Gute Miene zum bösen Spiel

Die gute Nachricht zu Beginn: Wirklich böse Überraschungen blieben bei der Veröffentlichung der Bankenstresstestergebnisse am vergangenen Freitag aus. Wie erwartet schnitt zwar die italienische Bank Monte dei Paschi am schlechtesten ab. Für die älteste Bank der Welt wurde jedoch bereits unmittelbar vor Bekanntgabe der Ergebnisse ein Rettungsfahrplan bekanntgegeben, der wohlgemerkt keine Stützung durch Staatsgelder vorsieht. Deutsche Banken schlugen sich besser als befürchtet. Auch in Europa insgesamt zeigten sich die Institute im Durchschnitt dank erhöhter Eigenkapitalquoten deutlich widerstandsfähiger als noch beim letzten Test vor zwei Jahren. Vom Bankensektor ausgehende systemische Risiken erscheinen also zumindest in der Theorie überschaubar. Es ist aber natürlich trotzdem nicht alles Gold was glänzt. Das Profitabilitätsproblem vieler Banken könnte letztlich – sollte es nicht gelöst werden – doch in erneutes Solvenzproblem münden. Klar ist auch: Nur wenn Europas Banken zu alter Stärke zurückfinden, ist langfristig auch ein gesundes und stabiles Wachstum möglich. Wichtig ist daher, dass trotz der recht guten Testergebnisse nun in puncto Adjustierung der Geschäftsmodelle nicht nachgelassen wird. Vor allem aufgrund der Aussicht auf ein längerfristig niedriges Zinsniveau.

Im Schatten der Turbulenzen rund um den Bankenstresstest ist derweil der Ölpreis Ende letzter Woche auf den tiefsten Stand seit mehr als drei Monaten gefallen. Die Zeichen stehen sogar auf Bärenmarkt: Seit dem Höchststand im Juni sind die Preise für das schwarze Gold um 20 Prozent gefallen. Vor allem die Erkenntnis, dass das generelle Überangebot am Markt trotz einiger Förderausfälle in der jüngsten Zeit wohl noch eine Weile fortbestehen wird, setzt den Ölpreis unter Druck. In den Notenbanken dieser Welt wird der Preisverfall sicher für Unbehagen sorgen, war doch der Anstieg des Ölpreises einer der Hoffnungsträger im Hinblick auf bald wieder anziehende Inflationsraten. Grundsätzlich rechnen wir nicht mit einer allzu langen Abwärtsphase beim Ölpreis, weil ein spürbarer Angebotsrückgang bei weiter steigender Nachfrage bevorstehen dürfte. Aufgrund der hohen Lagerbestände werden die Bäume aber sicher nicht in den Himmel wachsen.

Steigende Preise für Güter und Dienstleistungen aufgrund eines stärkeren Wachstums beziehungsweise einer stärkeren Nachfrage scheinen aktuell ebenfalls kein Thema zu sein. Seit letzter Woche wissen wir nämlich, dass sich das Wachstum in der Eurozone nach dem vergleichsweise starken ersten Quartal im zweiten Vierteljahr spürbar verlangsamte. Die geringe Dynamik lässt auch für die zweite Jahreshälfte alles andere als eine Wachstumsexplosion vermuten. In den USA war im zweiten Quartal zwar ein leichter Anstieg des Wachstums zu verzeichnen. Allerdings wuchs die US-Wirtschaft mit annualisiert 1,2 Prozent deutlich weniger stark als gedacht. Kein Wunder also, dass die US-Notenbank in der vergangenen Woche einer Leitzinsanhebung im September indirekt eine Absage erteilt hat. Insgesamt war die Tonlage des Kommuniqués der Federal Reserve im Nachgang an die Zinssitzung erneut recht zurückhaltend, sodass die US-Leitzinsanhebungserwartungen leicht sanken. Die US-Währung reagierte entsprechend mit Verlusten. Wir halten eine „Weihnachts-Zinsanhebung“ genau wie im letzten Jahr weiterhin für möglich. Im Zweifel wird Yellen nach unserem Dafürhalten jedoch stets zu einem Beibehalten des Status-Quo denn zu einer Anhebung tendieren. Mit einer Zinsanhebung hat die Notenbank mehr zu verlieren als sie im aktuellen Umfeld gewinnen kann.

Was bedeutet das für Anleger?

Die erste Erleichterung im Nachgang an die Stresstestergebnisse könnte an den Märkten noch eine Weile andauern, bevor die Sitzung der englischen Zentralbank sowie der US-Arbeitsmarktbericht in den Fokus rücken. Während wir in England eine Zinssenkung erwarten, sollte der US-Arbeitsmarktbericht erneut bestätigen, dass der schwache Mai-Bericht trotz schwächer als erwartetem US-Wachstum ein Ausrutscher gewesen ist. Da die Lage am US-Arbeitsmarkt jedoch ohnehin nicht der Grund für die vorsichtige Haltung der US-Notenbank ist, wird ein robuster Arbeitsmarktbericht voraussichtlich wenig an dem generellen Kurs der US-Währungshüter ändern.

Die Märkte machen derweil weiter gute Miene zum vermeintlich bösen Spiel. Schwaches Wachstum, schwache Unternehmensgewinne und politische Turbulenzen von Italien bis in die Türkei werden ausgeblendet und offenbar besteht eine verbreitete Hoffnung darauf, dass am Ende „schon alles gut wird“. Die Aktienkurse auf beiden Seiten des Atlantiks steigen und steigen. Die nächste Volatilitätsspitze scheint jedoch angesichts der schwierigen Gemengelage aus schwachen Fundamentaldaten und politischen Unwägbarkeiten hingegen nur eine Frage der Zeit zu sein.