Aufwachen aus der Sommerträgheit

Es ist noch Leben in den Märkten. Wer das nach den einschläfernden Sommerwochen mit ihrer überraschend niedrigen Volatilität bezweifelt haben sollte, wurde in den vergangenen Handelstagen eines Besseren belehrt. Dabei wurde der Grundstein für den schwankungsanfälligeren Handel der vergangenen Woche schon am Donnerstag und Freitag davor gelegt, als nämlich – wieder einmal – die Zentralbanken für Aufmerksamkeit sorgten. Erst bewirkte die EZB mit ihrer Entscheidung gegen neue Stimulusmaßnahmen, daß die Rendite der zehnjährigen Bundesanleihe über null kletterte. Am Freitag legte die US-Notenbank Fed nach, indem der Bostoner Gouverneur Eric Rosengren der US-Volkswirtschaft ein Überhitzungsrisiko attestierte und damit Spekulation um eine baldige Zinserhöhung befeuerte. Seitdem haben europäische Aktien um 3-4% nachgegeben, ihre Volatilität stieg von unter 20 phasenweise auf den bisherigen Jahresdurchschnitt von etwa 26. Wie fast immer bei derartigen Gelegenheiten - und scheinbar paradox angesichts der Tatsache, daß der Hauptauslöser seine Wurzeln in den USA hatte – kamen die großen amerikanischen Indizes deutlich besser davon. Ihre Abschläge zwischen den Rosengren-Kommentaren und dem Ende der darauffolgenden Woche betrug nur rund 1,5%.

Die letzten Äußerungen seitens der Fed-Offiziellen vor der Ruheperiode, die regelmäßig vor Zinsentscheidungen einzuhalten ist, kamen von der Fed-Gouverneurin Lael Brainard. Sie relativierte die Einschätzungen ihrer auf baldige Zinserhöhungen drängenden Kollegen, indem sie auf den nur schwachen Lohndruck und das infolgedessen unbefriedigende Inflationsbild hinwies. Obwohl Frau Brainard als geldpolitische Taube gilt, verhalfen ihre Kommentare den amerikanischen Aktienkursen zur Erholung. Unterm Strich bleibt aber festzuhalten, daß die Märkte angesichts der für Mittwoch anstehenden Zinsentscheidung keineswegs klar sehen. Zwar ist eine Zinserhöhung nur zu etwas über 20% eingepreist, aber gerade die letzten Äußerungen der Fed-Offiziellen deuten darauf hin, daß auch das FOMC selbst hin- und hergerissen ist. Wir erwarten, daß die Entscheidung gegen eine Zinserhöhung ausfällt, Janet Yellen aber in der anschließenden Pressekonferenz eine Zinserhöhung für den 14. Dezember wahrscheinlich erscheinen lässt. Sollte es so kommen, wäre die Marktreaktion vermutlich eher positiv. Enttäuschung angesichts einer allzu zögerlichen Fed, wie noch vor einem Jahr zu beobachten, ist eher unwahrscheinlich. Auch an die Tatsache, daß die amerikanische Geldpolitik nicht mehr mit herkömmlichen Maßstäben zu messen ist, haben sich Investoren inzwischen gewöhnt.

Leicht in Vergessenheit gerät in diesem Zusammenhang, daß es auch am 2. November noch eine Sitzung der Fed gibt, die Notenbank also bei Verzicht auf eine Zinserhöhung im September rein theoretisch nicht bis zum 14. Dezember warten müßte. Zwei Gründe sprechen allerdings dagegen. Erstens ändert die Fed traditionell den Leitzins selten, wenn nach der FOMC-Sitzung keine Pressekonferenz vorgesehen ist. Gerade in Zeiten, in denen offenbar so hart um den nächsten Zinsschritt gerungen wird, erscheint es kaum vorstellbar, daß Frau Yellen die Beweggründe ihrer Entscheidung nicht ausführlich darlegen will. Zweitens liegt der 2. November nur wenigen Handelstage vor der Präsidentschaftswahl (8. November). Auch wenn die Notenbank immer wieder beteuert, sich bei ihren Entscheidungen rein von ökonomischen Motiven leiten zu lassen und nicht auf die Politik zu schauen, halten wir doch eine markante geldpolitische Änderung so kurz vor der Wahl für unwahrscheinlich. Die Fed wird nicht den Eindruck von Parteinahme riskieren wollen.

Dabei hat Donald Trump in den letzten Tagen stark Boden gut gemacht. Hillary Clinton verlor an Rückhalt, weil sie nicht nur gesundheitlich angeschlagen ist (ein Tabu in der amerikanischen Politik), sondern dies sogar zu verheimlichen versuchte. Während Clinton also einmal mehr dem Ruch der Geheimniskrämerei, der ihr ohnehin anhaftet, Vorschub leistete, brachte Trump, was bisher selten passiert ist, eine Woche ohne schwere verbale Entgleisungen hinter sich. Letzteres reicht in dieser ungewöhnlichen Kampagne, in der die US-Wähler zwischen den unbeliebtesten Kandidaten aller Zeiten entscheiden müssen, schon für eine deutliche Verschiebung der Umfragewerte. Inzwischen liegen beide nahezu gleichauf.

Was bedeutet das für Anleger?

Anleger sollten sich mit Blick auf die US-Wahl zwei Fragen stellen. Erstens, kann Trump wirklich gewinnen? Und zweitens: Wenn ja, was bedeutet das für die Märkte? Die Antwort auf Frage eins lautet: Ja, absolut, allerdings hat er aufgrund des Wahlsystems höhere Hürden zu überwinden als seine Gegnerin. Clinton würde ein Sieg in zwei Swing States - Ohio und Florida – mit einiger Sicherheit zur Präsidentschaft reichen. Für Trump ist es dagegen deutlich schwieriger, auf die erforderlichen 270 Wahlmänner im Electoral College zu kommen. Schließt sich also Frage zwei an, und hier mag unsere Antwort überraschen. Wir halten es nämlich für denkbar, sogar wahrscheinlich, daß die Aktienmärkte auf einen Wahlsieg Trumps positiver reagieren würden als auf einen Triumph Clintons. So unfaßbar dies aus europäischer Perspektive auch klingen mag und so unbestritten die desaströsen Langfristfolgen einer Trump‘schen Präsidentschaft vermutlich wären, so sehr glauben wir doch an den unerschütterlichen Pragmatismus amerikanischer Aktieninvestoren. Und in deren Einschätzung sind republikanische Präsidenten typischerweise besser fürs Geschäft als ihre demokratischen Mitbewerber.

Bleibt noch der Blick auf die Makrodaten dieser Woche: Neben der Fed tagt am Mittwoch auch die Bank of Japan. Die Zinsen dürften unverändert bleiben, eine Ausweitung der Anleihe- und ETF-Käufe ist aber eine realistische Option. Zum Wochenschluß kommen dann noch die Einkaufsmanagerindizes für die Eurozone heraus. Zwar rechnen Marktteilnehmer mit einem kleinen Rückgang. Sollte letzterer aber unerwartet kräftig ausfallen, könnte dies den Wochenausklang vor allem für europäische Investoren verhageln.