Gold für Brasilien

Was beim Beachvolleyball der Frauen nicht geklappt hat, gelingt Brasilien in der Disziplin Aktienmärkte. Das Land gewinnt mit dem Bovespa die Goldmedaille unter den Industrie- und großen Schwellenländern, mit einer Kursentwicklung seit Jahresanfang von über 35%. Die Gründe sind schnell benannt, als da wären: Aufholpotential vom zuvor verzeichneten Kurseinbruch, Hoffnung auf politische Stabilisierung sowie Anzeichen steigender Rohstoffpreise. Bei näherem Hinsehen verwundert jedoch der Optimismus. Wie stark die Unternehmensgewinne wachsen können angesichts einer Volkswirtschaft, die 2015 um 3,5% geschrumpft ist und dieses Jahr einen Einbruch in ähnlicher Größenordnung hinzulegen droht, ist zumindest fraglich. Ebenso offen erscheint, wie sehr die politische Stabilisierung nach der Amtsenthebung von Dilma Rousseff, die nicht wenige als Ausbootung einer zu wenig wirtschaftsfreundlichen Konkurrentin verstanden, zu wirklichen Verbesserungen führt. Angesichts der laufenden Korruptionsverfahren gegen zahlreiche Parteifreunde von Interimspräsident Michel Temer findet so mancher, man habe den Bock zum Gärtner gemacht. Bleibt der Blick auf die Rohstoffpreise, wo Brasilien, etwa bei Öl und Eisenerz, im globalen Vergleich eine starke Rolle spielt. Zwar haben sich hier die Preise stabilisiert, aber die weitere Entwicklung hängt angebotsseitig am politischen Willen, weltweite Überkapazitäten einzuschränken, und nachfrageseitig an der Industrie- und Bauaktivität in China. Mit derartigen Abhängigkeiten das Kursfeuerwerk am Zuckerhut zu rechtfertigen, bleibt wohl Optimisten vorbehalten.

Letztere zumindest befinden sich gegenwärtig in bester Gesellschaft. Die Tatsache, daß Aktienbörsen trotz zahlreicher politischer Stolpersteine auch anderswo nahe ihrer historischen Höchststände notieren, wird unisono mit der Aussicht auf immer neue Unterstützung seitens der Zentralbanken begründet. Und richtig, wenn schon die Gewinne kaum noch wachsen, dann sorgt das Füllhorn der Geldpolitik dafür, daß immerhin die Vielfachen, die Investoren für zukünftige Unternehmensprofite zu zahlen bereit sind, kräftig zulegen. Diese „multiple expansion“ hat zuletzt einen wesentlich höheren Anteil der Kursveränderungen erklärt als die Gewinne selbst. Und deshalb ist es auch legitim, daß Anleger mit Argusaugen auf die Verlautbarungen der wichtigsten Zentralbanken schauen, wie etwa die Veröffentlichung der Protokolle aus den letzten Fed- und EZB-Sitzungen, die letzte Woche zugänglich gemacht wurden. Im Fall der Fed offenbaren die FOMC Minutes ein bemerkenswertes Maß an Unsicherheit über den Zustand der US-Wirtschaft. Im Zweifel, so liest man zwischen den Zeilen, wird die Fed wohl mit einem weiteren Zinsschritt warten, bis deutlich höhere Inflationswerte vorliegen. Angesichts der zuletzt beobachteten Zähigkeit, mit der selbst starke Arbeitsmarktzahlen auf die Lohnentwicklung durchwirken, kann es mit der Inflation durchaus dauern. Zwar haben verschiedene Fed-Gouverneure in den letzten Tagen versucht, den Eindruck zu zerstreuen, ein Zinsschritt im September sei bereits jetzt vom Tisch, aber die Hinweise verdichten sich, daß genau dies der Fall ist. Mit dem Verweis auf neue Erkenntnisse aus den zwischenzeitlich zu erwartenden Makrodaten läßt sich die Fed natürlich alle Türen offen, aber die Wahrscheinlichkeit eines Schrittes selbst im Dezember liegt inzwischen wohl deutlich unter 50%.

Die EZB, von der viele erwarten, bald erneut unter Handlungsdruck zu geraten, versucht im Protokoll ihrer Juli-Sitzung ebenfalls, sich alle Möglichkeiten offen zu halten. Zwar verweist die Bank auf die im Zuge des Brexit-Votums gestiegenen Unsicherheiten für die Wirtschaft in der Eurozone, andererseits fordert sie Geduld mit den bisher ergriffenen Maßnahmen ein. Insbesondere das erst im Juni aufgelegte Ankaufprogramm für Unternehmensanleihen sowie die langfristigen Liquiditätsmaßnahmen zur Kreditvergabe (TLTRO II) würden, so das Protokoll, in den kommenden Monaten erst ihre Wirkung entfalten und die geldpolitische Ausrichtung noch expansiver machen. Außerdem wirkten monetäre Maßnahmen immer erst mit erheblicher Zeitverzögerung.

Nach unmittelbar bevorstehenden weiteren Maßnahmen klingt das nicht, weder im Fall der Fed noch der EZB. Mit der Einschätzung, daß die Geldflut an den Finanzmärkten auf absehbare Zeit ungebremst weitergeht, könnten Anleger insofern durchaus richtig liegen.

Was bedeutet das für Anleger?

Das alles sind Gründe für weitere Kursunterstützung selbst bei stagnierenden Erträgen, mit anderen Worten einer weiteren Aufblähung der Gewinnvielfachen. Wie also ist es um letztere bestellt? Antworten hierauf liegen natürlich immer in den Unternehmen selbst, aber eine erste Indikation läßt sich mit Blick auf das gesamtwirtschaftliche Wachstum gewinnen. In dieser Hinsicht ist diese Woche interessant, denn sie bietet mit den Einkaufsmanagerindizes (PMIs) in der Eurozone, den USA, Deutschland und weiterer Länder einen zeitnahen Einblick in die wirtschaftliche Aktivität im August. Die im Vormonat veröffentlichten PMIs der Eurozonen- und US-Wirtschaft hatten eher knapp über der Expansionsschwelle von 50 gelegen – dies aber immerhin für Industrie und Dienstleistungen –, wogegen die Werte für Deutschland zwei, drei Punkte höher hereinkamen. Morgen verraten darüber hinaus die BIP-Details, was das überraschend solide BIP-Wachstum hierzulande im zweiten Quartal angetrieben hat, und am Donnerstag fühlt der Ifo-Index 7000 deutschen Unternehmen den Puls. Zumindest die Beurteilung der gegenwärtigen Lage dürfte sich, wenn die entsprechende Vorgabe vom ZEW-Index der letzten Woche die üblich zulässige Orientierung ist, weiter verbessern. Auch mit Blick auf den Ifo-Index haben die Geschäftserfolge deutscher Unternehmen – und damit die Aktienkurse – also Luft nach oben, zumindest insofern sie ihre Gewinne auch in Deutschland erzielen. Je größer allerdings die Unternehmen, desto weniger kann man letzteres voraussetzen. Dennoch ist die aktuelle Phase eine mit Potential für deutsche Aktien, ihre relative Unterbewertung zu den Pendants in den USA ein Stück weit zu verkürzen, zumindest solange das risikofreundliche Umfeld anhält.