärkere 2,3% in den USA. Wir denken, daß die EZB-Sitzung am Donnerstag dennoch weitgehend ereignislos verlaufen dürfte; neue Maßnahmen sind nicht zu erwarten. Außerdem dürfte die Inflationszahl aus Großbritannien einige Aufmerksamkeit erhalten, denn im Gegensatz zu den USA und der Eurozone wird hier eine Beschleunigung der Jahresrate von 0,6 auf 0,8% erwartet, Konsequenz der Pfund-Abwertung nach dem Brexit-Votum. Sollte die britische Inflation in den kommenden Monaten deutlich anziehen, könnte dies den Spielraum der Bank of England einschränken, wenn es darum geht, mit expansiver Geldpolitik auf schwächere Wirtschaftsdaten zu reagieren. Der Druck auf die Regierung von Theresa May würde dann weiter zunehmen.