Bankenkrise reloaded?

Seit vergangener Woche steht fest: Großbritannien bekommt erstmals seit Margaret Thatcher aller Voraussicht nach wieder eine Premierministerin. Als künftige Regierungschefin wird in den nächsten Wochen wohl Theresa May gekürt. May bekräftigte ihre Position, das Brexit-Votum respektieren zu wollen und entsprechend den Austrittsantrag in Brüssel zu stellen, auch wenn sie sich bis Anfang 2017 Zeit lassen möchte. Somit wird bis zur Antragsanstellung also vermutlich noch mindestens rund ein halbes Jahr vergehen. Fraglich bleibt, wie die künftige Regierungschefin die eigentlich unvereinbaren Ziele – Beschränkung der Reisefrei- sowie Arbeitnehmerfreizügigkeit einerseits und der Beibehaltung des Zugangs zum EU-Binnenmarkt andererseits – erreichen möchte.  

Aufgrund der Brexit-Turbulenzen verlief der Start in das zweite Halbjahr ähnlich turbulent wie der in das erste. Es ging mit den Kursen risikobehafteter Aktiva zunächst einmal wieder bergab, weil die Nachwehen des britischen Austritts-Votums die Investoren weiterhin mit äußerster Vorsicht agieren lassen. Aktienindizes kerneuropäischer Länder liegen seit Monatsbeginn bereits wieder hinten. Interessant hingegen das Abschneiden britischer Aktien: der FTSE 100, also der Aktienindex der 100 größten britischen Unternehmen, liegt seit dem Referendum am 23. Juni recht deutlich im Plus. Diese auf den ersten Blick überraschende Beobachtung lässt sich schnell dadurch erklären, dass die in dem Index enthaltenen Werte ihre Umsätze weitestgehend im Ausland generieren. Ein schwaches Pfund erhöht also unmittelbar die Umsätze beziehungsweise die Gewinne gemessen in der Heimatwährung der vor allem international agierenden Unternehmen. Schaut man sich das Abschneiden der kleinen und mittelständischen britischen Unternehmen an, die kaum vom schwachen Pfund profitieren, ist die Lage ähnlich trostlos wie auf dem europäischen Festland.

Die gestiegene Unsicherheit und die Flucht in risikoarme Werte seit dem Brexit haben derweil ein anderes Thema wieder ganz nach oben auf die Tagesordnung gespült: die Sorge um die Stabilität europäischer Banken. Der Cocktail aus hoher Risikoaversion an den Märkten, Regulierung, Niedrigzinsumfeld und schwachen Bilanzen setzt die Institute aktuell massiv unter Druck. Es fällt einigen Banken nun auf die Füße, dass sie nach der Krise nicht nachhaltig aufgeräumt haben. Wenige Wochen vor der Veröffentlichung der Banken-Stresstestergebnisse am 29. Juli handeln die Aktien einiger Geldhäuser bei gerade noch einmal einem Fünftel ihres Buchwertes – oder sogar weniger. Besonders prekär erscheint die Lage in Italien, wo nur wenige Monate nach der Installierung eines Bankenrettungsfonds darüber nachgedacht wird, ob – entgegen der neuen Regeln der Bankenunion – Steuergelder zur Rettung der in Schieflage befindlichen Geldhäuser eingesetzt werden sollen. Wir sagen: Sollte die Vergabe von Staatsgeldern an strenge Bedingungen geknüpft werden, ist dieser Ansatz angesichts der ernsten Lage nach unserem Dafürhalten jedoch durchaus sinnvoll. Die Bankenkrise muss gelöst werden, denn ohne einen starken und funktionierenden Bankensektor kann Europas Wirtschaft nicht wachsen.

Der EU-Austrittswunsch hat derweil auch das Umfeld für die Zentralbanken verändert. Wir erwarten, dass die Bank of England in dieser Woche als erste Zentralbank auf das Votum reagiert und die Zinsen wieder senken und vielleicht sogar ein neues QE-Programm auf den Weg bringen wird. In den Mauern der altehrwürdigen Bank of England sorgt man sich weniger um deflationäre Tendenzen – das schwache Pfund macht die Importe teurer und wird somit eher für höhere Inflationsraten sorgen. Vielmehr droht dem Königreich nach der Brexit-Entscheidung eine Rezession, welcher die Bank entgegenwirken möchte.

In den USA hat das Protokoll der Fed-Sitzung im Juni gezeigt, dass die Notenbank bereits wenige Tage vor dem Referendum in einer abwartenden Haltung gewesen war. Nach dem Austritts-Votum in Großbritannien dürfte dies umso mehr der Fall sein. Der verbesserte US-Arbeitsmarktbericht für den Monat Juni, der den stärksten Stellenzuwachs seit Oktober 2015 auswies, wird die Mehrheit des geldpolitischen Rats in den USA letztlich wohl nicht dazu bewegen können, die Zinsen in den nächsten Monaten anzuheben.

Was bedeutet das für Anleger?

Man kann es kurz halten: In der nächsten Zeit ist nicht davon auszugehen, dass die Risikoaversion am Markt spürbar abnimmt. Zu viele stimmungsbelastende Faktoren sind am Werke. Wir halten es daher bis auf weiteres für angebracht, sichere Häfen wie Gold oder amerikanische Staatsanleihen ins Visier zu nehmen.

Das Highlight auf dem Datenkalender in dieser Woche dürfte die Sitzung der Bank of England werden, die in dieser Woche vermutlich die Zinsen wieder senken und eventuell sogar ein neues QE-Programm auf den Weg bringen könnte. Ansonsten ist der Kalender – wie zumeist in der Woche nach Veröffentlichung des US-Arbeitsmarktberichts – eher unterdurchschnittlich prominent besetzt, sodass die Geschehnisse auf der politischen Bühne auch in der nächsten Woche die erste Geige spielen werden.