Nach der Fed, vor dem Brexit?

Die Fed hat letzte Woche wie erwartet die Füße still gehalten. Für den nächsten Zinsschritt nach oben möchte die Notenbank weitere Belege für robustes Wachstum in den Vereinigten Staaten sehen, außerdem hat wohl die zuletzt gestiegene Wahrscheinlichkeit eines Brexit zur Entscheidung gegen eine Straffung der Geldpolitik schon im Juni beigetragen. Wir denken allerdings, daß selbst im Fall eines deutlich besseren Arbeitsmarktberichtes für Juli und eines marktfreundlichen Ergebnisses beim Brexit-Referendum die Chance einer Zinserhöhung schon im Juli eher gering ist. Zu unentschlossen klangen hierfür die Kommentare von Frau Yellen. Und weil die danach folgenden Fed-Termine (21. September und 2. November) in die heiße Phase des US-Präsidentschaftswahlkampfes fallen, darf man angesichts der bisher an den Tag gelegten Vorsicht der Fed von weiterer Zurückhaltung ausgehen. Im Ergebnis erscheint die offiziell kommunizierte Zinsorientierung der Notenbank, welche den Märkten unverändert ein bis zwei Zinserhöhungen bis zum Jahresende suggeriert, einmal mehr wenig glaubwürdig.

In den letzten zwei Wochen sind Anleger spürbar in Deckung gegangen. Entscheidender Grund für die erhöhte Risikoscheu ist wohl die Tatsache, daß ein Austritt Großbritanniens aus der EU wahrscheinlicher geworden ist. Den Befürwortern eines Verbleibs war es nach Ostern zwar gelungen, mit ökonomischen Argumenten zu punkten, aber zuletzt hatte das ‚Leave-Camp‘ die Debatte zunehmend zu einer Entscheidung für oder gegen das politische Establishment gemacht und somit – angesichts der Politikverdrossenheit vieler Briten – erheblich an Zulauf gewonnen. Auch das Versprechen der EU-Gegner, im Falle eines Austritts die Grenzen des Königreichs effektiver vor unerwünschten Migranten schützen zu können, verfängt in Zeiten, in denen offene Xenophobie wieder salonfähig geworden ist. Wie auch in anderen Ländern erscheint die britische Gesellschaft dieser Tage tief gespalten. Für die Finanzmärkte wird die Brexit-Entscheidung damit zu einem kaum ausrechenbaren Risiko.

Gegen Ende der letzten Woche schien sich die Stimmung dann wieder zu entspannen, Brexit-Angst wurde in gewissem Umfang ausgepreist. Dabei hatte sich an der Faktenlage nichts geändert. Was plötzlich einen Austritt Großbritanniens aus der EU weniger wahrscheinlich wirken ließ, war allein die Schockstarre, in die das ganze Land angesichts der brutalen Ermordung der Labour-Parlamentarierin Jo Cox, einer erklärten Befürworterin des Verbleibs in der EU, gefallen war. Auch wenn dieses Verbrechen die schreckliche Tat eines geistig verwirrten Einzeltäters gewesen sein sollte, so wird sie doch zum Fanal für eine völlig eskalierte Auseinandersetzung. Entlang der Bruchlinie zwischen Leave und Remain ist nicht nur in der Tory-Partei, sondern in der ganzen britischen Gesellschaft eine Unversöhnlichkeit entstanden, die zu überwinden selbst im Falle eines klaren Verbleib-Votums Jahre dauern dürfte.

Als wäre die Brexit-Entscheidung, meines Erachtens die für die Finanzmärkte und darüber hinaus wichtigste Weichenstellung in diesem Jahr, nicht genug, entscheidet an diesem Dienstag auch noch das Bundesverfassungsgericht endgültig über die Zulässigkeit von Outright Monetary Transactions (OMT) der Europäischen Zentralbank, genau des Instruments also, welches Mario Draghi einst im Jahr 2012 zur Rettung des Euro aus dem Hut zauberte. Interessanterweise hatte das BVerfG bei seinem Verweis der Angelegenheit an den Europäischen Gerichtshof anno 2014 klar zu verstehen gegeben, daß es OMT in der von der EZB angedachten Form nicht für verfassungsgemäß hielt. Da der EuGH dies erwartungsgemäß anders sah und den Fall mit seinem Gütesiegel versehen an die deutschen Kollegen zurückverwiesen hat, darf man jetzt auf die Entscheidung Karlsruhes durchaus gespannt sein. Zwar glauben wir nicht, daß die Richter angesichts der reichlich angespannten Lage an den Märkten OMT in Bausch und Bogen zu Fall bringen werden. Aber auch scharf formulierte Auflagen für die Teilnahme der Bundesbank an dem Programm könnten die Risikoaversion anheizen.

 

Was bedeutet das für Anleger?

Mit Blick auf die politischen Risiken treten die Konjunkturindikatoren dieser Woche in den Hintergrund, dabei würden sie wohl in normaleren Zeiten durchaus Beachtung finden. In Deutschland erwarten Marktteilnehmer für ZEW-, Ifo- und Einkaufsmanagerindizes jeweils leicht schwächere Werte als im Vormonat, in den USA stellt sich der Konsensus auf unveränderte PMI-Daten für die Industrie ein, und am Mittwoch bietet die EZB den Banken im Rahmen ihres neuen TLTRO-Programmes erstmals langfristige Liquidität zur Kreditvergabe an, zu extrem günstigen Konditionen. Der diesbezügliche Appetit der Kreditinstitute gilt als Gradmesser für den Genesungsfortschritt des europäischen Bankensektors.

Angesichts der oben genannten Risiken sollten Investoren weiter defensiv positioniert bleiben. Insbesondere im Fall einer Brexit-Entscheidung halten wir starke Abschläge bei Risikoaktiva für wahrscheinlich. Dies dürfte nicht nur britische Anlagen und das Pfund betreffen, sondern auch Kontinentaleuropa und den Euro. Der Dollarraum und klassische Krisenassets wie Gold werden wohl in diesem Umfeld gesucht bleiben.